Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

Sprechen lernt man zu Hause

Vor allem „Biodeutsche“ machen sich über den Vorschlag der CSU lustig. Sie sind erschreckend arrogant dabei. Ihnen ist das tatsächliche Wohl von uns Ausländerkindern recht schnuppe.

In den Monaten, bevor meine Familie nach Deutschland auswanderte, saß meine Mutter jeden Nachmittag mit uns Kindern am Küchentisch und wir paukten deutsche Vokabeln. Unser Lieblingssatz aus dem Deutsch-Lehrbuch war: „Ein Schuss – und Tor!“

Dieser Satz steht seither bei uns für all die Lustigkeiten, welche die Selbstverpflanzung einer Familie in ein neues Heimatland mit sich bringt: „Ein Schuss – und Tor!“

Vom ersten Tag in Deutschland an radebrechten wir so viel wie irgend möglich auf Deutsch. „Biiiiite maaaaach daaaaain Bääät! Sofocht!“ Tschechisch wäre untereinander so viel leichter gewesen. Aber die Sprache des Gastlandes zu sprechen schien uns ein selbstverständliches Zeichen des Respekts. Für uns war klar: Wir ziehen nach Deutschland, um Deutsche zu werden.

Wir ließen übrigens auch unseren Namen ändern, von „Grzeszczyk“ nach „Wegner“. Und so wurde aus „Gr-was … können sie das bitte buchstabieren?“ ein dann doch entspannteres „Wegener oder Wegner?“

Aktuell wird in Deutschland eine Frage gestellt, die für uns vor Jahrzehnten beantwortet schien: Sollte ich meine Kinder von Anfang an auch daheim mit der Sprache des neuen Heimatlands konfrontieren? (Die aktuelle Debatte wird praktisch ausschließlich von Leuten geführt, die ihr Deutsch selbst mit der sprichwörtlichen Muttermilch aufgesogen haben.)

Vor allem „Biodeutsche“ machen sich lustig

Eine Sprache zu lernen bedeutet viel mehr, als nur die Wörter der einen Sprache in die Wörter der anderen Sprache zu „übersetzen“. Wenn ich eine Sprache lerne, lerne ich neben ihren Wörtern auch – und darauf kommt es an – ihre „Begriffe“! Ein „Begriff“ ist eine Idee, ist eine Bezugswelt und ein Netz von Relationen. Allesamt mit „Fühlern“ in die Realität.

Wer die deutsche Sprache nicht versteht oder den Ethnolekt der Rapsongs und Pausenhöfe für solche hält, dem fehlt einfach eine Begriffswelt. Wer weniger versteht, wer also rein praktisch an weniger Debatten teilnehmen kann, dem bleiben Möglichkeiten verschlossen.

Die CSU hat nun, in üblichem bayerischen Krawallgestus, eine Deutschpflicht für Migranten-Familien verlangt. Dies sollte sich bis in die heimatlichen Stuben erstrecken. (Wie soll das eigentlich kontrolliert werden?)

Natürlich haben im nächsten Atemzug die üblichen Empörungsverdächtigen ihre empörte Empörung im empörten Reflex kundgetan. So weit so wenig überraschend. Und es überrascht ebenfalls wenig, dass die Granden der rötelnden CDU sich im sozialdemokratischen Reflex über die Idee der ach so verrückten Bayern lustig machten.

Was aber auffällt: Es sind vor allem „Biodeutsche“ die sich darüber lustig machen. Und sie sind erschreckend arrogant dabei. Der Tonfall scheint zu sein: Ausländer bleiben Ausländer, wozu sollen die denn richtig Deutsch lernen? Zum Burgerbraten reicht auch „ich geh Aldi“.

Man betrachte etwa den Tweet des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber (hunderte Retweets und Faves):

Was wie eine flapsiger Jokus wirken soll, lässt eine unterschwellige Arroganz erahnen: Dass ein Ausländer daheim Deutsch spricht, ist so sinnvoll und zugleich so wenig zu erwarten, wie dass ein Klingone die Menschensprache annimmt.

