Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

„Ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan“

Seit diesem Sommer ist Albanien offiziell EU-Beitrittskandidat. Alexander Görlach trifft Ministerpräsident Edi Rama und spricht mit ihm über Zwangsjacken und Integration.

The European: Herr Rama, die EU ist derzeit ­wieder mit sich selbst beschäftigt. Wie können wir unser Augenmerk vom Zentrum der Union hin zum Balkan wenden?
Rama: Die EU war lange Zeit verknüpft mit Hoffnung. Jetzt steht die Angst im Vordergrund – und sie prägt die Art und Weise, wie wir auf die Probleme und Herausforderungen der Welt zugehen. Wenn es uns nicht gelingt, die Hoffnung wiederzubeleben, werden wir keinen wirklichen Fortschritt bei den europäischen Projekten sehen.

The European: In der europäischen Erzählung ging es stets um Frieden, soziale Gerechtigkeit und Wohlstand. Nach der Krise 2008 wurde dieses Narrativ als veraltet abgetan. Sie als Premierminister berufen sich aber genau auf diese Motive, wenn Sie über den Beitrittswunsch Albaniens sprechen.
Rama: Dieses ist das erste Jahr in der Geschichte Albaniens, in dem an allen unseren Grenzen Frieden herrschte. Die Länder des Balkans kommen jetzt zusammen, sitzen an einem Tisch und suchen gemeinsam nach Zukunftsperspektiven. Wir machen das nicht, weil wir naiv sind. Wir machen das, weil es keine Alternative zum Frieden gibt. Die alte Erzählung Europas ist also heute noch gültig.

The European: Aber?
Rama: Ein weiteres Narrativ gewinnt an Bedeutung: Demzufolge müssen wir die Erweiterung der EU stoppen, um anti-europäische Akteure auszubremsen. Es wäre eine Union, die zunehmend technokratischer und weniger politisch würde. Es ist ein Plädoyer für ein mehr taktisches und weniger strategisches Europa. Sorry, aber das wird nicht funktionieren.

The European: Also weniger Taktik und mehr Politik. Welche Werte sollten dabei im Vordergrund stehen?
Rama: Die alte Erzählung! Europa ist eine Familie ­demokratischer Nationen, die Wohlstand für alle schafft. Daran darf nicht gerüttelt werden, das ist die Essenz der Union.

The European: Der Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Frankreich, Ungarn und Dänemark etwa berufen sich wieder auf den Nationalstaat als solchen. Auf dem Balkan geht es um das Gegenteil: die Überwindung dieser Idee. Ist das ein Anachronismus?
Rama: Man kann sich manchmal nur über Europa wundern. Die Frage ist doch: Entspringen die Probleme dem Wesen der EU oder sind sie Folge des Erreichten? Ich glaube, sie sind Letzteres. Es gibt Probleme, aber die Antwort kann nur mehr, nicht weniger Europa lauten.

The European: Es gab eine gewisse Unlust, die Union um Bulgarien und Rumänien zu erweitern. Verstehen Sie dieses Zögern?
Rama: Es scheint zunehmend darum zu gehen, Sündenböcke zu präsentieren, und immer weniger darum, Probleme ernsthaft anzugehen. Irgendwie sind wir aus dem Tritt gekommen und müssen jetzt dringend den nächste Schritt gehen, uns nach vorne bewegen.

The European: Wie kann das gelingen?
Rama: Warum geht es immer nur um nationale Politik­ und nicht darum, was Politik für uns alle tun kann? Die Antwort ist doch klar: Der nächste Schritt sind die Vereinigten Staaten von Europa! Keine Kopie der USA, aber ein Europa der Vielfältigkeit, in dem jeder seinen Platz findet. Das wird nicht einfach, aber es ist der einzige Weg in die Zukunft, den ich sehe.

„Europa sollte dazu stehen, Europa zu sein“

The European: Könnten die Länder des Balkans im Hafen der EU ihre Probleme einfacher überwinden? Ist das eine der Hoffnungen, die Sie mit einem Beitritt ­Albaniens verknüpfen?
Rama: Ohne Träume gibt es keine Versöhnung und ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan.

The European: Die politische Landschaft in Ihrer Heimat ist komplex und dennoch leben Menschen unterschiedlicher Konfessionen friedlich zusammen. Westeuropäische Länder kämpfen derzeit mit ­einer wachsenden muslimischen Minderheit. Was können wir vom Vorbild Albanien lernen?
Rama: Es geht nicht um Lernen, sondern um Integration. Nur Integration führt zu Veränderung.

