Schönheit ist zu einem Gebot geworden – sie ist kein Vergnügen mehr. Susie Orbach

Missionarische Umarmungsgeste

Die 7. Berlin Biennale wollte gerne politisch sein – statt einer klaren Agenda aber präsentiert man quasi-religiöse Exponate und umarmt Aktivisten von außen im eigenen Haus. Der so propagierte Glaube an „Substanz“ ist vor allem eins: sehr katholisch.

Unter dem Motto „Forget Fear“ erzeugte die 7. Berlin Biennale, kuratiert vom polnischen Künstler Artur Żmijewski, gleich bei der Eröffnung Ende April einen Sturm der Entrüstung. Präsentiert werden sollten Projekte, die direkt in den politischen Prozess eingreifen und so die Welt verändern.

Abgesehen von einem kleinen Skandal Monate vor Beginn hat der politisch-künstlerische Ausdruckswillen aber keine weitere Auswirkung gehabt: Für eine Installation unter dem Motto „Deutschland schafft es ab“ hatte der Künstler Martin Zet um die Zusendung von 60.000 Exemplaren des Sarrazinschen Buches gebeten. Gleichzeitig versprach er, die Bücher hinterher sachgerecht zu entsorgen – vielen roch das nach „Bücherverbrennung“. Künstlerische Geste oder politische Aktion? Diese Konfusion hat sich auch nach der Eröffnung nicht gelegt. Was sollte das in das Innere der Berliner KunstWerke geholte Occupy-Wall-Street-Camp? Neutralisiert man nicht dessen Anliegen, wenn man es ins „Museum“ holt?

Birken als Berührungsikonen

Statt einer klaren politischen Agenda gab es nur einen diffusen moralisch-überspannten Raum. 320 Birken pflanzte der Künstler Lukasz Surewiec, die er aus dem Gebiet des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau geholt hat. Im dunkeln Ausstellungsraum unter dem Dach der KunstWerke bringt er noch Hunderte weiterer Saatlinge unter. In der stickig-feucht-erdigen Atmosphäre gerät dem Besucher der Atem ins Stocken beim Gedanken, dass in den Pflänzchen tatsächlich Substanz der verstreuten Asche aus den Verbrennungsöfen enthalten sei, wie das Begleitvideo nahelegt. So werden aus den Birken veritable Berührungsikonen.

Antanas Mockus fordert den Betrachter auf, ein Eigenblutopfer zu geben und für die Dauer der Ausstellung keine Drogen einzunehmen, um so durch verminderten Konsum die Zahl der Mordopfer der mexikanischen Drogenmafia zu senken. Die Künstlerin Joanna Rajkowska schließlich gebiert als „Dolorosa“ unter blutigen Schmerzen ihr Kind Rosa, dargestellt in einer riesigen, quälend langen Videoprojektion – die Nachgeburt vergräbt sie anschließend vor dem Reichstag.

Die Quelle dieses, für Kunstausstellungen fremden Glaubens an „Substanz“, erschließt sich durch die größte Skulptur der Biennale. Bildhauer Mirosław Patecki, der schon 2010 im Auftrag des ehemaligen Priesters Zawadzki die weltweit zweitgrößte Jesusskulptur in Świebodzin aufgestellt hatte, schnitzt den Kopf in voller Monumentalgröße ein zweites Mal. Zmijewskis Glaubensbekenntnis: „Die Christus-König-Statue bestätigt die institutionelle Macht der Katholischen Kirche in Polen und ihre Indienstnahme von Kunst. Mit dem Einbringen von „Christ the King“ in den Kontext zeitgenössischer Kunst versuchen wir nichts anderes als der Vatikan mit seiner Teilnahme an der Biennale di Venezia: zu zeigen, wie machtvoll, ideologisch aufgeladen und beeindruckend religiöse Kunst sein kann.“

Echtes Blut statt Wein

Der Substanzglaube erweist sich so als eine katholische Methode des Kuratierens: Es geht um echtes Blut und nicht nur um Wein. „Fürchtet Euch nicht“, ruft uns der Ausstellungstitel zu. Aber Żmijewskis Gott ist eifersüchtig, weist Andersdenkenden sowie ihren Büchern die Tür. Alle anderen Unterdrückten aber lässt er zu sich kommen. In vielen Veranstaltungen geht man bei den verschiedensten Bewegungen fischen – eine Art Umarmungsgeste: Die 7. Berlin Biennale selber tut nichts, sondern holt andere Aktivisten ins eigene Haus. Das ist Missionierung – eine Paulus-mäßige Gemeindebildung – unter dem Deckmantel einer pseudo-politischen Ausstellung, die keinen Begriff von Freiheit kennt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Triegel, Alessandro Vezzosi, Peter Silverman.

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