Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten. Albert Camus

Begegnet der Welt!

Das Schloss wird nach dem Entwurf von Franco Stella wieder aufgebaut, egal, wie das Gericht am 2. Dezember entscheidet. Was jetzt vonnöten ist, ist eine breite kulturpolitische Debatte über das Konzept des Humboldt-Forums – bislang hat es nichts mit den realen Konflikten, die in unserer Gesellschaft verhandelt werden, zu tun.

Am 11. September 2009 hat das Bundeskartellamt festgestellt, dass der Vertrag der Bundesrepublik mit dem Preisträger des Architekturwettbewerbes, Franco Stella, nichtig und das Vergabeverfahren zu wiederholen sei.

Man kann davon ausgehen, dass sich an der Entscheidung für die jetzt mit Hochdruck begonnene Umsetzung des Stella-Entwurfs selbst nach einem negativen Bescheid des OLG Düsseldorf am 2. Dezember nichts ändern wird. Wie bereits angekündigt, wird man dann die verpassten Formalien nachholen.

Dabei mangelt es nicht an bedenkenswerten Beiträgen kritischer Stimmen in der Öffentlichkeit. Inzwischen distanzieren sich auch ehemalige Stella-Unterstützer, die eine unbotmäßige Einflussnahme der Auftraggeberin auf den Stella-Entwurf monieren. Offensichtlich hat sich aber der Eindruck festgesetzt, dass man lange genug geredet hätte und dass nun gehandelt werden müsse. Ins Hintertreffen gerät dabei nicht nur die Architekturdebatte, die ohnehin einen zu engen Rahmen gesetzt bekommen hatte.

Auch um die Frage nach der inhaltlichen Bestimmung des Humboldt-Forums wird noch gerungen. Nichts weniger als die “Begegnung mit der Welt” wird dort versprochen. Auf “hohem Niveau für alle” soll dort die “geistige Mitte der Nation” entstehen.

Wo ist die geistige Mitte?

Still schon während der Expertenkommission geäußerte Hinweise, dass sich der Zugang zum Wissen und zur Welt durch Tourismus und das Internet doch so stark geändert habe, dass Vermittlungsinstitutionen wie Museen und Universitäten davon betroffen sind, werden weder in der Architektur- noch der Konzeptdiskussion geführt. Insofern wirkte die Präsentation “Anders zur Welt kommen”, die im Alten Museum zu sehen ist, eher wie der Kaiserschnitt der Kultur: Herausgekommen ist ein Völkerkundemuseum – und das soll die geistige Mitte sein?

Die Idee von Klaus-Dieter Lehmann, die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen auf dem Schlossplatz unterzubringen, ist im Kern eine gute Richtungsentscheidung. Die Raumbedarfe, wie es gegenwärtig zu passieren scheint, auf die Sammlungspräsentation anzupassen, ist die pragmatische Umsetzung.

Was jedoch fehlt, ist eine breite kulturpolitische Diskussion in Deutschland, die die nachlassenden kulturellen Kohäsionskräfte in einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft versucht aufzufangen. Dazu könnte das zukünftige Humboldt-Forum tatsächlich beitragen.

East meets West

Von der Religionswissenschaft kann man lernen, dass Kultur eine Äußerung bewältigter Realkonflikte ist und Kunst das Ringen darum. Warum also schauen Menschen Kunst an? – Weil sie etwas über sich und ihre Fragen lernen wollen und die Vermutung haben, dass ihnen Kultur auf einer sinnlichen, wie symbolischen Ebene Antworten geben kann, die sie von der Politik nicht bekommen und von der Religion nicht annehmen.

Also muss man sich zuerst die realen Konflikte anschauen und daraufhin Fragen entwickeln. Dazu gehören die wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung, soziale Integration und die Erosion der metaphysischen Grundlagen unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Mit einem Diskurs der “Versöhnung von Tradition und Moderne” oder “East meets West”, wie er in der Architektur und Konzeption des Humboldt-Forums derzeit geführt wird, wird man da nicht sehr weit kommen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Philipp Oswalt, Wilhelm von Boddien.

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von Gunnar Sohn
25.06.2014
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