Wenn wir durch Zauberhand nicht mehr unter US-Recht fallen würden, wäre das großartig. Sergey Brin

Liebes parlamentarisches System

Dein Untergang ist oft besungen worden, aber in der 60-jährigen bundesrepublikanischen Geschichte nie eingetreten ... Der oft geäußerte Unmut über vermeintliche Mängel des Parlamentarismus liegt nicht in den Parteien begründet, sondern in der neuen Mündigkeit der Bürger. Gute Vorzeichen für eine funktionierende Demokratie.

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Wie kommentiert eine Abgeordnete der Regierungskoalition im Jahr 2011 die Zukunft des parlamentarischen Systems? Lobend, jubelnd und frohlockend? Zumal wenn ein anderer an dieser Stelle zu dem Schluss gekommen ist, das Parlament habe sich bewährt, die Parteien seien die Versager. Schwierig! Zumal es im Wesen unseres parlamentarischen Systems liegt, im Schulterschluss mit den Parteien zu arbeiten. Wie gerne wäre man da einmal im Leben Franz Josef Wagner, denn dann könnte man Folgendes tun:

“Liebes parlamentarisches System,

Dein Untergang ist oft besungen worden, aber in der 60-jährigen bundesrepublikanischen Geschichte nie eingetreten. Trotzdem widerfährt dir immer wieder das Unrecht, dass keiner an dich glaubt. Das liegt in erster Linie daran, dass du anstrengend bist, man dir die Suche nach Kompromissen ins Stammbuch geschrieben hat und die Erwartungen an deine Leistungen unglaublich hoch sind. Ja, und dann hast du auch noch einen besonders eitlen, charakterlich schwierigen und ebenso unter Zwängen leidenden Ehemann: die Parteien.

Eure Ehe kämpft mit den Wogen des Alltags und ihr seid nicht immer derselben Meinung. Aber ihr wisst, dass ihr euch gegenseitig braucht und haltet in grundsätzlicher Eintracht die Balance zwischen gegenseitigem Geben und Nehmen. Euer gemeinsamer Beruf ist spannend und aufreibend: Ihr ringt um die beste Idee für die Zukunft unseres Landes! Eure Aufgabenteilung ist konservativ – die eine darf die großen Entscheidungen treffen, der andere muss zu Hause für Ordnung sorgen. Und wenn die Brut dann nichts wird, ist Letzterer Schuld. Das finde ich unfair.

Herzlichst, Ihr F. J. Wagner“

Unfair? Ja, denn die Parteien haben 2010 nicht versagt. Bedingt durch die weltweite Wirtschaftskrise war es in den vergangenen Jahren Aufgabe des Spitzenpersonals der Parteien, unpopuläre, aber notwendige legislative Entscheidungen in die Ortsverbände oder Ortsvereine zu tragen und diese für die Menschen vor Ort nachvollziehbar zu machen. Dass in diesem Zuge Unmut entsteht, hat seinen Ursprung nicht grundsätzlich in einer Fehlleistung der Parteien.

Es zeigt vielmehr, dass es in über 60 Jahren Bundesrepublik gelungen ist, eine Kultur der Mündigkeit unter den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes zu etablieren. Unsere Demokratie ist vital und agil. Das sollte gerade uns Deutsche stolz machen. Für eine lebendige Demokratie brauchen wir keinen Sündenbock, auch nicht die Parteien, denn die haben sich – genau wie die Parlamente – bewährt. Und auch wenn unsere Demokratie noch so anstrengend ist: Es gibt nichts Besseres!

Leserbriefe

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    bongbong – 01.02.2011 - 12:40

    Ja und was ist denn die Ursache der neuen Mündigkeit, bittschön?
    Lüge, Scheinheiligkeit, Heuchelei, fehlendes Rückgrad, Verdrehen von Tatsachen ist das tägliche Brot der im Scheinwerferlicht stehenden ParteiRegierungsmitglieder. Es fehlt an Ehrlichkeit, Integrität und Gewissen. Kein Wunder also! Ich finde in meinem buntgeblümten Umfeld kaum noch jemand, der nicht die Schnauze voll oder aber resigniert hat.

