Buona sera. Jorge Mario Bergoglio

„Was ist schon grundlegend neu?“

Auf Techno mit Gitarrensounds stand laut DJ Hell noch vor 15 Jahren die Todesstrafe. Ihn hat das nicht davon abgehalten, beides zu vermischen und damit das Mash-up-Zeitalter einzuläuten.

The European: Hell, der britische Musikjournalist Simon Reynolds sagte im Gespräch mit uns, dass Dubstep die einzige halbwegs innovative Musik der letzten Jahre sei. Stimmst du ihm zu?
Hell: (lacht) Na ja, als Brite ist das verständlich. Die Engländer glauben ja auch, dass sie Drum’n’ Bass erfunden haben. Das stimmt vielleicht zum Teil, aber ich definiere hier eine andere Wahrheit. Ich wurde mit der deutschen elektronischen Musik der 1960er- und 1970er-Jahre sozialisiert. Kommerzielle Ansprüche gab es da nicht, alles war immer ein Experimentierfeld. Dass diese Musik heute solchen Anklang findet, war damals nicht abzusehen. Ich denke, dass gerade im Bereich der modernen Clubmusik noch recht viel Innovation stattfindet. Dubstep als einzige futuristische Musik – das würde ich so nicht unterschreiben wollen.

The European: Dass sich die Clubmusik weiterentwickelt hat, scheint klar, aber die Frage ist: Entstand über die letzten 15 Jahre eine grundlegend neue ­Musikrichtung, die diese Zeit prägt, und ihr später als Soundtrack dienen kann, wie Rock es in den 1960er-Jahren tat?
Hell: Eine gänzlich neue Musikrichtung hat sich nicht entwickelt, aber einen radikalen Wandel gab es trotzdem. Die Art und Weise, wie Musik gemacht, vermarktet, verkauft und gehört wird, ist grundlegend anders als noch vor zehn Jahren. Mittlerweile gibt es Alben, die nur mit einem iPhone oder iPad produziert wurden.

The European: Die Struktur der Musikindustrie hat sich ­verändert, nicht aber die Musik selbst.
Hell: Absolut. In den 1990er-Jahren dachte noch niemand an Streaming oder massives kostenloses Downloaden. Heute gibt es im Netz haufenweise Technomusik, die frei erhältlich ist und von Produzenten einfach so zur Verfügung gestellt wird. Auch, dass man als DJ nur noch einen USB-Stick braucht und nicht mehr schwere Plattenkisten schleppen muss, war undenkbar. Das ist natürlich schon innovativ.

The European: Begrüßt du diesen Wandel?
Hell: Er hat Vorteile, aber es ist schade, dass viele junge­ Menschen sich heute mit schlechter Klangqualität zufrieden geben. Die Vinylplatte hatte dieses ­warme Soundspektrum und eine starke Ästhetik. MP3 ist purer Pragmatismus – eine komprimierte Musikdatei eben.

The European: Stellt sich dadurch vielleicht auch eine kulturelle Apathie ein, weil alles verfügbar ist, und wir übersättigt sind?
Hell: Uns fehlt die Zeit, uns mit Musik oder anderer Kunst auseinanderzusetzen, weil täglich eine Welle neuer Sachen heranrollt und wir ständig den neuesten Trends nachlaufen. Wir konsumieren wie am Fließband. Ich beobachte aber, dass sich eine Gegenbewegung entwickelt hat, die sich diesem Wandel widersetzt und Musik nur über Vinyl oder CD hört. Es hat sich ein Kosmos gebildet, in dem die Digitalisierung der Musik nicht stattgefunden hat.

The European: Viele würden das als „retro“ bezeichnen.
Hell: Ist es auch – keine Frage. Es ist eine Art Verweigerung des Fortschritts. Aber das Retro bezieht sich hier weniger auf die Musik, sondern mehr auf die Arbeitsweise. DJ-Arbeit ist artistisches Handwerk und natürlich ist es schade, wenn auf einmal jeder das innerhalb weniger Minuten beherrscht und nicht viel dafür tun muss.

The European: So weit ist es ja noch nicht gekommen.
Hell: Doch. Das DJ-Handwerk wurde über die letzten zehn Jahre komplett automatisiert. Ich kann dir eine Liste von Liedern geben, die du spielen sollst, und nächstes Wochenende kannst du damit im Berghain bestehen. Einfach auf Autosynchronisation drücken – das ist für viele DJ-Sein geworden.

