Man muss Enttäuschungen vergessen lernen. Sabine Christiansen

Sie nennen es Krieg

Vom Lifestyle zum Kriminalfall, vom Diskurs zum Dogma, vom Protest zum Krieg: Wie in wenigen Tagen eine Debatte um Urheberechte im Netz endgültig ruiniert wurde.

Zugegeben, die Optik ist verheerend. Man muss wahrlich kein Verschwörungstheoretiker sein, um zum Schluss zu kommen: Wenn die US-Justiz just in jener Woche, in der an vielen prominenten Orten im Netz gegen die geplanten US-Gesetze SOPA und PIPA protestiert wird, die vorgeblich die Verbreitung von Raubkopien durch Internetsperren verhindern sollen und nebenbei die Freiheit des Netzes massiv beeinträchtigen, den populären Dienst Megaupload schließt und dessen deutsch-finnischen Gründer Kim Dotcom (ehemals Kim Schmitz) und andere in Neuseeland festnehmen lässt, darf man das schon als gestreckten Mittelfinger interpretieren.

Bar jeder Grundlage

Protestiert nur, liebe Netzbürger. Wir können das, was uns diese Gesetze ermöglichen sollen, auch anders – und zwar schon heute.
Und weil die Optik so verheerend ist, setzte sich dann auch ein mittlerweile hinlänglich bekannter Mechanismus in Gang: Anonymous rief zum Rachefeldzug, zwang mit DDoS-Attacken vorübergehend die Seiten der RIAA (Recording Industry Association of America), von Universal, der Warner Music Group und anderer in die Knie.

Da war sie also wieder, die alte Geschichte von Gut gegen Böse, von David gegen Goliath, von der Revolution gegen einen überkommenen Rechtsbegriff. Dass nebenbei noch das Image zementiert wurde, es handle sich bei einer übel beleumundeten Figur wie Kim Schmitz tatsächlich um einen aufrechten Kämpfer für die Freiheit des Netzes, war da nur mehr eine weitere Verzerrung der Tatsachen unter vielen.

Halbwahrheiten und Lügen sind schon seit jeher Teil der meisten Debatten, die um Filesharing, Urheberrechte und das Recht auf deren Verwertung kreisen. Mal wird bar jeder Grundlage behauptet, Musik- und Filmpiraterie hätten in den USA bereits 750.000 Jobs vernichtet.

Mal soll Megaupload seine User wissentlich dazu angeregt haben, 500 Millionen Dollar Schaden angerichtet zu haben. Mal stilisiert sich ein anonymes und loses Kollektiv wie Anonymous zur Bürgerwehr für alle Fälle. Das mag zwar sexy aussehen, doch auch eine Bürgerwehr, die ihr Selbstverständnis aus popkulturellen Referenzen bezieht, bleibt eine Bürgerwehr, die sich tendenziell zu Selbstjustiz berufen fühlt. Das halte ich aus Prinzip für gefährlich.
Auch in einer Diskussion, die ein Leben betrifft, in dem Menschen mehr digitale Spuren hinterlassen, als sie meist wissen. Und in dem sich nicht nur für die üblichen Verdächtigen wie Filmschaffende, Musiker oder Autoren irgendwann die Frage stellt: Wem gehört eigentlich all das, was ich digital äußere und konsumiere? Mir? Einer Plattform? Behörden? Allen? Niemandem?

Alle an einem Tisch

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Aber ich möchte es endlich erklärt bekommen. Ich möchte alle an einem Tisch sehen: Die, die Dienste wie Megaupload vom Netz nehmen lassen; die, die Guy-Fawkes-Masken tragen; und die, die sich nicht mit einfachen Lösungen zufrieden geben. Und der Erste, der von Krieg und Rache faselt, darf kräftig ausgelacht werden. Ob das funktioniert? Ha ha!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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