Die jüngste Rangelei über Bain Capital, den von Mitt Romney mitbegründeten millionenschweren Finanzinvestor, rückt die Wirtschaftsexpertise zurück in den Fokus des Wahlkampfs – und hier geht Obama in die Offensive. Er bezweifelt Romneys Qualifikationen und übt dabei Kapitalismuskritik.
Mitt Romney ist ein Vampir, der Unternehmen aussaugt: Das ist die Botschaft des neuen Obama-Videos. Er beschuldigt darin Romneys Ex-Firma Bain Capital, eine Stahlfirma ruiniert zu haben. 750 Menschen hätten ihre Arbeitsplätze verloren, während Romney einen satten Gewinn einfuhr. Seine Kenntnisse aus der Privatwirtschaft hätten nichts mit der Arbeitsweise eines Präsidenten gemein, konkretisiert Obama die Anschuldigungen später.
Steilvorlage für Mitt Romney
Eigentlich eine Steilvorlage für den Republikaner, war er doch vier Jahre Gouverneur von Massachusetts und damit in diesem Bereich auf dem Papier tatsächlich erfahrener als Obama vor 2008. Nur auf den ersten Blick ist dies jedoch ein Eigentor Obamas. Denn die Erfolge Romneys als Gouverneur sind zweifelhaft.
„Wir haben in Massachusetts mehr Arbeitsplätze geschaffen als der Präsident im ganzen Land“, behauptet er dennoch seit Monaten. Es ist keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit, wie offizielle Zahlen zeigen. So gewann Romney in den vier Jahren seiner Amtszeit rund 34.000 Stellen, Obama hingegen blickt trotz einiger positiver Entwicklungen immer noch auf eine negative Bilanz. Den nüchternen Zahlen nach hat Romney also recht—allerdings lässt er bei seiner Rechnung Faktoren weg, wie die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, die Obama meistern muss.
Warum seine leichtsinnige Rhetorik Romney schaden könnte, zeigt ein Blick auf die Rangliste der Schaffung von Arbeitsplätzen: in diesem Vergleich landet Massachusetts gerade einmal auf Platz 47 während Romneys Amtszeit. Ein unmissverständliches Ergebnis, auf das Obamas Team hinweisen wird. Auch die Behauptung, Romney hätte ein drei Milliarden US-Dollar großes Haushaltsloch gestopft, sind überzogen. Überaus aufschlussreich, so Paul Begala in „Newsweek“, seien dabei nämlich seine Methoden gewesen: Demnach hätte Romney Gelder für Bildung zusammengestrichen, Steuereinnahmen gekürzt und Gebühren auf alles und jeden angehoben – kurz, er hat im öffentlichen Dienst so weitergemacht, wie er es im privaten Sektor gelernt hat. Man müsse Massachusetts daher als Romneys „Versuchskaninchen“ verstehen, für den Fall, dass er Präsident der USA wird, so Begala.
Parteikollegen grenzen sich von Obama-Rhetorik ab
Deshalb versucht das Team um Präsident Obama mit aller Macht, die populistisch anmutende Botschaft „Wir gegen Sie“ anzurühren. Wir, die für soziale Gerechtigkeit stehen, und Sie, die Republikaner mit Romney dem Finanzhai einer Private-Equity-Firma an der Spitze. Doch es ist ein schwieriger Spagat, den Obama da wagt. Zu breit angelegte Kritik könnte im Land missverstanden werden, nämlich das er etwas gegen unternehmerischen Erfolg habe. Die zahlreichen und sensiblen Fans des „Free Enterprise“-Gedankens sind seit der Tea-Party-Propaganda ohnehin gereizt. Und so verwundert es nicht, dass sich einzelne Parteikollegen von Obamas Rhetorik abgrenzen.
Das Risiko ist also hoch. Dennoch: Die Angriffe auf Romneys Wirtschaftsexpertise haben gerade erste begonnen. Und selbst wenn er wollte, für Obama steht kaum ein anderer Weg offen. Die schwierige Wirtschaftslage und hohe Arbeitslosigkeit kann der Präsident in den kommenden Monaten nicht wegzaubern. Was er kann, ist, den Wähler klar machen, dass es ihnen unter Romney noch viel schlechter gehen würde.
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