Griechenland zeigt uns, was passieren kann, wenn man nicht rechtzeitig die Notbremse zieht. Heiko Maas

Eine 20-jährige Ost-West-Reise

Sie lagen sich in den Armen und feierten zur gleichen Musik: 20 Jahre später ist die Technobewegung ein wenig kühler geworden, Wirtschaftsinteressen sind heute vielen wichtiger. Gut, dass das Gefühl anderorts noch möglich ist.

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Die Euphorie kam völlig überraschend: Wir wurden erfasst von einer Stimmung, die die ganze Welt veränderte. Mein Kosmos brach auseinander – zum Glück. Seit 1987 beschäftigte ich mich bereits mit elektronischer Musik – mit Acid House – in Westberlin. Raum dafür gab es wenig, alles war verpachtet. Wir hatten mit dem Ufo in einem Keller einen kleinen Anlaufpunkt in Kreuzberg 36, viel Nebel, ein Stroboskop und Platz für 60 Leute. Als die Mauer fiel, wurde uns auf einmal überall unbenutzter Raum angeboten. Kulturschaffende konnten sich frei entfalten, Behörden schritten nicht ein und es herrschte plötzlich drei Jahre Kulturanarchie. Die Leute, die nach Berlin kamen, um diese Transformation zu erleben, bekamen ein sehr spannendes Unterhaltungsprogramm geboten. Der alte Tresor war eine wichtige Zelle, ein Schutzraum. Dieser Raum war einzigartig.

Als wir die alte Stahlkammer aufgeräumt hatten, habe ich befreundete DJs aus Detroit eingeladen, die kamen und staunten nicht schlecht. Inmitten dieser starken Euphorie feierten junge Leute und entdeckten Techno als den Soundtrack für die neu gewonnene Freiheit. Das geschah sehr anschaulich an diesem symbolischen Ort: Mitten im ehemaligen Niemandsland am Potsdamer Platz lag der Tresor. In dieser alten verschlafenen Stahlkammer einer jüdischen Bank erwachte plötzlich eine neue Seele. Menschen aus Ost und West tanzten gemeinsam in eine neue musikalische Zukunft. Sie trafen und berührten sich in einer vernebelten Ruine, die nur durch Stroboskopblitze erhellt wurde. Die wuchtige Musik aus Detroit verband Ort und Stimmung. Damals war unklar, wie lange der Ort bestehen würde, wir bekamen für den Tresor immer nur Zeitverträge für zwei Monate, er lebte aber von 1991 bis 2005. Dann rollten die Bagger. Das Grundstück war verkauft worden. Irgendwelche seelenlose Bürobauten folgten, die bis heute leer stehen.

Ein neuer Abschnitt

Nach erfolgreicher Raumsuche haben wir 2007 den Tresor in der Köpenicker Straße wieder eröffnet. Ich hab es nicht so schnell erkannt, muss jetzt aber eingestehen, der neue Tresor ist ein neues Kapitel. Wir konnten nicht nahtlos anknüpfen, versuchen aber den Spirit in das neue Gebäude zu übertragen. Es gibt hier mehr Möglichkeiten, aber auch größere Auflagen, wir könnten ein einzigartiger Ausstellungsort werden für große Produktionen. Der Raum ist so beeindruckend, dass alle Künstler, denen ich das Kraftwerk vorstellte, an diesem Ort arbeiten wollen. Aber auch das Thema Techno ist ruppiger geworden, hat seinen Wirkungsradius vergrößert. Meiner Wahrnehmung nach ist die damalige Aufbruchsstimmung unter den Besuchern und Betreibern, die etwas aus der Hippiebewegung in sich trug, verschwunden. Heute ist die Stimmung oft kühl und kalkuliert: Geld dominiert über Musik.

Es gibt im Bereich der Technik große Neuerungen, so ist Vinyl mittlerweile eine Nische geworden. Noch wichtiger als früher ist heute in einem Club der Publikumsmix: Berliner, Touristen, Brandenburger – das muss gut ausgewogen sein, stimmt der Mix nicht, schmeckt der Drink schal. Techno mutiert zur Popform, wichtig bleibt die besondere Form der Party. Techno bietet nun mal mehr Feiermöglichkeiten als jede andere Musik. Ab 2010 wollen wir uns stark um die Nachwuchsförderung kümmern.

Raus aus der Metropole

Nun gibt es auch die Möglichkeit, außerhalb Berlins etwas zu bewirken. Die Spannung, die damals im Tresor gelöst wurde, das hat mich immer begeistert, und nach 18 Jahren habe ich mich wieder auf dieses Thema eingelassen.

Durch eine Einladung vom Goethe-Institut nahm ich in China an verschiedenen Panels teil. Als ich in Beijing mit einigen Leuten ins Gespräch kam, stellte ich fest, dass der Tresor viele Fans im Reich der Mitte hat. Jeden Monat veranstaltet dort das Goethe-Institut eine Konzert-Reihe unter dem Namen “Deutsche elektronische Musik”. Es reift die zuerst noch grobe Idee, einen Tresor Beijing aufzubauen. Die Ortsbeschau erfolgte in einem ehemaligen Fabrikgelände, Bauhausstil made in DDR, das nicht mehr genutzt wurde. Das Areal und die dortigen Aktivitäten erinnern stark an Berlin, viele kleine Klitschen und Kreative, die es mit Leben füllten. Ich hatte sofort ein gutes Gefühl.

Nun will ich mit meinem Team zeigen, wie wir eine Transformation in Berlin gemacht haben, eine Industrieruine in einen Kulturraum umzuwandeln. Allerdings wollen wir nicht isoliert arbeiten, sondern gemeinsam mit den chinesischen Interessierten dort etwas schaffen: Wir wollen den Raum nach kurzem Umbau mit einer gewissen physischen Qualität übergeben, als einen Raum schaffen, in dem man sich gut fühlt. Das können wir. 20 Jahre nach der Wende sind wir wieder in dieser Aufbruchstimmung gelandet. Natürlich wird sich die dort erlebte Ästhetik auch im Berliner Raum widerspiegeln. Derzeit sind wir dabei, mit Interessierten aus Neu-Delhi und Vietnam ein weiteres Netzwerk aufzubauen: Wenn man Musik nicht nur rein wirtschaftlich betrachtet, ist noch so vieles möglich wie damals.

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