The European: Synchronisation fand ja auch in Form des ­Mash-ups in der Musik um die ­Jahrtausendwende statt. Plötzlich wurden Lieder und ­Musikstile, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, mit­einander vermischt.
Hell: Das ist eine vereinfachte Darstellung. In der DJ-Kultur gibt es das Verschmelzen von verschiedenen Stilrichtungen ja schon lange. In den 2000er-Jahren haben sich dann daraus eigene Musikrichtungen ergeben.

„Das Diktat des Underground“

The European: Du warst taktangebend bei der Entstehung eines solchen Mash-up-Genres – Elektroclash – bei dem die Grenzen zwischen Techno und Rockmusik verschwanden.
Hell: Ich bin natürlich wahnsinnig stolz, ein eigenes Musikgenre begründet und benannt zu haben …

The European: Aber ist es ein eigenes Musikgenre, oder nur die Verschmelzung von Altbekanntem?
Hell: Es war eine Zusammensetzung aus dem Bekannten und somit natürlich keine ganz neue Musik­richtung, aber was ist schon grundlegend neu? ­Irgendwo gibt es doch immer Anhalts- und Verbindungspunkte. Jeder hat Elektroclash damals anders verstanden. Das war bei Punk oder Hip-Hop auch nicht anders. Elektroclash war ja zu weiten Teilen auch ein Missverständnis.

The European: Inwiefern?
Hell: Plötzlich war alles Elektroclash. Selbst in billigen Lifestyle-Magazinen war Elektroclash plötzlich Thema. Das war schon sehr inflationär. Und das war der Punkt, an dem sich auch alle davon distanzierten, weil es plötzlich Ausverkauf war und als wenig innovativ galt. Auch wenn die Musik nach wie vor Grenzen überschritt.

The European: Stirbt vielleicht auch jeder Versuch, eine neue ­Musikrichtung zu gründen, an der schnellen Kommerzialisierung dieser?
Hell: Was erfolgreich ist und es aber nicht sein soll, kann nicht überleben. Das ist das Diktat des Underground. Es ging mir aber auch damals nicht um Erfolg, sondern darum, die Clubszene wiederzubeleben. Ende der 1990er-Jahre war die recht statisch und dann brachte mein Label Gigolo ­Records plötzlich Rockeinflüsse und 80s-Klänge auf die Tanzflächen – ein absolutes No-go für viele. Auf Gitarrensamples stand Todesstrafe! Techno war eine strenge Religion für Ungläubige. Elektroclash lockerte das auf.

The European: Kennzeichnet das nicht auch unsere Kultur: Neuerung durch Verschmelzung von Altbekanntem?
Hell: Absolut, das ist ja nicht nur in der Musik so. Auch in der Mode wird alles bunt durcheinandergewir­belt. Irgendwann war das dann Retro, aber ich weiß nicht, ob es das so ganz trifft. Es ist ja kein reines Wiederbeleben, sondern eher eine Neu­inter­pretation des Alten. Und auch eine Erweiterung. Ich verstand meine Kunst nie als bloße Musik, sondern als Schnittstelle zwischen Musik, Film, ­bildender Kunst und Mode. Das passt vielen nicht, die sich fragen, was ein DJ wie ich bei Karl Lagerfeld zu suchen hat. Diese Verbotshaltung passt aber nicht zur Grundidee der Technomusik.

The European: Die da wäre?
Hell: In den 1990er-Jahren war unser Credo das Zitat­ ­aus „Star Trek“: „To boldly go where no man has gone before“. Ich versuche das bis heute. Bei vielen jüngeren Kollegen heißt es heute aber: „to go where many men have gone before“. Es gibt aber auch Ausnahmen.

The European: Zum Beispiel?
Hell: Skrillex finde ich hochinteressant. Ist nicht mein Stil, aber der ist sehr retro und trotzdem innovativ. Seine Musik passt perfekt zu einer Generation, die unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leidet und keine Zeit mehr hat, sich mit Musik länger zu beschäftigen. Seine Musik klingt nach Epilepsie, und das trifft den Nerv der Zeit. Es ist ja nicht nur die Musik, sondern auch die ganze Show drumherum. Das gab es so früher nicht. Der DJ ist auf ­jeden Fall der Mega-Rockstar des 21. Jahrhunderts.

The European: Dass wir momentan der Vergangenheit huldigen, ist klar, aber ist es nicht auch so, dass das Wieder­aufleben der Vergangenheit immer schneller ­voranschreitet? Als hier in Berlin der legendäre Club „Bar 25“ schloss, erschien kurz darauf bereits ein Bildband und ein Dokumentarfilm.
Hell: Man vermisst schon das, was eigentlich noch ist. Es ist eine Art frühzeitige Nostalgie. Die Dokumentation ist viel einfacher geworden und das trägt natürlich zur Heldenbildung bei. Es ist viel schwieriger, Audio- oder Videomaterial zu finden, was die Anfangstage der Berliner Clubkultur mit Läden wie dem Planet oder dem E-Werk zeigt.

