Linke sind keine besseren Menschen. Petra Pau

„Die Tarnkappe ist eine erotische Erfindung“

Seit zwölf Jahren leitet Kult-Regisseur Dieter Wedel die Wormser Nibelungenfestspiele. Mit Clemens Lukitsch spricht er über Gunthers Mut, Siegfrieds Geilheit und Til Schweigers Sprachfehler.

The European: Herr Wedel, die Nibelungensaga ist einer der Eckpunkte deutscher Kulturgeschichte. Worin liegt ihre Bedeutung?
Wedel: Das Werk ist ein Bestandteil unserer Identität und eines der ältesten Erzeugnisse deutscher Literatur. Das mittelhochdeutsche Lied ist von großer dichterischer Kraft: Der unbekannte Dichter hat damals Konstellationen erfunden, die sich immer wieder und zu allen Zeiten wiederholen.

The European: Welche Teile der Saga meinen Sie?
Wedel: Denken Sie an die Unverwundbarkeit Siegfrieds, des Drachentöters. Es gibt nur eine kleine Stelle, an der er verletzbar ist. Dieses Motiv lässt sich auch auf unsere heutige Gesellschaft übertragen. Nehmen Sie die Wirtschaftsführer und Politiker, die scheinbar unverwundbar wirken. So lange, bis die Öffentlichkeit und die Medien, – manchmal gefüttert von Kollegen und sogar engen Mitstreitern –, die eine kleine Stelle, den Schwachpunkt, finden und sich dann darauf stürzen.

The European: Also ein hoch politischer Stoff?
Wedel: Auch, aber nicht nur. Ich habe mich immer gefragt, was es mit diesem sagenhaften Nibelungenschatz auf sich hat, den Siegfried Kriemhild als Hochzeitsgeschenk überlässt. Warum versenkt Hagen den Schatz im Rhein, nachdem er ihn von Kriemhild gestohlen hat? Es drängt sich die Frage auf, warum Siegfried den Schatz nicht den Burgundern gab – einem kleinen verschuldeten Königreich.

The European: Ihre Meinung dazu?
Wedel: Ich habe das so interpretiert, dass Hagen mit dem Verstecken dieser riesigen Geldsumme eine Art Lebensversicherung abschloss. So lange er den Schatz versteckt hält, ist seine Stellung am Hof zu Worms gesichert, und niemand wird ihn fallen lassen. Damit bekommt auch die berüchtigte Nibelungentreue eine ganz neue Bedeutung: Die Entscheidung, mit Hagen an den Hof Etzels zu ziehen und dort in den Tod zu gehen, hatte womöglich ziemlich handfeste ökonomische Gründe – was ich übrigens bei vielen Mythen vermute.

The European: Aber gerade die vielbesungene Nibelungentreue ist doch ein tragendes Motiv der Nibelungen-Trilogie von Friedrich Hebbel im 19. Jahrhundert. Tun wir den tapferen Recken vom Rhein nicht Unrecht, wenn wir ihnen unterstellen, letzten Endes nur aus materiellen Gründen in den Heldentod gegangen zu sein?
Wedel: Das empfinde ich als eher einen befremdlichen Ruhm. Als ich seinerzeit das Angebot bekam, die Nibelungenfestspiele zu inszenieren, habe ich einen Rückzieher gemacht. Der Stoff war in meinen Augen durch die Nazis kontaminiert. Ich kannte die Dramen von Hebbel nicht so genau, wohl aber die Sätze von Göring, der die deutschen Soldaten vor Stalingrad aufgefordert hat, aus Treue zum Führer in den Tod zu gehen – so wie einst die Nibelungen in den Treuetod gingen. Ich ließ mir daraufhin von Wormser Historikern erklären, dieser Begriff der Treue sei dem Mittelalter entlehnt und heute gar nicht mehr nachvollziehbar. Wenn das zutrifft, dann taugt der Stoff nur noch als Vorlage für Hochschulkurse und Altertumsforscher, nicht aber für lebendiges Theater.

The European: Wie haben Sie trotzdem Zugang zu der Geschichte finden können?
Wedel: Sehen Sie, man muss ja nicht immer alles glauben, was den Figuren in den Mund gelegt wird. Es gibt ja auch so etwas wie Soldatengarn. Also ist diese ganze Geschichte mit der Nibelungentreue vielleicht nur ein Vorwand einiger Figuren, die ihre handfesten wirtschaftlichen Interessen nicht eingestehen wollen. In den zwölf Jahren, in denen ich die Nibelungenfestspiele leite, ist es uns, glaube ich, gelungen, den Stoff vom Makel der Kontaminierung zu befreien. Zudem galten bei vielen Theatern die Nibelungen mit ihren zahllosen Toten als Kassengift. Auch das haben wir widerlegt.

