Linke sind keine besseren Menschen. Petra Pau

„Wenn ich die Bühne betrete, fühle ich die Aura“

Die georgische Pianistin und Wahlberlinerin Dudana Mazmanishvili gilt als Star der klassischen Musik. Im Gespräch mit The European spricht sie über weiblichen Einsatz, die neuen Popstars der Szene und das Gefühl, das sich einstellt, wenn sie auf der Bühne spielt. Das Interview führte Clemens Lukitsch.

The European: Der Markt für junge Pianisten ist eigentlich gesättigt. Sehen Sie das ähnlich? Gibt es noch Platz für junge, aufstrebende Konzertpianisten?
Mazmanishvili: Ich finde, der Markt für junge Musiker ist ohnehin immer gesättigt. Das gilt für jede Musikbranche. Speziell im Bereich der klassischen Musik ist es in der letzten Zeit aber noch problematischer geworden, da CDs sich nicht mehr so gut verkaufen wie früher. Trotzdem finde ich, dass es immer an der Zeit ist für neue Künstler und dass das Publikum immer auch ein neues Gesicht braucht. Es gibt ja immer Debüt-Konzertreihen, die dann auch sehr gut besucht sind. Sicherlich ist es schwierig geworden, aber es gibt noch Platz.

The European: Welchen Stellenwert nimmt das Äußere im Hinblick auf die Vermarktung klassischer Musik ein? Wie bewusst setzen Sie Ihre Weiblichkeit ein?
Mazmanishvili: In letzter Zeit ist klassische Musik leider sehr kommerziell geworden. Ich glaube, ich persönlich setze meine Weiblichkeit aber nicht wirklich bewusst ein. Das ist eher meine natürliche Art. Ich spiele besser, wenn ich so aussehe, wie ich mich wohlfühle.

“Man sollte die Augen schließen und einfach nur genießen”

The European: Wenn Ann-Sophie Mutter oder Lang Lang spielen, geht es in der Berichterstattung meist um die Performance oder das Aussehen, nicht um die Interpretation an sich. Werden klassische Interpreten zu Popstars?
Mazmanishvili: Das ist die grundsätzliche Problematik des Kommerziellen. Idealerweise sollte man die Augen schließen und einfach nur die Musik genießen. Denn schließlich geht es um nichts anderes. Wenn wie bei Ann-Sophie Mutter das Äußere dazu beitragen kann, dass Musik ein höherer Genuss wird, dann habe ich dagegen aber nichts einzuwenden. An der Qualität sollte sich aber nichts verändern.

The European: Denken wir mal an Alfred Brendel, der ja eher ein trockenes Image hat. Brendels Sohn spielt Cello und in seinem Haus gilt Beethoven als persönlicher Hausgott. Glauben Sie, dass es solche Images zukünftig noch geben wird?
Mazmanishvili: Ich glaube, diese Zeit ist vorbei. Die klassischen Musiker wurden früher aufgrund ihrer Lebensart, das viele Reisen und ihre bessere Belesenheit als sehr abgehoben wahrgenommen. Durch das Internet und die Globalisierung ist viel mehr Normalität eingekehrt. Diese Menschen wirken heute auf zwischenmenschlicher Ebene viel normaler. Vor allem deshalb finde ich es sehr übertrieben, wenn ein junger Musiker heutzutage abhebt.

The European: Was kann man denn mit klassischer Musik noch bewirken? Geht es heute nur noch um Entertainment oder gibt es noch eine andere Botschaft?
Mazmanishvili: Musik ist Entertainment. Ob man will oder nicht. Das Publikum besucht ein Konzert, um zu genießen. Ob das tragische Musik ist oder fröhliche: Es handelt sich immer noch um Entertainment. Genauso, wie man auch Tragödien im Theater besucht. Natürlich kann Musik auch bildend sein. Das Wichtigste aber ist, dass sie Gefühle weckt, die tief verborgen sein können. Auf gar keinen Fall muss Musik oder Kunst politisch sein. Wenn ein Künstler seine Meinung öffentlich machen möchte, dann kann er das natürlich tun, muss es aber nicht. Ich persönlich bin dagegen.

“Wenn ich die Bühne betrete, fühle ich die Aura”

The European: Haben Sie einen abstrakten Zugang zur Musik oder gibt es für Sie einen Pathos, eine gewisse Programmatik, die Sie begleitet?
Mazmanishvili: Ich glaube, das ist abstrakter. Es gibt Künstler, die sehen Bilder. Und es gibt Zuhörer, die sehen Bilder. Wenn ich das bewirken kann, ist das toll. Das muss aber nicht bei allen Menschen so sein; es kann auch nur ein Hauch von Gefühl, eine kleine Erinnerung sein. Für mich persönlich ist der Zugang abstrakter. Wenn ich die Bühne betrete, fühle ich die Aura. Es ist ein Austausch: ein Geben und Nehmen. Wenn das Publikum auf der emotionalen Ebene nicht mitspielt, dann ist das Konzert auch nicht gelungen.

The European: Es gibt in Hinblick auf das Publikum also offensichtlich große Unterschiede. Würden Sie einen Vergleich zwischen den Zuhörern in Berlin und Wien wagen?
Mazmanishvili: Ich will keine bösen Bemerkungen machen. Oftmals ist es aber so, dass das Publikum im Süden viel wärmer ist.

The European: Sie möchten ja gerne in Berlin bleiben. Wie ist diese Stadt für Künstler?
Mazmanishvili: Die Stadt ist sehr vielfältig. Das Angebot an Musik, Oper und Theater ist sehr gut. Früher habe ich in New York gelebt und ich finde, man kann in Europa nur Berlin und London vom kulturellen Angebot mit New York vergleichen. Berlin hat auch dieses Freche und Lockere.

The European: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Mazmanishvili: Es sind viele Auftritte in den USA geplant, aber auch in Deutschland, viele davon in Nordrhein-Westfalen. In Berlin und München werde ich ebenfalls spielen. Ich versuche zudem, oft in meiner Heimat in Georgien aufzutreten. Es sind außerdem verschiedenste Programme mit Orchester geplant. Dieses Jahr zum Beispiel das Schumann-Konzert.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Raiko Schwalbe: „Die breite Masse findet keinen Zugang zu Kunst“

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