Tauber und Fahimi liegen beide falsch

Nein, lieber autochthoner Deutscher, meine erste Muttersprache ist keine tote Sprache – und mein großes Latinum ist lange her. Ich bin kein agressiver Alien, außer vielleicht bei Glossen dieser Art… Und die Sprache meiner Eltern ist dann doch mehr als eine Mundart. Sie ist erste Sprache, aber die eines anderen Landes.

Merkels Tauber vergleicht uns Zugewanderte mit Klingonen, als Witz. Seine Kollegin von der anderen SPD beschimpft derweil in der ihr typischen Vulgarität den bayerischen Vorschlag als „bescheuert“ – und bewegt sich dabei gefährlich nah an erdoğanscher Assimilationsphobie.

Tauber und Fahimi liegen hier beide falsch. Es ist ein riesiges Problem, wenn Kinder ausländischer Eltern in ihren formenden Jahren nur in der Schule vollständiges Deutsch erleben. Wenn noch dazukommt, dass sich in der Schule sprachhomogene Cliquen bilden, während Kinder bildungsnaher Familien die Minderheit in der Klasse darstellen, dann wird das Kind vollständiges Deutsch nie kennenlernen. Mit dem Gymnasium oder hochwertiger Ausbildung wird es eng, mit der Hochschule enger.

Ob der bayerische Vorschlag in der Durchführung realitätsnah ist, mag man diskutieren. Und es hilft auch nicht, dass er aus der Partei kommt, die uns das Überwachungsmonster Maut und die seltsame Herdprämie bescherte. Man muss aber die Reflexe aus CDU und SPD einordnen als das, was sie sind: weitgehende Unkenntnis der soziologischen Realitäten, mit keinem Ziel außer eben dem, mit einem politisch korrekten Tagessprüchlein schnell ein paar Pünktchen zu machen.

Meine Eltern sahen diese Gefahr

„Aber wer denkt denn an die Kinder?!“ möchte man fast ausrufen. Fest steht: die Reflexempörten tun es nicht. Ihnen ist das tatsächliche Wohl von uns Ausländerkindern recht schnuppe. In der gesamten Debatte habe ich bislang keine Eltern mit Migrationshintergrund erlebt, aber viele Nicht-Betroffene, die von oben herab mahnten, uns Ausländern nicht allzu viel zuzumuten.

Wer an der Gesellschaft teilhaben möchte, muss ihre Codes kennen. Wer nur in der Schule wenige Stunden pro Tag von einer einzigen überforderten Lehrerin vollständiges Deutsch erlebt, wird langfristig an der Gesellschaft nicht teilhaben können.

Die Befriedung der nicht-betroffenen Gefühlsmenschen darf nicht zu Lasten der tatsächlich betroffenen Kinder gehen. Wir Ausländerkinder haben die gleichen Chancen verdient, wie die Kinder jener Leichtempörten. Zuzulassen, dass Kinder ohne vollständige Kenntnisse der neuen Muttersprache aufwachsen, ist faktisch eine Segregation durch die Hintertür, nur eben mit dem Mäntelchen politischer Korrektheit. Meine Eltern sahen diese Gefahr, und so lernten wir von Anfang an die neue Sprache: „Ein Schuss – und Tor!“

Wenn wir kein Kind, auch kein ausländisches Kind, zurücklassen wollen, müssen wir es als erweiterte Schulpflicht verstehen, eben jenes gesetzgeberische Minimum zu leisten, mit dem tatsächlich garantiert wird, dass Kinder die Sprache ihres neuen Heimatlandes voll beherrschen. Die Diskussion sollte also nicht sein, ob wir ausländische Kinder dazu bewegen, auch daheim Deutsch zu reden, sondern wie.

Ich verstehe den bayerischen Vorschlag als Frage: Was müssen wir als Gesellschaft zwingend einfordern, damit ausländische Kinder reale Chancen zur Teilhabe aus eigener Kraft erhalten?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Liav Orgad , Gunnar Heinsohn, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

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