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„2001 sahen die Leute aus wie 2013“

Wer Retro als reine Imitation abtut, hat den Trend nicht verstanden, meint Douglas Coupland. ­Der kanadische Schriftsteller und Künstler muss es wissen. Mit seinem Bestseller „Generation X“ prägt er seit Anfang der 1990er den Retro-Diskurs.

The European: Herr Coupland, Sie haben jüngst behauptet, dass es unseren heutigen Zeitgeist kennzeichnet, dass wir viel Zeit, aber wenig Geist haben. Wie muss man das verstehen?
Coupland: Ich meinte das nicht in Hinsicht auf kulturelle oder technische Innovationen, sondern eher dass wir einfach zu viel Zeit im Sinne von Geschichte haben. Heute existieren so viele Zeiten gemeinsam, dass wir nicht mehr imstande sind, die Gegenwart richtig zu begreifen. Wir haben das Gefühl verloren, in einem spezifischen Moment der Zeitgeschichte zu leben. Die Linie der Zeitgeschichte wurde unterbrochen.

The European: Die Gegenwart ist gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft?
Coupland: Kulturell gesehen, gibt es viel, was dafür spricht. Wir schaffen immer noch Kultur, aber unsere Kulturerzeugnisse haben viel mehr Konkurrenz als früher – besonders in der Musik. In den 1970er-Jahren kaufte man noch Platten beim heimischen Plattenhändler und der eigene Musikgeschmack veränderte sich nicht mehr grundsätzlich, sondern war auf Lebenszeit klar definiert. Heute sammelt niemand mehr Musik, und unsere musikalische Erziehung verläuft kontinuierlich und divers. Jeder hört heute alles.

The European: Begrüßen Sie diesen Mentalitätswechsel?
Coupland: Ich begrüße es, dass Leute ihren Horizont erweitern und sich auf neue Musik einlassen können. Ich bedauere es aber, dass das zu oft auf Kosten der Musiker geht. Aber klar tut es der Musik grundsätzlich gut. Auch dass man heute ohne große ­Mühen die Musik vergangener Zeiten hören kann.

The European: Der britische Kulturkritiker Simon Reynolds argumentiert, dass das zu einer ­„Retromanie“ geführt hat. Die Frage dahinter ist: Wir haben schon immer die Vergangenheit ­romantisiert. Wieso ist Retro aber jetzt erst so ­ein großes ­Thema geworden?
Coupland: Retro ist kein neues Phänomen. Als ich an der Highschool war, lief „Grease“ im Kino und auf einmal wollte jeder mit Fifties-Frisuren und Lederjacken rumlaufen. Retro, wie wir es heute verstehen, gibt es mindestens seit 1975 und ich glaube nicht, dass heute mehr oder weniger darüber diskutiert wird als damals. Das Einzige, was sich geändert hat, ist das Volumen des Retro-Materials, das uns heute zur Verfügung steht. Die Ansammlung der Vergangenheit hat sich deutlich vergrößert.

The European: Was hat das für Auswirkungen?
Coupland: Es hat zur Folge, dass wir uns heute lieber mit der Vergangenheit beschäftigen, weil sie aufgrund der guten Dokumentation viel greifbarer geworden ist.

The European: Aber wieso würde man in Nostalgie schwelgen wollen, wenn die Gegenwart so viele Chancen ­bietet, etwas Neues zu erschaffen?
Coupland: Weil es viel, viel einfacher ist – deshalb.

„Wir leben in einem ständigen Halloween, wir sind 24/7 verkleidet“

The European: Vergeben wir so aber nicht die Chance, der Geschichte unseren eigenen Stempel aufzudrücken?
Coupland: Das sind begründete Sorgen. Ich gebe immer folgendes Beispiel, um die Problematik zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie werden in 20 Jahren zu einer 2010er-Jahre Revival Party eingeladen. Was würden Sie anziehen?

The European: Wie lautet Ihre Antwort?
Coupland: Bis vor Kurzem hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es nichts Besonderes gibt, was unsere Zeit kennzeichnet, aber jetzt würde ich mich wohl für ein Hipster-Outfit entscheiden.

The European: Was aber nichts Eigenes ist, sondern nur eine Zusammenstellung von Kleidern vergangener Dekaden.
Coupland: Das finde ich nicht. Glauben Sie, dass Grunge musikalisch und modisch authentisch war?

The European: Gewissermaßen schon.
Coupland: Aber als Grunge groß wurde, behaupteten viele, es wäre nur recycelter Punk. Es gibt also diese Tendenz, zu behaupten, dass etwas Neues einfach nur die Kopie von etwas Altem ist. Neue Mode oder ­Musik basiert immer auf dem, was es vorher schon gab. Das war immer so und wird auch so bleiben. Das ist kein Abklatsch, das ist Inspiration.

The European: Aber hilft uns diese Inspiration, etwas ­Eigenes zu kreieren und uns von anderen Dekaden ­abzugrenzen?
Coupland: Zu einem gewissen Grad, aber es gibt Grenzen. Vor zwei Jahren war ich auf einer Konferenz in Florida und habe dort den berühmten Sci-Fi-Autor William Gibson getroffen. Wir unterhielten uns und irgendwann kamen wir auf das Thema 9/11 und dass die Leute 2001 genauso aussahen wie 2013. Es gab nur einen Unterschied: Niemand hatte ein Smartphone. Die Handys der Leute waren das Einzige, was das Jahr des Ereignisses verriet. Wenn man sich Fotos aus den 1960er-, 1970er- oder 1980er-Jahren anschaut, erkennt man sofort, um welche Dekade es sich handelt. Das geht heute nicht mehr, weil unser Aussehen sich über die ­letzen zehn Jahre nicht verändert hat. Was sich verändert hat, ist unsere Wahrnehmung der Welt.