The European: Im letzten Quentin-Tarantino-Film „Django Unchained“ mimt Christoph Waltz einen Kopfgeldjäger, der die Nibelungen nacherzählt.
Wedel: Ja, die Szene kenne ich! Da standen alle Wormser wahrscheinlich senkrecht im Kino und haben sich gefreut.

The European: Kürzlich wurde bekannt, dass Waltz den Rosenkavalier in Antwerpen inszenieren soll. Wäre er auch als Regisseur für die Nibelungenfestspiele geeignet, vielleicht sogar noch während Ihrer Intendanz?
Wedel: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Allerdings nicht mehr während meiner Intendanz. Nächstes Jahr werde ich bei den Festspielen ein letztes Mal inszenieren, nach zwölf Jahren reicht es.

„Ich persönlich würde Siegfried auch nicht gerne begegnen“

The European: Lassen Sie uns über Siegfried sprechen. Taugt er in Ihren Augen als Verkörperung eines klassischen Helden?
Wedel: Na ja, er wird als sehr naiver Mensch gezeigt. Er kann sich nicht richtig artikulieren, besitzt aber unheimliche Kräfte. Möglicherweise hat er überhaupt nur mit dem Drachen gekämpft, weil er sich gar nicht richtig vorstellen konnte, in welcher Gefahr er sich befand. Das haben Helden ja oft so an sich. Letzten Endes liefert das Nibelungenlied keinen Beweis dafür, ob Siegfried die Wahrheit über seine Heldentaten berichtet. Es wird nie richtig erklärt, was er mit den beiden Königen, also den Besitzern des Nibelungenschatzes, tatsächlich gemacht hat und wie er sie letztendlich beide getötet hat, als er die Streitigkeiten zwischen ihnen schlichten wollte. Er sticht plötzlich in einen Berg, der sich als Drache herausstellt, und begegnet im Anschluss auch noch dem Fabelwesen Alberich, dem er die Tarnkappe vom Kopf reißt.

The European: Wenn Sie das so erzählen, klingt es ziemlich verrückt.
Wedel: Es ist ein verrücktes, wahnsinniges, großes Märchen. Wer sind denn die Helden unserer deutschen Gegenwart? Til Schweiger? Dieter Bohlen?

The European: Ist es wirklich so schlimm um uns bestellt?
Wedel: Das finde ich überhaupt nicht. Beide sind doch durchaus spannend und haben übrigens eins gemeinsam: einen leichten Sprachfehler!

The European: Siegfried mag naiv erscheinen, aber er erklärt den Burgundern sofort den Krieg. Er, der fast Unverwundbare, ausgerüstet mit Tarnkappe und Zauberschwert, gegen König Gunther, einen gewöhnlichen Mann. Nicht gerade ein Beispiel für Fair-Play.
Wedel: Das stimmt, die Chancen sind ungleich verteilt, und es ist nicht gerade die feine englische Art, im Land herumzureisen und alle herauszufordern. Ich persönlich würde Siegfried auch nicht gerne begegnen. Zu seiner Verteidigung muss man aber sagen, dass es ihm nur um das Kämpfen an sich geht. Es ist nicht der Kampf ums Gute, den Siegfried will, sondern der gute Kampf.

The European: Eigentlich ist doch Hagen die psychologisch viel interessantere, vielleicht sogar spannendste Figur der ganzen Erzählung. Warum steht er nicht im Mittelpunkt?
Wedel: Da bin ich nicht Ihrer Meinung. Ich finde, die spannendste Figur ist König Gunther. Worms ist ja nicht der Mittelpunkt der Welt – weder in der Erzählung noch in Wirklichkeit. Stellen Sie sich vor, hier in Worms träumt einer davon, Angelina Jolie abzuschleppen. Alle lachen natürlich und versuchen, ihm das auszureden. Dann fährt der aber wirklich nach Los Angeles, schafft es, sie zu erobern, und bringt sie mit nach Worms. Man könnte vermuten, dass das nicht gut gehen wird.

The European: Aber …
Wedel: Dass er seine Träume träumt und er Mut hat, zeichnet ihn für mich aus. Und dann passiert etwas, dass Männer in der Regel schrecklich komisch finden, wenn es anderen Männern passiert: Die Manneskraft lässt ihn im Stich.

