Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken. Mahatma Gandhi

Die vermeintliche Klarheit über den Marsch in den Weltuntergang

Alle reden von Rolf Peter Sieferles Buch “Finis Germania”. Mittlerweile wurde es aus den Bestsellerlisten gelöscht. Dirk Maxeiner hat das Buch gelesen und befindet: “Stieferle hat genau wie unsere Öko-Elite ein Ressentiment gegen die einfachen Leute, die von einem VW-Golf und einem Urlaub auf Mallorca träumen.”

Rolf Peter Sieferles posthume Schrift „Finis Germania“ entpuppt sich gerade als Tretmine im Literaturbetrieb. Jeder, der einen Ruf zu verlieren hat, versucht dem Ding so gut wie möglich auszuweichen. Andererseits will man schon wissen, warum diese kleine Textsammlung von 100 Seiten so explosiv ist. Und so liegt es nahe, sich die Vorgeschichte des Autors ein wenig näher anzuschauen.

Dabei stößt man alsbald auf den „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) und dessen zeitweisen Vorsitzenden Hans Joachim Schellnhuber, der gerne als deutscher „Klimapapst“ gehandelt wird. 2011 ließ er als Vorsitzender des WBGU einen „Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ verkünden, die wir uns als Ende des „fossilen industriellen Metabolismus“ und als „Übergang zur Nachhaltigkeit“ vorzustellen haben. Als Gutachter war auch Historiker Rolf Peter Sieferle mit von der Partie, seine Expertise für die Bundesregierung hieß „Lehren aus der Vergangenheit“ und lässt sich hier beim WBGU bestellen.

Darin schreibt Sieferle: „Es geht also um nichts weniger als die Formierung eines auf Dauerhaftigkeit angelegten sozialmetabolischen Regimes, in dessen Rahmen zugleich politische, soziale und kulturelle Standards erhalten und weiterentwickelt werden sollen.“ Es handelte sich offenbar um einen guten Rat, denn er fand sich auch im Hauptgutachten wieder. Dort steht im Fazit geschrieben: Der „fossilnukleare Metabolismus der Industriegesellschaft hat keine Zukunft“. Hans Joachim Schellnhuber freute sich angesichts des seinerzeitigen Berichtes auf eine nachhaltige Zukunft jenseits unserer gegenwärtigen „Mitläuferdemokratie“.

Wer sich in die Traktate der deutschen Umwelt-Kassandras und Klima-Alarmisten vertieft, entdeckt sogleich, dass Sieferle kein Alien ist, sondern dass große Teile seines Denkens perfekt in diese Szene passen. Wer sich mit ihr längere Zeit befasst und ihre Publikationen und Verlautbarungen gelesen hat, dem kommt das meiste nur allzu bekannt vor.

Man kann beispielsweise zum Bücherregal gehen, Abteilung Apokalyptiker, und zwei deutsche Standardwerke herausziehen: Einmal „Selbstverbrennung“, von Hans Joachim Schellnhuber, dem bereits erwähnten ehemaligen Klima-Berater der Kanzlerin und Direktor des Potsdam-Institut für Klima-Folgenforschung. Und einmal „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“, das der Sozialpsycholge Harald Welzer und der Politikwissenschaftler Claus Leggewie verfasst haben.

Schon die Titel sind austauschbar, Sieferles ist lediglich lateinisch. „Finis Germania“. „Selbstverbrennung“. „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“. Auch der Inhalt siedelt größtenteils auf der gleichen geistigen Borke: Apokalyptisches Denken und Weltuntergangs-Pathos, Verachtung für die Konsum- und die Industrie-Gesellschaft, ein Blick von oben herab auf den Plebs, der sich hedonistisch durchs Leben kopuliert und nicht bereit ist Opfer zu bringen, die Einstimmung der Menschen auf einen Horizont niedriger Erwartungen. Der gute alte Malthus weht durch jede zweite Seite, Misanthropen können ihr Herz wärmen wie bei Großmutter am Kachelofen.

Die „Mitläuferdemokratie“ springt wieder aus der Kiste

In Sieferles posthumen Finis Germania springt Schellnhubers eingangs erwähnte „Mitläuferdemokratie“ dann gleich wieder aus der Kiste. Diesmal klingt sie so: „Wer keine stabilen, verhaltenssicheren und selbstbewußten Herrschaftseliten haben will, darf vor den kulturellen Konsequenzen der Demokratisierung nicht zurückschrecken.“ Und weiter: „Man fragt sich allerdings, ob diese stilistischen Greuel nicht ebenso Preis der Massendemokratie sind, wie zum Massenkonsum eben auch die Verkehrsstaus, die grellen Supermärkte und die Müllberge gehören“. Das könnte sinngemäß auch von Schellnhuber, Welzer oder Leggewie stammen. Great minds think alike. Und sie irren auch gemeinsam: Die größten und giftigsten Müllhalden gab es nicht in der Bundesrepublik, sondern im sozialistischen Arbeiterparadies DDR.