The European: Wie kann das gelingen? Jedes europäische Land tut sich extrem schwer damit. Das fängt schon bei der Sprache an.
Rama: Europa sollte dazu stehen, Europa zu sein. Doch das tut es nicht – deshalb verläuft die Integration so schleppend.

The European: Sie sind nicht nur Politiker, sondern auch Künstler. Gibt es Verbindungen zwischen diesen beiden Feldern?
Rama: Vielleicht ließe sich das Orchester-Prinzip form follows function auf die Politik übertragen – aber der kreative Prozess ist nicht demokratisch. Ohne Demokratie geht es in der Politik nun mal nicht; sonst wäre sie nicht kreativ, sondern zerstörerisch.

The European: Kunst kann widerspenstig sein. Eine Eigenschaft, die Politik unter ­bestimmten Umständen guttäte.
Rama: Ich glaube nicht an Kunst als oppositionelle Kraft. Ich glaube nicht an Kunst als revolutionären Mechanismus. Ich glaube an Kunst als fantastischen Ausdruck menschlicher Vorstellungskraft und dessen, was uns für Möglichkeiten offenstehen, auch wenn wir sie nicht sehen.

The European: Als Bürgermeister der Hauptstadt ­Tirana haben Sie als erste Amtshandlung viele Gebäude neu streichen lassen. Weshalb? Man könnte das schon fast für Kunst halten.
Rama: Es ging dabei nicht um Kunst, das war Politik mit Farben in einer Situation, in der wir kaum Geld hatten. Eine ­Politik des Wandels mit schmalem Budget. Später wurde das als Kunst interpretiert, aber am Anfang ging es um notwendigen Wandel mithilfe von Farben statt Worten oder anderen Instrumenten, die Politik sonst so nutzt.

The European: Albanien hat eine sehr diverse Gesellschaft. Ihre Familie spiegelt das.
Rama: So eine Familie kann es nur hier ­geben – und es gibt viele von ihnen. Mein ­Vater war orthodox, meine Mutter auch. Mit Ausnahme meiner Großmutter ist meine gesamte Familie orthodox. Aber sie war die einzige, die wirklich ernsthaft glaubte. Sie taufte mich also katholisch. Mein Sohn und meine Tochter sind ebenfalls orthodox, meine Frau ist Muslima und unser gemeinsamer Sohn wiederum katholisch, weil er es so wollte. Als ich mit ihr gemeinsam den Papst getroffen habe, war sie schwanger mit unserem Sohn, und nachdem er geboren wurde, trafen wir den Papst ­erneut. Da war uns klar, dass er weder Orthodoxer noch Muslim wird.

The European: Ihr Land ist auf dem Weg in die Europäische Union. Was sind die nächsten großen Schritte, die unternommen werden müssen?
Rama: Ich finde, das Tolle an einem Beitritt ist der Prozess der Integration, nicht das Ergebnis. Denn dieser Prozess ist der einzige, den ich kenne und den ich mir vorstellen kann, der ein ganzes Land dazu bringt, sich zu modernisieren. Für ein Land wie unseres ist das ein Muss – sonst hätten wir das einfache, mediterrane Leben gewählt. Ein Leben, das jeder Südländer wohl wählen würde. Der Integrationsprozess gleicht einer Zwangsjacke, die uns eine gewisse Haltung vorschreibt, uns am Weglaufen und Faulenzen hindert. Das Leben ist so natürlich weniger vergnüglich, aber daran führt mit Blick auf unsere Zukunft und die der folgenden Generation kein Weg vorbei.

The European: Gibt es eine mediterrane Mentalität und wenn ja, was kann sie zu Europa beitragen?
Rama: Die Franzosen wären entsetzt von dieser Vorstellung! (lacht) Auch den Spaniern und Griechen dürfte das nicht gefallen, aber wir gehören zusammen. Ich sage immer, am Ende sind Italiener auch nur Albaner, die Versace tragen.

The European: Bitte vervollständigen Sie folgenden Satz: Denk ich an Europa in der Nacht …
Rama: Für mich und viele andere, die unter dem Kommunismus gelebt haben, ist das viel mehr als eine Metapher. Europa ist ein Traum, den wir jede Nacht hatten. Ein Traum von schimmernden Städten und Grenzen, an denen dich niemand fragt, wohin du gehen willst.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

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