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    Rolf Kohl – 01.02.2011 - 13:53

    Mündig war der Wähler schon immer, nur nicht in den Augen unserer Politiker. Wenn der mündige Bürger mitreden ( mitentscheiden ) dürfte, gäbe es keinen Bankenrettungsschirm und wir hätten auf flehen des Finanzmarktes eine Regulierung. Auch wäre die GRV und GKV anders reformiert, nicht zum Geschenk an die Versicherungsunternehmen. Es gäbe schon lange einen Mindestlohn der Geld in die leeren Kassen bringen würde. Auch die Steuergerechtigkeit, von der die Parteien nicht wissen wollen wäre geregelt, uvm. Reden sie bitte nicht vom parlamentarischen System, das haben die Parteien abgeschaft. Es dürfte auch nicht mehr Regierung oder Opposition heisen, sondern Lobbyinteressegemeinschaft. Ein Grundgedanke unserer Gesetzgebung ist die Solidarität, die haben sie zu Lasten der Unter und Mittelschicht ausradiert.Was fordern sie ? Verständniss für unserer Ausbeutung? Auf Drängen der Wirtschaft haben sie alles, von Bildung bis Sozialnetz, an die Wand gefahren. Was ihnen fehlt ist Bürgernähe, aber die wollen sie ja nicht. Betreiben sie ihre Klientelpolitik weiter, die ist nicht so anstrengend.Da muss man keine Politik machen, sondern nur PR.

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    Volker Weyer – 01.02.2011 - 14:54

    Szenen einer Ehe

    Um beim Bild von Ehefrau, Ehemann und schwieriger Ehe zu bleiben:

    Die beiden haben ein großes Jubiläum hinter sich gebracht, Diamantene Hochzeit gefeiert. Und natürlich ist das Bild einer solchen Ehe von außen betrachtet stets ein anderes als deren Innenleben.

    Zoff gibt es in jeder Ehe, der Haussegen hängt mal schief, und die Leidenschaft geht über die Jahre ein wenig verloren.
    Aus heißblütiger Liebe wird im besten Falle Vertrauen, ansonsten Vertrautheit. Aber immerhin, wer hält es heutzutage noch 60 Jahre miteinander aus. Über das ein oder andere ließe sich also altersmilde, schmunzelnd, nachsichtig hinwegsehen.

    Allein, es ist für jedes noch so geduldige Eheweib ein arg strapaziöses Verhältnis, mit jemandem das Ehebett teilen zu müssen, welcher – je oller, je doller – die Allüren eines Silvio Berlusconi annimmt.

    Mag es noch tolerabel sein, daß der Hahn hin und wieder einen fremden Mist besteigt, mag es noch verständlich sein, daß mancher alte Bock – getragen von den beflügelnden, schmeichlerischen Lüften moderner Potenzmittelchen – so manchem Rock hinterher schaut.
    So ergreift den stillen Betrachter doch das Mitleid um die alte Dame ob des Lebenswandels ihres Gatten. Und – was Wunder – verständlich wird es dann auch, wenn die gefoppte Frau sich über die Jahre hinweg zur starrsinnigen Xantippe wandelt, die das Nest hütend jeglicher Veränderung ihrer Verhältnisse argwöhnisch aus dem Wege geht.

    Erinnern wir uns der Zeit, als beide zusammenfanden. Welch – teils widersprüchliche, teils mitreißende, teils hitzige, aber stets befruchtende – Leidenschaft dies junge Pärchen trug. Erinnern wir uns des zerwühlten Bettes, der Vielzahl der Früchte dieser Beziehung, der Lendenkraft des Mannes, der Fruchtbarkeit dieses weiblichen Schoßes.

    Doch irgendwann, es wird wohl in den 90ern gewesen sein, muß die Luft herausgegangen sein. Gemeinsam hatte man etwas erreicht, war zu Wohlstand und Ansehen gekommen, war umgezogen, in ein vermeintlich besseres, größeres Haus, konnte sich was leisten, war aufgestiegen. War satt geworden, behäbig, ja fett. Das Feuer erlosch, es folgte Ernüchterung, Depression, ja Aversion.

    Dem Manne war plötzlich vieles nicht mehr gut genug. Der Blick auf die Nachbarn, der Neid, welch Rad dort gedreht wurde. Mitspielen, mitmischen, raus aus dem Biedermeier, hinaus in die Welt, ein zweiter Frühling – oder doch Midlifecrisis? Eitel wurde das Mannsbild, selbst über die Echtheit der Haarfarbe wurde gemunkelt (die häßlichen Lästereien auch aus der Welt geräumt).

