Die Kriminalisierung des Drogenkonsums hat weder Angebot noch Nachfrage grundlegend verändert. Wolfgang Nešković

Her mit der Ölkrise!

Das Erdöl wird weniger. Das Autofahren wird teurer. Doch unseren Lebensstil werden wir erst dann hinterfragen, wenn uns eine höhere Macht dazu zwingt.

Kommen Sie mir bitte nicht mit meinem Alter. Ich weiß selbst gut genug, dass ich nichts miterlebt habe – und damit auch keine Ahnung von einer Ölkrise haben kann. Während der ersten von 1973 war ich noch nicht existent. Während der zweiten von 1979 erlebte ich eine Kindheit im Voralpenland, und auch wenn ich viele Erinnerungen daran habe – eine Ölkrise findet sich keine darunter.

Aber muss man als geborener Schreibtischtäter alles miterlebt haben, über das man so nachdenkt? Ich glaube nicht.

Die nächste Krise kommt bestimmt

Und wenn ich den Nachrichten glaube, die ich lese, während ich diesen Text prokrastiniere, darf ich meine persönliche Ölkrise ohnehin bald miterleben. Ich höre von steigender Nachfrage, die in Zeiten von Spekulation und Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten die Rohölpreise auf noch nie da gewesene Höchststände treiben könnte. Ich vertiefe mich in Spekulationen, die daraus das frühzeitige Ende der ohnehin zaghaften Konjunktur ablesen.

Und ich stoße schließlich auf eine Nachricht aus dem Mutterland der Ölverbrennung, den USA. Dort werden dieser Tage Autos verkauft wie schon lange nicht mehr. Amerikanische Wägen hauptsächlich, groß, mächtig, verschwenderisch und dank groß angelegter Rabatt-Aktionen obendrein billiger als all diese Vorzugsschüler-Autos mit niedrigem Spritverbrauch aus Europa.

Nun ist es natürlich Zufall, dass die Strategie von General Motors und anderer Hersteller, die Konkurrenz mit Kampfpreisen aus dem Markt zu drücken, just dann greift, wenn der Treibstoff für all die tollen Wägen teurer wird – doch gerade dieser Zufall hilft, die Branche in all ihrer Realitätsverweigerung und Fahrlässigkeit bloßzustellen.

Realitätsverweigerung, weil mit oder ohne Ölkrise längst feststeht, dass das Ölzeitalter nicht ewig währen wird – und dass es daher längst an der Zeit ist, von alten Gewohnheiten zu lassen. Und Fahrlässigkeit, weil zu Kampfpreisen verschleuderte Benzinschlucker weiterhin die Illusion am Leben erhalten, dass der von wertvollen Rohstoffen befeuerte Individualverkehr ein Menschenrecht ist.

Wir haben Peak Oil

Dieser Zufall weckt in mir das starke Bedürfnis nach einer dritten Ölkrise. Es soll eine reinigende Ölkrise sein. Ich wünsche mir, dass sie recht lange dauert. Und ich nehme all ihre unangenehmen Nebenwirkungen wie Konjunkturflaute und Teuerung gerne in Kauf, weil eine Schocktherapie wahrscheinlich das Einzige ist, was dafür sorgt, dass die zahllosen Strategiepapiere, die bereits für die Zeit nach dem Erdöl formuliert worden sind, endlich wieder auf die Tische gelangen.

Jeder ahnt, was da drin steht: Das Erdöl wird immer knapper. Wir haben Peak Oil. Wir fahren zu viel mit dem Auto. Es gibt keinen Weg zurück in unsere Einfamilienhäuser an der Peripherie, wo nichts anderes hinfährt als das eigene Auto. Wir müssen uns einen neuen Lifestyle aneignen.

All diese Wahrheiten sind so unbequem für Wähler oder Kunden, dass noch kein Entscheidungsträger es wagt, sie offen auszusprechen. Doch all diese Wahrheiten werden zum Thema, wenn eine höhere Macht uns dazu zwingt, uns ihnen zu stellen. In diesem Sinne: Her mit der Ölkrise. Ich bin bereit. Und ich habe ohnehin keine Wahl.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    josef schneider – 12.03.2011 - 23:17

    Her mit der Ölkrise? – Wahnsinn!
    Ja, wir haben Peak Oil, ja, wir tun nichts dagegen uns auch sonst niemand. Wir schauen ohnmächtig auf das was auf uns zu kommt. Also wünschen, was man eh nicht verhindern kann?
    Aber: Peak Oil wird katastrophal. Massenarbeitslosigkeit Weltweit, steigende Lebensmittelpreise, instabile politische Verhältnisse (wie z.B Tunesien), Hungerrevolten und Millionen von Toten. Übertrieben? Nein, denn schon 2008 gab es substantielle Probleme bezahlbare Nahrungsmittel anzubieten.
    Und auch der BP Oil Spill und Fukushima sind Folgen unseres Energiehungers und Lebenstils.
    Also: Es bleibt nicht dabei, dass wir vom Auto aufs Fahrrad umsteigen und zu Hause einen Pullover mehr tragen.
    Darum: Aufklären und politisch kämpfen, ohne Zynismus

