Ich bin von Clowns und Zombies umgeben, also mache ich am besten alles selbst. Nicolas Sarkozy

Das Leben der Anderen

Die Wissenschaft sagt: Je mehr Zeit Menschen auf Facebook verbringen, desto mehr gewinnen sie auch den Eindruck, dass alle anderen ein besseres Leben haben. Ich sage: Gern geschehen.

Facebook zu nutzen ist also das Gegenteil von Autofahren. Zumindest aus Sicht der Psychologie, die schon vor vielen Jahren den sogenannten Lake-Wobegon-Effekt entdeckt hat. Er beschreibt die Tatsache, dass die meisten Menschen viele ihrer eigenen Fähigkeiten für überdurchschnittlich halten. Sie machen die besseren Witze, sie kennen die verborgensten Gässchen in Venedig, sie fahren Auto wie Sebastian Vettel.

Unerwünschte Nebenwirkungen

Klar, dass es sich dabei um eine Verzerrung der Realität handelt, aber selbst der Küchenpsychologe weiß: Mit der Realität hat es ohnehin meist wenig zu tun, was wir tagtäglich so über unseren Platz in der Welt denken. Und es ist nicht einmal von Nachteil, denn wir verzerren die Realität ja nicht aus Niedertracht, sondern um unser Leben erträglicher zu finden.

Leider funktioniert das beim Nutzen von Facebook nicht so gut wie beim Autofahren. Das für Millionen Menschen wichtigste Werkzeug zum Stiften ihres digitalen Abbilds kann nämlich unerwünschte Nebenwirkungen auf ihr Selbstbild haben. Das legen zumindest die Ergebnisse einer Studie nahe, die Hui-Tzu Grace Chou, Soziologin und Verhaltensforscherin an der Utah Valley University, durchgeführt hat. Sie trägt den Titel "„The Impact of Using Facebook on Perceptions of Others’ Lives“, ist im Journal „Cyberpsychology, Behavior and Social Networking“ erschienen, und kann hier kompakt zusammengefasst nachgelesen werden.

Je mehr Zeit Menschen auf Facebook verbringen, desto mehr gewinnen sie auch den Eindruck, dass andere ein besseres Leben haben als sie selbst, so Chou. Ein klassischer Attributionsfehler, um in der Psychologie zu bleiben. Man sucht die Ursache für ein beobachtetes Verhalten zu oft in der handelnden Person und zu selten in den äußeren Faktoren. Oder anders formuliert: Dass auf den Fotos alle lachen, tolle Freunde haben und schön sind, schreiben wir eher den Personen zu anstatt dem Umstand, dass sie vielleicht deshalb glücklich sind, weil die Bedingungen, unter denen die Fotos entstanden, dafür günstig waren. Und warum? Weil wir eben so denken wie wir denken.

Da haben wir also den Salat: Vor ein paar Monaten noch zum Apparat erhöht, der Revolutionen und eine bessere Welt stiften kann, heißt es plötzlich, dass uns das ganze Social-Media-Brimborium womöglich nur frustriert. Als hegten wir ohnehin nicht schon einmal zu oft den dringenden Verdacht, dass die anderen besseren Sex und mehr Spaß haben – muss sich das jetzt auch noch auf Facebook wiederholen? Und als hätten wir den Ratschlag nicht schon oft genug gehört, der sich aus der hier referierten Studie ebenfalls ablesen lässt: Dreh doch die Kiste einfach einmal ab, und schon geht’s dir besser.

Ich bin ein anderer

Es zeigte sich in den Ergebnissen nämlich auch, dass all jene am wenigsten der verzerrten Wahrnehmung ihres Lebens auf den Leim gingen, die gelegentlich auch mit ein paar von ihren Facebook-Freunden im Gasthaus ein Getränk konsumierten.

Wobei: Heute Abend bin ich zur Feier eines 40. Geburtstags eingeladen. Ich werde was trinken. Und auf den Fotos, die dort aufgenommen werden, werde ich im Fall des Falles einfach selbstzufrieden grinsen. Wenn ihr sie dann in euren Newsfeeds erspäht, macht daraus, was ihr wollt, liebe Freunde. In dem Moment bin ich nämlich schon längst wieder ein anderer – und sicher nicht der, für den ihr mich haltet. Wie gesagt: Gern geschehen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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