    Und dann? Über die Ehe und das Ehebett kam eine Zeit der bleiernen Schwere. Graue Tristesse, Gleichgültigkeit, Aversion. Nichts rührte sich mehr im Schlafgemach. Meist lag die Verschmähte allein im Schlafgemach, wurde bockig und zickig. Während er, mit Wohlstandsbauch gewappnet, träge durchs Leben stapfte und nur dann, dies aber stets – und immer häufiger, schnellen Trost suchte und fand bei jeder schneidigen, naßforschen Buhlschaft, welcher er in der Lobby über den Wege lief. Wie seltsam, daß einem Eheweibe solch Hörner aufgesetzt werden können, allein, verstoßen, mißachtet. Aus dem Wege ging man sich und geht man weiter. Gemeinsam das Geschick zu planen – ihn interessiert es nicht: Geschenke macht er gerne noch, allein den kurzberockten Metzen, vor aller Augen in der Lobby, läßt sich süße Worte in die Ohren säuseln und gleich noch recht um den Finger wickeln, das ein oder andere Blind vor Geilheit, vor strohfeurig aufflackernder Manneskraft, so süß und schmeichlerisch aus roten Lippen brünstig zustimmend zugehaucht, an Wohltat, Gunst, Vergünstigung sich aus den Rippen leiern.

    Nur ein paar Türen weiter liegt die einst Angebetete, vergessen, verschmäht und ignoriert.

    Doch da, für einen Augenblick erstrahlt der alte Glanz in ihren Augen. Krank und schwach, vom geckenhaften Leben gezeichnet klopft es wie in Canossa an die Türe, erbittet er Einlaß – und Verzeihung. Geplündert sind seine Taschen, die Lendenkraft verraucht, verpulvert, verprasst in teuren, waghalsigen, großmännischen Eskapaden eines alternden, säftelnden Lemuren, der es sich und allen noch einmal beweisen wollte.

    Nun ist nichts mehr da, die Kassa leer, das Wasser steht ihm bis zum Hals. So flüchtet er sich in altvertraute, hingewelkte Arme, in die fröstelnde Wärme des Ehebettes, weint, greint, erfleht Abbitte und gelobt Besserung. Gesteht sein schamloses Tun, die Prasserei und – daß alles nur auf Pump gebaut, mehr Schein als Sein. Erfleht die Hilfe, es wird auch alles anders, besser, versprochen, ich werde mich ändern.
    Doch ach, die Not ist groß, so jammert er, hilf mir, öffne deinen Beutel, so arg setzt man mir zu, es ist mein Untergang.

    Da liegt er, in ihren Armen, verzweifelt, erniedrigt, hilflos. Und die alte Liebe wärmt nochmals ihr Herz. Wie könnte sie ihn schmähen, ihn verstoßen, im Stiche lassen. Ihr Herz wird weich. Und doch, sie ziert sich. Soll sie ihr Erbe angreifen, das man ihr anvertraut? Sie zögert.
    Da schaut er sie an, sein Blick wird fest, ist voller Trauer und Verzweiflung. Mein Kind, sagt er, wenn du mich liebst, so mußt du! Es geht nicht anders, willst du nicht, daß ich, daß wir in diesen Abgrund stürzen. So du mich liebst, so ist es eine alternativlose Entscheidung.

    So nimmt sie´s hin, nimmt das Erbe und zahlt. Wird´s reichen? Für´s erste ja. Doch…er hat sich nicht geändert. Verfällt in alte Untugend und beginnt auf´s neue seine lasterhaften Umtriebe.

    60 Jahre einer Ehe. Soll man sich jetzt noch trennen? Wohl kaum, es käme teurer als so weiter zu machen wie bisher? Wird es noch eine eiserne Hochzeit geben? Wie ist es doch sooft: Zuerst – gerade nach einem solchen Leben – erlöschen die Lebensgeister des Ehemannes. Aber ist er erst einmal verschieden, so dauert´s nicht mehr lange – und es folgt ihm seine Frau.

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    kleinErna – 02.02.2011 - 00:15

    Oh-je, Volker Weyer,
    da beschreibet einer, bei Verfehlung des ursprünglichen Themas, seinen eigenen Lebensweg, zumindest bis zu dem Punkt an dem er sich z.Zt. befindet und mit dem Ausblick auf eine Zukunft, die er noch zu erwarten wähnt und ahnend, dass und warum das letztlich auch nix mehr wird.
    Schade um die vielen Worte!

  • Theeuropean-placeholder
    teiler – 22.07.2011 - 15:18

    “Ham wir schon immer so gemacht” ist kein Argument. Da hilft auch nicht die bräsige Metapher “altes Ehepaar”. Technologie verändert die Gesellschaft. Die Herrschaft der Kirche wurde durch den Buchdruck und die Erfindung der Uhr gebrochen. Durch das Internet verlieren die Parteien und das Parlament ihre Notwendigkeit, den Bürger zu vertreten. Die Menschen können jederzeit direkt in Kontakt treten und brauchen keine Stellvertreter mehr, um Politik zu machen.

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