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Apl – 14.03.2011 - 10:44

    so hätt ich das auch gesehen. Das schlimmste an Peak Oil wird der Hunger werden: http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/641239/Die-offene-Rechnung?from=gl.home_spectrum

  • Theeuropean-placeholder
    Bernd Walther – 13.03.2011 - 08:49

    Peak oil hat viele Facetten, schließlich leben wir ja in einer überaus komplizierten Zivilisation. Dass diese große zivilisatorische Korrektur kommen und sehr mächtig sein wird, ist mir überaus bewußt. Der Entzug an gewohntem Überfluß wird für die meisten von uns extrem hart werden, ähnlich dem kalten Entzug bei einem Drogenabhängigen. Doch unsere Zivilisation hat sich in den zurückliegenden 100 Jahren grundsätzlich fehlentwickelt: es ist falsch die Erde wie eine Konsumware zu nutzen und gesunde Biosphären in giftige Müllhalden zu verwandeln.

    Ich unterstütze deshalb alle notwendigen Veränderungen im Lebensstil, die peak oil mit sich bringen wird. Jedoch muß ich darauf hinweisen, dass unsere politische Kultur und insbesondere die Geldschöpfung, von alten Feudaleliten des Britischen Empires besessen und gesteuert wird, die peak oil dazu nutzen möchten, ihre Macht über die Menschheit absolutistisch auszudehnen.

    Peak oil darf nicht dazu dienen, einen zentralisierten faschistischen Weltstaat ohne Demokratie zu errichten. Die Zertstörung der Souveränität von Nationalstaaten durch das Empire der elitären Geldschöpfer (siehe EU) muß beendet werden!

    Wir benötigen eine neue transparente, nicht-elitäre und zinslose Form der Geldschöpfung durch den Staat, der wieder eine echte demokratische Vertretung des bürgerlichen Souveräns werden muß. Die gegenwärtige elitäre Form der Geldschöpfung beruht auf dem Paradigma endlosem Wachstums, das in einer Welt ohne Wachstum an essentiellen Ressourcen wie Erdöl, Mineralien, Wasser etc. ohne Zukunft ist.

  • Theeuropean-placeholder
    Enri – 31.03.2011 - 22:27

    Glaubt ihr nicht, dass sie wenn es so weit ist statt Oel etwas anderes erfinden?

  • Theeuropean-placeholder
    Bernd Walther – 01.04.2011 - 10:26

    Die Frage wie man die Folgen des globalen Erdöl-Fördermaximums bewältigen kann, haben sich schon viele kompetente Fachleute gestellt. Ein herausragender unter ihnen ist Dr. Robert Hirsch, der etwa zu Beginn des letzten Jahrzehnts einen Report über die Auswirkungen des globalen Erdölfördermaximums für die damalige US-Regierung verfasste (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Hirsch-Report ).

    Für eine erfolgreiche Mitigation des Abfalls der globalen Erdöl-Produktion muss demnach mindestens 30 Jahre vor Eintritt von global peak oil der Übergang zu neuen Technologien schrittweise realisiert werden. Es ist aufgrund der extrem hohen Energiedichte und der schier zahllosen hervorragenden Eigenschaften von Erdöl aber kein wirklicher Ersatz zu finden.

    Die industrielle Zivilisation hat sich vollständig abhängig gemacht vom Erdöl. In jedem Produkt das wir benutzen steckt heute dieser unersetzliche Rohstoff in der einen oder anderen Form.

    Zudem werden heute mindestens 10 Kalorien fossiler Energie benötigt um eine Kalorie Eßbares zu erzeugen. Erst der Energie- und Ressourcen-Überfluß durch eine exponentiell ansteigende Aubeutung fossiler Ressourcen ermöglichte das Industriezeitalter und die Versiebenfachung der Anzahl der Menschen auf der Erde.

    Der voraussehbare steile Downslope der globalen Förderkurve und die Verschlechterung des Energiegewinns (‘Energy Return on Investment’) bei der Ausbeutung noch vorhandener Erdöl-Reserven, wird deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Kollaps der industriellen Lebenskultur führen und die Menschheit vor wahrhaft existentielle Probleme stellen.

  • Theeuropean-placeholder
    Michael Bröske – 04.04.2011 - 19:34

    Soll ich arragant sein und sagen: Wie schön dass das sogar einer aus der jüngeren angepassten, strom-linienförigen Generation merkt. Im Ernst : dieAus-führungen erinnern mich an mein Unterrichtsmaterial, das ich vor 2o Jahren weggelegt habe, weil kein/e SchülerIn es mehr hören wollte, von den Alten, die noch zu Studienzeiten den 1. Bericht an den Club of Rome lasen. Ich habe begriffen: unsere Zivilisation merksts erst, wenn sie frontal vor der Wand der Erdgeschichte sitzt, bis dahin wird allerdings auch jede erfolgversprechende ökologische Initiative in die Hände profitgieriger Akteure überführt und damit vom Kern her zerstört, denn nicht nur GM läuft falsch.

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