The European: Wie meinen Sie das?
Coupland: Wir nehmen die Welt heute durch die Linse unseres iPhones wahr. Das führt einerseits zu einer Beschleunigung, gar Kannibalisierung der Zeit und andererseits zu einer übertriebenen Stil-Spezifität. Ich ging letztens an einer Gruppe von Teenagern vorbei, die echten 1978er-Punk gespielt haben. Mir ging es eigentlich nur um die Optik des Ganzen – sehen sie auch so aus? Es gibt so viele verschiedene Stile heute und Technologien wie Instagram, die das noch verstärken. Würde Instagram uns nicht alle Stichwörter und Anregungen zum Retro-Trend liefern, würden wir uns wahrscheinlich mehr Mühe geben, ein authentisches 2015 zu schaffen, ­anstatt eines, das mit allen anderen Zeiten kollidiert.

The European: In Ihrem Buch „Generation X“, haben Sie den Begriff „Historical Underdosing“, eine historische Unterdosierung, geprägt, der das bezeichnet, was passiert, wenn man in einer ereignislosen Zeit lebt. Attestieren Sie unserer Zeit diese Unterdosierung?
Coupland: Das habe ich 1989 geschrieben, als Retro noch nicht ganz so groß war wie heute, aber bereits damals war es gewissen Leuten schon zu viel. Ich kann nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob wir wirklich in einer solchen Zeit leben, aber es gibt ein allgemeines Gefühl, dass wir es tun.

„Es wird emuliert, nicht imitiert“

The European: Amanda Palmer behauptet, Retro sei nur ein Mittel, um die Gegenwart zu vermeiden. Ihre Einschätzung?
Coupland: Ich muss widersprechen. Ich glaube, wir beschäftigen uns mit der Gegenwart, aber auf andere Art. Wir leben in einem ständigen Halloween. Wir sind 24/7 verkleidet. Das Interessante daran ist, dass, je mehr man sich verkleidet und sich vergangenen Zeiten annähert, man desto mehr auch von sich selber preisgibt. Kritiker zeigen mit dem Finger auf die Retro-Jünger und schimpfen: „Oh, das ist so langweilig, das ist so ideenlos“, aber ich sehe das anders. Die Vergangenheit ist ein sehr gutes Ausdrucksmittel. Es ist nicht faul, sich ihrer zu bedienen, es ist sogar sehr anstrengend. Man hat so viele Möglichkeiten und muss entscheiden, welche Zeit einen selbst am besten widerspiegelt. Das verrät einiges.

The European: Kann man die Einzigartigkeit einer Dekade ­kopieren?
Coupland: Darum geht es den Leuten nicht. Es wird emuliert, nicht imitiert. Die 1960er-Mode von heute ist anders als die der wahren 1960er-Jahre. Es geht nicht um historische Genauigkeit, wir leben ja nicht im Smithsonian-Museum. Deshalb kann man die heutige Mode durchaus innovativ nennen. Sie ist nicht brandneu, aber immer noch neu. Wenn es Recycling ist, dann innovatives Recycling.

The European: Was zeichnet unser Jahrzehnt denn aus, macht es einzigartig?
Coupland: Wir waren nie schlauer, aber haben uns nie ­dümmer gefühlt. (lacht)

The European: Kulturelle Innovation ging stets Hand in Hand mit kulturellen Bewegungen. Sie schrieben vor Kurzem, dass wir heute keine Bewegungen mehr haben, sondern nur noch Memes.
Coupland: Das stimmt, aber gleichzeitig wollen Sie doch nur meine pessimistischen Gedanken, um einen langen, deprimierenden deutschen Artikel zu schreiben! (lacht) Ich teile Ihren Pessimismus aber teilweise. Memes sind kurzlebig und geraten schnell in Vergessenheit. Darum mögen wir sie. Wir können uns in sehr kurzer Zeit sehr viele ­davon reinziehen. In den 1960ern kreierte man noch Langlebiges. Aber die Gegenbewegungen der Zeit waren nicht unbedingt gut. Wir sehen sie als authentisch an, aber vergessen, dass diese Authentizität auch einen Preis hatte.

The European: Welchen?
Coupland: Sie waren authentisch, weil sie uniform und homogen waren. Heute gibt es eine viel größere Vielfalt.

The European: Wie würden Sie das Jahr 2015 visuell darstellen?
Coupland: Als riesiges tumblr. Ein Archiv mit Tausenden Gifs und Bildern, die alle leuchten und blinken. Das Archiv ist endlos, so groß ist es. Es gibt ein großartiges Buch, das „Google Vol.1“ heißt, in dem man alle Wörter des Wörterbuchs mit dem ersten Bild der Google-Bildersuche kombiniert. Diese Bilder verraten alles über unsere Zeit. So wird man sie in Erinnerung behalten.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Wir haben jeden Bereich unserer Gesellschaft liberalisiert, nur die Drogenpolitik nicht. Der Ruf nach einer Revolution wird lauter.

Weitere Debatten: Schafft Deutschland die Industrie 4.0? Wie man sich an unsere Zeit erinnern wird. Geht die AfD zugrunde? Dazu Gespräche mit Noam Chomsky, Christopher Lauer, Wim Wenders.

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