Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Wir waren nie Ägypter – und wir sind keine Syrer

Vor ein paar Monaten noch war Solidarität die neueste Form der Revolution. Leider war das ein Denkfehler – und die Folge einer absurden Erhöhung unserer Existenz.

Ja, das waren schon aufregende Wochen am Anfang des Jahres 2011. Zuerst ging Ben Ali in Tunesien. Dann war auch Hosni Mubarak in Ägypten weg. Und spätestens dann war allen klar: Die zwei Autokraten waren mittels Facebook und Twitter aus dem Amt gejagt worden. Eine Ansicht, die sich bis heute hält, weil sie sehr bequem für alle ist, die nicht unter Einsatz ihres Leben auf die Straße gehen, um gegen Jahrzehnte der Unterdrückung zu protestieren.

Verzerrte Bilder der Welt

Und eine Ansicht, die sich auch gut mit einer Beobachtung erklären lässt, die jener von Ralph Martin hier bei seinen Reflexionen zur Berichterstattung über Fukushima gleicht. Im Falle Japan, so Martin, wurden uns plötzlich die Erdbebenopfer egal, weil wir anfingen, uns vor den Atomkraftwerken vor der eigenen Haustür zu fürchten und damit das Schicksal der Japaner zu unserem eigenen machten. Und im Falle der Umstürze in Ägypten und Tunesien konnten wir uns eine Twitter- und Facebook-Revolution konstruieren, an der es sich herrlich teilhaben ließ.

„Die Menschen im Westen schauen heraus in die Welt – und sehen doch nur das eigene Spiegelbild“, schreibt Martin. Und genau das ist es, was dann oft zu einer völlig verzerrten Wahrnehmung der Realität führt – eine Falle, in die ich leider auch immer wieder tappe.

Diese Falle führt zu einer völligen Überhöhung der eigenen Existenz. Wir schreiben uns statt bloßer Solidarität eine Macht zu, die etwa auf der Annahme basiert, dass bloßes Zuschauen via Social Media ebenfalls ein revolutionärer Akt ist. Zugegeben, das mag etwas überzogen beobachtet sein, aber ein kurzer Rückblick auf die Berichterstattung aus den ersten zwei Monaten dieses Jahres lässt leider kein anderes Bild zu.

Hochzeitsfieber statt Bestürzung

Dieses Bild ist allerdings längst zerstört. Zuerst zeigte sich in Libyen, dass es mehr als unsere „Gefällt mir“-Solidarität braucht, um einen wie Muammar al-Gaddafi zu stürzen – und dass es niemandem hilft, wenn wir voller Anteilnahme zusehen. Jetzt eskaliert die Situation in Syrien in einen Bürgerkrieg, weil die Armee nicht wie in Ägypten zum Volk steht, sondern zum Herrscherclan Baschar al-Assads. Und morgen ist uns das alles ziemlich egal, denn all die bedrückenden Videos von Polizeigewalt und Sperrfeuer gleichen einander mittlerweile schon so, dass sich kaum einer mehr darüber aufregt.

Womit wir bei der Kehrseite all dessen sind, was uns in jenen Minuten, in denen wie in Tunesien und Ägypten das Gute für ein paar Minuten siegt, als von Social Media befeuerte schöne, neue Welt erscheint: Die Bilder, die vor ein paar Wochen noch Solidarität erzeugt haben, rühren einen heute nicht mehr an. Irgendwann geht jedem die Aufmerksamkeit aus. Dann heiraten noch zwei arbeitslose Transferleistungsempfänger aus England. Und dann sind wir wieder ganz in unserer Welt. Die Lage in Syrien und Libyen ist ja in der Tat sehr kompliziert.

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Mehr zum Thema: Revolution, Aegypten, Syrien

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