Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr ruhig schlafen. Otto von Bismarck

Ideen verboten

Absurd, aber wahr: Das Leistungsschutzrecht soll sich vor allem gegen jene wenden, die mit besseren Diensten gegen traditionelle Verlage antreten.

Man nehme ein x-beliebiges Newsportal, der soliden Argumentation halber am besten ein deutsches. Jeder Artikel dieses Portals ist mit einer einzigartigen URL versehen, damit er im World Wide Web zu finden ist. Wäre ja auch blöd, wenn da was durcheinander geräte.

Sieht man sich die URL eines Artikels dieses x-beliebigen Newsportals genauer an, wird man darin eine Zahl von mindestens drei Stellen finden, meistens sind es mehr.
Diese Zahl hat ihren guten Grund: Wer möchte, dass dieser Artikel auch beim Aggregator Google News gelistet wird – und damit mittlerweile auch bei Suchanfragen zum Thema prominenter platziert – muss sie in die URL einpflegen. Keine Zahl, keine Treffer in Google News, kein Traffic, der über diesen Aggregator auf das eigene Angebot vermittelt wird und sich dort zu Geld machen lässt.

Alles soll bleiben, wie es ist

Wobei „Müssen“ hier falsch verstanden werden kann. Natürlich muss niemand diese Zahl in seine URLs integrieren und sein Portal danach einreichen: Google News ist ein Angebot an Newsportale, laut Angaben des Mutterkonzerns Google sogar ein defizitäres.

Allein unter diesem Gesichtspunkt wirkt der nun im Zuge der Entscheidung der deutschen Regierungskoalition zu einem Leistungsschutzrecht für Verlage gefasste Plan, Google eine Gebühr für die Textauszüge entrichten zu lassen – ein Traum, der natürlich auch in Österreich die einschlägigen Stellen beschäftigt – reichlich schräg. Zuerst macht man zu den offerierten Geschäftsbedingungen mit, danach legt man eine Rechnung zu den eigenen. Seriös ist was anderes. Und durchdachte Argumentation auch, doch das wurde von schon von vielen anderen Kritikern hinlänglich angemerkt.

Überhaupt wirken viele der Hoffnungen, die Verlage mit dem Leistungsschutzrecht verbinden, vor allem wie eine Initiative, mit der Werkzeuge geschaffen werden sollen, um neue Ideen daran zu hindern, die besseren Ideen als die eigenen zu werden. Alles soll bleiben, wie es ist.

Dieser Kulturkampf tobt nun schon seit ein paar Jahren, in manchen Regionen ist er schon näher an einem Ergebnis als im deutschsprachigen Mitteleuropa, wo noch keine namhafte Zeitung eingestellt werden musste, weil ihr die Anzeigen ausgehen.
Doch gerade hier tobt er besonders heftig. Warum, kann ich nur mutmaßen: Ich denke, es hat damit zu tun, dass hier gedruckte Zeitungen noch immer ein ganz gutes Geschäft sind. Und es erscheint einfacher, diesen Zustand mit Gesetzen zu erhalten, anstatt selbst Neues zu erfinden. Und so entzünden sich die Debatten immer wieder an Unternehmen wie Google, die ständig Innovationen versuchen und mit manchen davon auch Erfolg haben.

Zusätzliche Kosten und Reibungsverluste

Vor ein paar Tagen war Googles Verwaltungsratsvorsitzender Eric Schmidt auf der Cebit in Hannover und wurde nach seiner Einschätzung zum Thema Verlage gegen Google gefragt. Seine Antwort: Er fürchte, „dass so eine Regulierung die Verbreitung des Internets bremsen könnte, weil sie zu zusätzlichen Kosten und Reibungsverlusten führt“.

Ich fürchte, das ist genau das, was sich die Lobbyisten für ein Leistungsschutzrecht erhoffen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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