The European: Gunther konnte Brunhild nur mit fremder Hilfe erobern. In der Hochzeitsnacht ist er auf sich alleine gestellt und hat die Rechnung ohne Brunhilds Kraft gemacht. Gunther ist doch lediglich der Verlierer, mit dem man Mitleid haben kann.
Wedel: Das ist ja das Tragische. Das Trauerspiel zeigt eine vollkommen verwandelte Brunhild, nachdem sie mit Siegfried geschlafen hat und dabei gedacht hat, es sei Gunther. Sie ist plötzlich unheimlich liebevoll zu ihm, sie schwärmt geradezu. Wie schrecklich muss das für Gunther sein, zu hören, wie er letzte Nacht so wunderbar war, und gleichzeitig zu wissen, dass es ein anderer Mann war. Gunther wird immer wieder gedemütigt und versucht trotzdem, Haltung zu bewahren. Das macht ihn für mich zum wirklichen Helden.

The European: Noch ein Minuspunkt auf Siegfrieds Heldenkonto: Er hilft Gunther dabei, Brunhild zu vergewaltigen.
Wedel: Hier kommt die Tarnkappe ins Spiel – eine unglaublich erotische Erfindung. Diese Idee des Dichters des Nibelungenliedes haben viele andere Dichter später wieder aufgegriffen. Ein uralter erotischer Traum: Man ist unsichtbar und kann zu jedem gehen, ohne gesehen zu werden. Siegfried schleicht sich zu Brunhild, weil ihn die Möglichkeit reizt, nach Kriemhild in seiner Hochzeitsnacht auch noch mit Brunhild zu schlafen. Manche mögen das für eine besondere Heldentat halten. Ich finde das erbärmlich.

The European: Gunther hätte doch einsehen sollen, dass Brunhild eine Nummer zu groß für ihn ist.
Wedel: Wissen Sie, wenn Sie einer Frau begegnen, ob sie eine Nummer zu groß für Sie ist? Vielleicht wächst man ja aneinander.

„Tief im Herzen bin ich mehr Film- als Theaterregisseur“

The European: Sie haben wieder prominente Schauspieler nach Worms geholt: Cosma Shiva Hagen als Kriemhild und Bernd Michael Lade in der Rolle des König Gunther. Gehört dieser Mix aus Film- und Theaterschauspielern zu Ihrem Erfolgsgeheimnis?
Wedel: Diese reizvolle Kombination aus Film- und Theatergrößen ist ja zu unserem Markenzeichen in Worms geworden. Es hat sich erwiesen, dass große Bühnenschauspieler wie beispielsweise Roland Renner, Wolfgang Pregler oder Manfred Zapatka ganz wunderbar mit großen Film- und Fernsehschauspielern zusammenpassen.

The European: Wie führen Sie die Schauspieler an diesen tragischen Stoff heran? Es soll Ihrer Aussage nach ja ein „düster-komisches Fantasyspektakel“ werden.
Wedel: Wir werden das Stück nicht veralbern. Dieser Trend des Regietheaters, klassische Stoffe auf das Niveau eines Studentenstammtischs zu reduzieren, ist meiner Meinung nach vorbei. Wir wollen nicht über die Figuren lachen, sondern mit ihnen. Und manchmal haben auch die großen Helden ihre Komik.

The European: Wie zeigt sich die Dramatik auf der Bühne?
Wedel: Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie weit ein Schauspieler bereit ist, sich selbst zu entblößen, in sich hineinzugehen und etwas über sich zu erfahren. Beim Film hat man die Möglichkeit, wenn man an so einem Punkt angelangt ist, zu sagen: „Fertigmachen zum Drehen“. Beim Theater hingegen muss man es, auch wenn das nie ganz möglich ist, wiederholbar machen. Das hat mich am Theater auch immer etwas gelangweilt. Tief im Herzen bin ich doch mehr Film- als Theaterregisseur.

The European: Muss eine Inszenierung historisch akkurat sein?
Wedel: Wir bleiben in der Historie. Da trägt keiner Anzüge oder schwenkt mit Pistolen. Dieses Jahr spielen sogar echte Pferde mit, auf denen die Recken in die Arena reiten. Von einem Physiker habe ich gelesen: Wer sich nur weit genug in die Zukunft traut, kommt womöglich in der Vergangenheit wieder an. Dieser Satz ist unser Leitmotiv.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Armin Maiwald: „Wir sind kein Schulersatz“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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