Gemeinsam ist ihnen auch die Belehrung von oben herab. Sieferle hat genau wie unsere Öko-Elite ein Ressentiment gegen die einfachen Leute, die von einem VW-Golf und einem Urlaub auf Mallorca träumen. „Die Massenzivilisation ist deshalb so unkultiviert (und merkt es nicht einmal), weil in ihr ein vulgärer Typus an der Herrschaft ist: der Massenmensch, für den Fastfood und Entertainmentkultur geschaffen sind und dessen Bedürfnissen sie exakt entsprechen.“

Das ist es auch, was an der jetzt erschienenen Schrift sofort stört: Die Verachtung für den „Kleinbürger“, die „nachdrängenden Parvenüs“, die „Reichen“, die „einfach nur reich gewordene kleine Leute seien“. Er spricht von CDU-Politikern, die „vor allem auf Landesebene“, den „Bratwurstdunst nicht ablegen können“. Sein Lieblingswort scheint „vulgär“ zu sein. Im Osten macht er Funktionäre aus, die „die Züge Walesa oder eines Kohl“ trügen: „Sie kommen aus dem kulturellen Nichts, und das sieht man ihnen auch an.“ Deshalb sei es durchaus verständlich, „wenn sich der deutsche intellektuelle Gesellschaftskritiker im Senior Room eines englischen College wohler fühlt als an einer der überlaufenen Hochschulen im eigenen Land.“

Da muss er an Hans Joachim Schellnhuber Freude gehabt haben, der den Titel „Commander of the British Empire“ (CBE) erhielt, laut Potsdam Institut „überreicht vom britische Botschafter, Sir Peter Torry, stellvertretend für die britische Königin Elizabeth II.“ Und der Commander of the Empire träumt schon mal von einem Elitezirkel „bei dem die 100 bis 200 weltbesten Wissenschaftler einige Jahre in einem Kolleg zusammenarbeiten, und wenn diese die Lage als bedrohlich ansähen, „müssten sie schnellstmöglich eine neue Weltgesellschaft erfinden“.

Bänder der Sympathie, die rechts und links verbinden

Wie Sieferle vom hochmögenden Gutachter für die Bundesregierung zum Paria werden konnte, ist zumindest in Ansätzen nachvollziehbar. Zwischen den WBGU-Bericht des Jahres 2011 und Sieferles posthumer Thesensammlung passt in vielfacher Hinsicht kein Blatt Papier, daran kann es eigentlich nicht liegen. Vielleicht aber daran, dass er sozusagen ein Kapitel zu viel geschrieben hat. Seinen apokalyptischen Furor hat er auch auf das Thema Zuwanderung und Multi-Kulturalismus angewandt. Das ist aus der Sicht eines Weltuntergangs-Propheten zwar zwangsläufig, widerspricht aber Paragraph 1 der deutschen Gesinnungsordnung. Und der heißt: Wer an diesem Punkt auf dem Gas bleibt, wechselt automatisch von der linken auf die rechte Spur und ist fortan als Geisterfahrer unterwegs.

Daran liegt wohl auch dieser ganze verdruckste Umgang mit der Sieferle-Schrift. Er offenbart unfreiwillig Bänder der Sympathie, die Deutschlands elitäre Zirkel von ganz rechts und ganz links miteinander verbinden. Die Natur als geistiger Bezugspunkt, das Unbehagen an der Moderne, die Zurückweisung des Fortschritts, das Misstrauen gegen die Technik und die Kaufleute gehören seit der Romantik zum gemeinsamen Liedgut der entsprechenden Kreise.

Dazu gehört traditionell auch Amerika als Reich des Bösen und Trivialen, so auch bei Sieferle. An die Stelle der Kulturlandschaft sei der „postanthropomorphe Raum“ getreten, und dessen Betrachtung „so aufregend wie die Betrachtung einer amerikanischen Fernsehserie und so überraschend wie der Geschmack eines EG-Apfels“. Alles, was er indes für Ronald Reagan übrig hat, ist die Formulierung „Illiterater Schauspieler“. Hier könnte man nun ganz sachlich einwenden: Amerikanische Fernsehserien sind bisweilen deutlich anspruchsvoller als deutsche. EG-Äpfel schmecken nicht unbedingt schlechter als die von der biodynamischen deutschen Scholle. Und Ronald Reagan, war immerhin derjenige Präsident der USA, der die Sowjetunion friedlich niederrüstete und die Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung schuf. Aber auch das passt Sieferle nicht.

Die deutsche Wiedervereinigung, da ist er ganz bei Oskar Lafontaine, ist irgendwie keine gute Idee gewesen. Getreu dem Motto „ich gehe jetzt pinkeln, aber aus anderen Gründen“, führt er dafür aber ökologische Gründe an: „Die Grünen etwa, die als Partei des Umweltschutzes angetreten waren, beteiligten sich dennoch an der Forderung nach einer massiven Umverteilung von West nach Ost, obwohl sie wissen müssen, dass mit dem Import westlichen Lebensstandards auch neue spezifisch westliche Umweltbelastungen auftreten würden“. Und weiter: „Hier ist offenbar die Vorstellung, ein soziales Gefälle würde festgeschrieben, unerträglicher als die Einsicht, dass mit wachsendem Konsum auch der Druck auf die Umwelt wächst“. Und dann die schlichte Behauptung: „Sie möchten noch einmal 16 Millionen Menschen auf ein materielles Niveau heben, von dem man weiß, dass es nicht verallgemeinerungsfähig ist“.