The European: Das wenige Material, das es gibt, wird maximal ausgeschlachtet und vermarktet. Bücher und Bildbände zu dieser Zeit haben gerade Hochsaison.
Hell: Aber es stimmt, es gibt eine Sehnsucht nach der Zeit, in der die Clubkultur in Berlin noch chaotischer war, und es einen größeren Zusammenhalt gab.

„Wir erleben das Ende der ausschweifenden Clubkultur“

The European: Die guten alten Zeiten.
Hell: Es war eine wilde Zeit, in der alles möglich war. Vieles war natürlich illegal, aber das kümmerte damals niemanden. Und es war vielleicht auch eine homogenere Szene, weil noch nicht massenweise Touristen kamen. Wir glaubten, dass wir die Welt verändern könnten. Es wehte Aktion­ismus durch die Straßen. Wir waren eine ­große Familie ost- und westdeutscher ­Raver, und die gibt es heute so nicht mehr. Dass sich das viele zurückwünschen, ist klar. Aber ­Berlin bleibt trotzdem führend, was Clubkultur angeht. Der Spirit der 1990er-­Jahre lebt weiter, wenn auch etwas gezügelter und beschränkter.

The European: Du hast mit vielen Ikonen der 1980er-Jahre wie Bryan Ferry oder Alan Vega zusammengearbeitet und scheinst auch sehr inspiriert durch die Ä­sthetik dieser Jahre. Hast du das Bedürfnis, diese Zeit einem jüngeren Publikum zu vermitteln?
Hell: In erster Linie geht es mir darum, mit diesen ­Leuten zusammenzuarbeiten, weil sie für mich prägend waren und ich mir damit auch einen Lebens­traum erfülle. Und ich will auch nicht die Oberlehrerfunktion einnehmen und jungen Leuten vorschreiben, was sie zu hören haben. Aber klar ist es schön, wenn jemand durch mich zum ersten Mal Alan Vega wahrnimmt.

The European: Das ehemalige Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos sagte mir mal im Interview, dass es Kraftwerk immer darum ging, in den Rückspiegel zu schauen, um nach vorne zu blicken. Ist das auch dein Ansatz?
Hell: Absolut, einen Schritt zurück und zwei nach vorne. Ich führe gerne Sachen aus den 1980er-­Jahren fort, wenn ich denke, dass sie heute noch relevant klingen.

The European: Abschließend: Was ist für dich die kulturelle ­Essenz der letzten 15 Jahre?
Hell: Keine leichte Frage. Ich denke, dass rückblickend musikalisch die Clubmusik im Vordergrund stehen wird, weil sie von allen Genres noch das jüngste ist. Außerdem ist die Clubkultur ja mehr als nur Musik. Dort treffen Mode, Film, Musik und Kunst aufeinander und damit lässt sich mit ihr auch ganz gut ein generelles Bild dieser Zeit zeichnen.

The European: Wie würde das Bild konkret aussehen?
Hell: Es ist schwierig, sich das 2000er- oder 2010er-Jahre-Revival vorzustellen, weil ich nicht weiß, wo genau man ansetzen sollte. Es gab sehr viele kleine Trends und Bewegungen und die lassen sich schlecht zusammenfassen oder darstellen. Vielleicht stirbt jetzt gerade das Revival, weil es zukünftig keins mehr geben kann. Man wird sich eher an andere Sachen erinnern, die sich schlecht darstellen lassen.

The European: Zum Beispiel?
Hell: Wenn ich mir anschaue, was in vielen Großstädten der Welt, ob nun London oder New York, vor sich geht, dann würde ich sagen, dass wir das Ende der ausschweifenden Clubkultur erleben. In Berlin floriert diese noch, aber in zehn Jahren wird man sich vielleicht nicht mehr vorstellen können, was in der „Bar 25“ oder im „Berghain“ vor sich ging, weil die Politik, was das angeht, immer restriktiver wird.

The European: Das Ende der Dekadenz?
Hell: Alles wird kontrollierter und regulierter und man wird wohl in zehn oder 20 Jahren die gleiche ­Nostalgie für die heutige Zeit verspüren, die wir heute für die 1990er-Jahre empfinden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Simon Reynolds: „Wir perfektionieren die Vergangenheit“

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Wir haben jeden Bereich unserer Gesellschaft liberalisiert, nur die Drogenpolitik nicht. Der Ruf nach einer Revolution wird lauter.

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