Was sind die Standards der feinen englischen Art? In England ist der Adel mit Teilen des Bürgertums verschmolzen. Das hat die sogenannte “Gentleman Kultur” hervorgebracht. Deshalb sind die Verhaltensstandards aristokratisch. Dazu gehört: absolute Selbstbeherrschung. Das produziert jenen oft beschriebenen Eindruck der Kühle und der Unbeeindruckbarkeit, eine Haltung, die man als “steife Oberlippe” bezeichnet.
Nur Frauen, Künstler und Schwule dürfen Gefühle zeigen
Als besonders deplatziert (unangebracht) gelten übertriebene Gefühlsausbrüche und jegliche emotionale Überflutung der Situation. Einzige Ausnahme: Frauen, Künstler und Schwule dürfen Gefühle zeigen, wenn sie durch ihre theatralische Inszenierung signalisieren, dass sie entweder falsch sind oder dass sie sie im Griff haben (Unterklassenangehörige dürfen sowieso Gefühle zeigen, aber deswegen gehören sie auch zur Unterklasse. Weil sich Lady Diana darüber hinwegsetzte, wurde sie bei den Unterklassen so populär).
In Großbritannien verhält man sich also entweder cool oder man schauspielert. Auf jeden Fall lässt man sich nicht gehen. Dabei gilt eine eiserne Regel: Das ist die Regel des Understatements: Man hängt alles niedriger, man dramatisiert nicht, sondern entdramatisiert, man spielt herunter.
Angeberei gilt als besonders teutonisch
Das ist absolute Vorschrift bei allem, was einen selbst betrifft: also eigene Leistungen, eigene Leiden, eigene Talente, eigene Gefühle, eigene Großartigkeiten. Man macht sie klein; man gibt zu verstehen, dass sie gar nicht erwähnenswert sind; man deutet an, dass der Nobelpreis einem aufgrund eines Irrtums verliehen wurde; dass man den Sieg im Marathonlauf einer Fehleinschätzung der Streckenlänge verdanke und dass die Nachricht von der Erhebung in den erblichen Adelsstand wahrscheinlich auf einer Namensverwechslung beruhe. Alles andere würde als pompös empfunden. Absolut verboten sind anmaßendes Auftreten, großspurige Darstellung der eigenen Prächtigkeit und gespreiztes Verhalten im Allgemeinen. Man sagt es nicht gerne, aber sie gelten als besonders teutonisch. Dieses Vorurteil entstammt dem langen Gedächtnis der Briten: Es hält vor allem die Erinnerung an das wilhelminische Säbelrasseln fest, das das Image der Deutschen in Großbritannien so nachhaltig eingefärbt hat, dass es bis heute prägend geblieben ist.
Humor: die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne durchzudrehen
Eine weitere Vorschrift besagt, dass zum zivilisierten Menschen der Humor gehört. Das hat nichts mit der deutschen Vorstellung vom staatlich genehmigten Massenfrohsinn zu tun, bei dem man sich gegenseitig in die Rippen stößt und die Witze wie beim Mainzer Karneval durch einen Tusch den Genehmigungsstempel erhalten. Humor ist vielmehr die Fähigkeit, indirekt zu reden und sich dabei selbst zu relativieren, indem man sich in ein komisches Licht taucht. Er ist ein Gegenmittel gegen die eigene Wichtigkeit, und er ist eine Art Zentrifuge der Lächerlichkeit, durch deren Umdrehungen das Wichtige vom Albernen geschieden wird. Er ist das Immunsystem der Urteilskraft und ein Ortungsinstrument für unlösbare Widersprüche und Paradoxien. Als solches gehört er zur Demokratie, weil diese selbst auf einer Paradoxie beruht: “We agree to disagree” (wir haben uns geeinigt, uns zu streiten). Die Einigkeit des Gemeinwesens wird auf den dauernden Streit gegründet. Fanatiker und Ideologen geraten vor Paradoxien in Panik; deshalb wurde der Humor zur Fähigkeit, unlösbare Widersprüche auszuhalten, ohne durchzudrehen. Kurzum, der Humor markiert als Wellenbrecher für Ideologien die demokratische Einstellung par excellence (vor allen anderen). Humor ist also alles andere als eine britische Marotte oder Ausdruck einer liebenswerten britischen Exzentrizität, die in den Bereich der Folklore gehört. Er ist die Form der Demokratie selbst, wenn sie eine Person wäre. Weil Großbritannien die Demokratie erfunden hat, hat es auch den Humor erfunden, und so läuft über ihn der Weg zum Herzen der Briten. Hat man Humor, wird fast alles andere zweitrangig.
Milde Hochnäsigkeit, gepaart mit Desinteresse an allem, was nicht britisch ist
Diese Selbstrelativierung signalisiert auch die Fähigkeit zur Selbstkritik. Beide dürfen aber nicht als Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins ausgelegt werden: Im Gegenteil, sie belegen geradezu ein Maß an Unerschütterlichkeit und grundsätzlicher Selbstübereinstimmung, das unsichere Menschen leicht demoralisieren kann. Diese Selbstsicherheit wird gestützt durch eine nahezu ungebrochene nationale Identität. Wie in den USA ist sie das Ergebnis einer langen Erfolgsgeschichte des Landes. Sie hat zu einer kollektiven Identifikation mit Werten geführt, die man für typisch britisch hält und die man glaubt, in vielen Kriegen verteidigt zu haben: Freiheit, Demokratie, Fair Play und die Zivilisation überhaupt.
Diese Überzeugung bedingt eine milde Hochnäsigkeit, gepaart mit dem Desinteresse an allem, was nicht britisch ist. Mit zwei Ausnahmen: Frankreich, weil es der einzig ernsthafte Rivale im Wettbewerb der Zivilisationen war, und die USA, die ein bisschen so gesehen werden wie von Hamburger Patriziern die Oberbayern: nämlich als herzerfrischende Komiker mit einem irren Akzent.
Dietrich Schwanitz (1940-2004) war Professor für Englische Literatur an der Universität Hamburg. Sein Buch “Bildung: Alles, was man wissen muss” ist 1999 im Goldman Verlag erschienen.



