Geschichts-Verdrehung erster Klasse

Wer ist „man“? Und was „weiß" man? Dahinter steckt Geschichts-Verdrehung erster Klasse, denn ausgerechnet die westliche Ich-Gesellschaft heilte im Zeitraffertempo die ökologischen Verheerungen des sozialistischen Biotops namens DDR. Dabei hätte die nach Ansicht der Ideologen eigentlich ein ökologisches Paradies sein müssen: Keine Flüge nach Mallorca, keine Kiwis aus Neuseeland, eingeschränkter Individualverkehr, kein McDonalds, Konsumverzicht allenthalben. Doch heraus kam eine giganti­sche Sondermülldeponie. Man kann heute in der Elbe wieder schwimmen und in Bitterfeld und Leuna durchatmen.

Hier scheint ein wieder aufgewärmtes Idealbild der Kapitalismuskritik aus den 70er Jahren auf, das Harald Welzer und Claus Leggewie in ihrem Buch „Das Ende der Welt“ grob gesagt so formulieren: Schluss mit dem Wirtschaftswachstum, dem anzuhängen allemal nur „infantil“ sei. Zitat Harald Welzer: „Das zivilisatorische Niveau kann nur stabil bleiben, wenn wir unseren Material- und Energieverbrauch radikal reduzieren. Ansonsten geraten unsere Gesellschaften zunehmend unter Stress. Die Übernutzung der Ressourcen lässt sich auf Dauer nicht aufrecht erhalten.“ Und Hans Joachim Schellnhuber ist sich ebenfalls sicher: „Es ist nicht die Armut, die die Umwelt zerstört. Es ist der Reichtum.“ Also bitte alle schön arm bleiben. „Finis Germania“, „Selbstverbrennung“ und „Das Ende der Welt“ sind da in vollkommenem Einklang.

Es geht auch gar nicht um die Menschen und ihre Lebensverhältnisse, die wurden von höherer Stelle nämlich längst abgeschrieben. Sieferle: „Bislang glauben Sie noch, es seien grundsätzlich nur Nivellierungen nach oben möglich; vielleicht wird sie eine Wirklichkeit, die nur noch Nivellierungen nach unten gestattet, schließlich eines besseren belehren?“ Bei Schellnhuber klingt das so: „Das Luther-Jubiläum 2017 wäre ein guter Zeitpunkt, um zu fragen: Braucht nicht auch die evangelische Kirche einen neuen Fortschrittsbegriff, der eher die Bewahrung der Schöpfung in den Vordergrund rückt als die immerwährende Expansion der fleißigen, unermüdlich schaffenden Menschen über die Erde. Vielleicht finden sie Erfüllung in der Arbeit – aber kein Glück.“ Sieferle spricht von einem „Sog ins Nichts, sobald die Illusionen des Fortschritts geplatzt sind“.

Angesichts vermeintlicher Klarheit über den Marsch in den Weltuntergang geistert durch die einschlägigen Debatten immer wieder die historienschwere Floskel: „Später kann niemand sagen, er habe nichts gewusst“. Der gewagten Assoziation von „Umweltkrise“ und „Klimakatastrophe“ zu den Verdrängungsmechanismen in der Nazizeit kann sich auch Sieferle nicht entziehen. „Die Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts ist dann die eines totalen Scheiterns, das im 20. Jahrhundert offenbar wurde: Moralisch vom Weltkrieg bis zu Ausschwitz, technisch-ökonomisch in der Umweltkrise des ausgehenden Jahrhunderts.“ Eine besondere Pointe möge darin liegen, „daß für ‚Ausschwitz‘ (im Gegensatz zur Umweltkrise) ein ‚Täter‘ identifiziert werden kann, der nicht identisch mit der ‚Menschheit‘ selbst ist: Der Deutsche.“

Auch für den früheren amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore ist „die Evidenz einer ökologischen Kristallnacht so klar wie das Klirren der zerberstenden Scheiben im Berlin“. Für James Hansen, Klimaforscher und Schellnhubers geschätztes amerikanisches Kassandra-Pendant, stellt sich mit Blick auf kalbende Gletscher die Frage: „Können diese krachenden Eismassen als eine Kristallnacht dienen, die uns aufweckt?“ Angesichts eines mit Kohle beladenen Güterzuges fühlte er sich zu der Bemerkung veranlasst: „Wenn wir es nicht schaffen, den Bau neuer Kohlekraftwerke zu verhindern, dann sind dies Todeszüge – nicht weniger grausam als die Waggons, die ins Krematorium fuhren…“ (Dafür hat sich Hansen später entschuldigt).

Auch diese merkwürdigen Analogien sind also keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal von Rolf Peter Sieferle, sondern im erlauchten Kreis der Öko-Internationale durchaus en vogue.

Quelle: Achse des Guten

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Barbara Hendricks, Dirk Maxeiner, Jürgen Fritz.

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