Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Daniel Küblböck

„Es war schon immer die Berlinale der Berliner“

Seit 2001 leitet Dieter Kosslick die Berlinale. Mit Alexandra Schade sprach er über Berliner Höhenflüge, das Alleinstellungsmerkmal seines Festivals und technische Innovationen in der Filmwelt.

The European: Was wünschen Sie Berlin zum 775. Geburtstag?
Kosslick: Bleib wie du bist und dass es noch viele Jahre genauso weiter geht wie jetzt.

The European: Was kann die Stadt Ihrer Meinung nach besonders gut?
Kosslick: Sie kann Menschen faszinieren, die daran interessiert sind, nicht in einer uniformen Welt zu leben. Diese Qualitäten hat sie schon immer gehabt. Berlin ist eine wirklich aufregende Stadt, wo man jeden Tag sehr viel Neues entdecken kann, wenn man will. Berlin lebt.

The European: Und was kann sie nicht so gut?
Kosslick: Vielleicht ist es Berlin-immanent, dass man schnell einen Höhenflug bekommt, wenn es gut läuft. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man auch die negativen Folgen eines Erfolges sieht. Wenn die halbe Stadt voll ist mit Ferienwohnungen, dann wird das perspektivisch nicht gut enden.

Ich finde, man sollte die Stadt so lassen, wie sie ist; sie entwickelt sich schon von alleine. Sie hat viele große Krisen überlebt. Die letzte kam mit dem Wegzug eines Großteils der Industrie. Dass die Stadt das überlebt und daraus einen Boom gemacht hat, indem sie auf Kultur setzte, ist ihre große Stärke. Das sollte man bitte pflegen und keine Hochhäuser in den Himmel bauen.

„Wir sind das größte Publikumsfestival der Welt“

The European: Haben Sie einen Berlin-Lieblingsfilm?
Kosslick: Natürlich: „Menschen am Sonntag“ aus dem Jahr 1930 von den Regisseuren Curt und Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer und Fred Zinnemann. Am Drehbuch hatte auch Billy Wilder mitgearbeitet.

The European: Ist die Berlinale ein Festival für die Berliner oder mehr für die Gäste, die extra deswegen hierherkommen?
Kosslick: Wir sind das Festival für beide. Man braucht ja leider heute auch in der Kultur den sogenannten „Unique Selling Point“ und unserer ist der, dass wir inzwischen das größte Publikumsfestival der Welt sind. Gleichzeitig sind wir natürlich auch ein Fachfestival für unsere Gäste. Wir haben über 20.000 Fachbesucher. Die Herausforderung der Berlinale besteht darin, etwas für die Filmwirtschaft, für die Kritik in Form der 4.000 Journalisten und für die 300.000 Menschen, die ins Kino gehen, zu tun.

The European: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Filme für die Berlinale aus?
Kosslick: Wir bekommen jedes Jahr über 6.000 Filme eingereicht, von denen etwa 20 in den Wettbewerb kommen. Insgesamt zeigen wir in den verschiedenen Sektionen rund 400 Filme. Es gibt viele Kriterien, weshalb Filme gezeigt werden. Das schönste ist, dass der Film gut ist. Einen Grund gibt es allerdings überhaupt nicht: dass man bestochen wird.

The European: Terminliche Gründe sprechen sicher auch für oder gegen einen Film.
Kosslick: Durch die Vorverlegung der Oscars ist es schwieriger für die Berlinale geworden. Der Markt ist kleiner geworden. Als ich mit der Berlinale anfing, konnten wir aus vielen Großproduktionen auswählen, die uns für internationale oder gar Weltpremieren zur Verfügung gestanden haben. Der Premierenstatus ist nach wie vor ein wichtiges Kriterium bei einem internationalen Wettbewerb. Das geringere Problem ist die Auswahl von Filmen, die sowohl den Profis als auch dem Publikum gefallen. Neben den Bären gibt es bei der Berlinale noch 42 unabhängige Preise. Wenn die verliehen werden, ist es immer sehr interessant, die Publikumspreise mit den Profipreisen zu vergleichen. Sehr oft werden nämlich dieselben Filme ausgezeichnet. Man sollte radikal auswählen, dann gefallen die Filme oder sie gefallen eben nicht.

„Ohne Stars gäbe es keine Filme“

The European: Gibt es denn die Überlegung, die Berlinale zeitlich zu verschieben?
Kosslick: Nein. Mir wäre schönes Wetter auch lieber. Viele der Menschen, die in den vergangenen Jahren zur Berlinale angereist sind, kennen Berlin im Sommer nicht. Die wissen gar nicht, wie grün und schön das hier ist. Die Berlinale wurde 1978 aus filmwirtschaftlichen Gründen vom Juni in den Februar verlegt. Das hat sich bewährt. Der Kalender der Filmfestivals ist in der Zwischenzeit unverrückbar geworden, weil es zunehmend neue Filmfestivals gibt – in Abu Dhabi, Dubai, Katar, Rom. Jeder sucht seinen Slot. Wir bleiben, wo wir sind. Es muss weiter gefroren werden und im Kino kann man sich prima aufwärmen.

The European: Was unterscheidet die Berlinale von den anderen Festivals?
Kosslick: Das Unterscheidungsmerkmal ist eindeutig das Publikum. Vielleicht noch in Toronto, aber sonst wohl nirgendwo ist ein Festival in einer Großstadt so verankert wie die Berlinale. Das war übrigens von Anfang an so. Es war auch immer die Berlinale der Berliner. Dass das so lange gehalten hat, ist wirklich erstaunlich. An der Berlinale vergeht dem Publikum offensichtlich nicht die Lust.

The European: Heißt das, die Stars und Sternchen, die hier über den roten Teppich laufen, sind eine Zugabe und das Festival würde auch ohne sie funktionieren?
Kosslick: Nein. Kein Filmfestival dieser Art würde ohne Stars funktionieren. Ohne sie gäbe es keine Filme – das vergessen die Leute oft. Ein guter Film braucht eine gute Geschichte, aber vor allen Dingen auch eine gute Performance der Schauspieler. Das gehört einfach dazu. Sonst könnten Sie ja bei einem Konzert der Rolling Stones auch die Musik einfach aus Lautsprechern dröhnen lassen.

The European: Trotzdem: Auf der einen Seite haben wir die Hollywood-Stars, denen es egal ist, ob sie auf einer Filmpremiere in Berlin oder in Tokio sind. Auf der anderen Seite gibt es Menschen und Filme aus Ländern, mit denen man sonst nicht in Kontakt kommt.
Kosslick: Wir haben beides. Das ist die Berlinale. Wir haben diejenigen, die im Cinemaxx auf den Stufen sitzen und Bier aus der Flasche trinken und wir haben die langen Designer-Roben und das Champagnerglas. Und beide Gruppen mögen das Festival so wie es ist, denn es gibt so viele verschiedene Berlinalen – die filmhistorische Retrospektive, Panorama und Forum, die Kinder- und Jugendsektion Generation, den Talent-Campus, das Kulinarische Kino, den Teddy, etc. Der rote Teppich, das sind zwar nur zehn bis 15 Prozent, er wird aber von außen am meisten wahrgenommen.

„Gute Filme funktionieren auch später noch“

The European: Was ist für Sie ein guter Film?
Kosslick: Wenn man plötzlich aufwacht, ohne dass man eingeschlafen war und die Zeit um ist. Die Geschichte, die Schauspieler, die Kunst, wie der Film gemacht ist – das muss einen faszinieren. Das gilt für Spiel- wie für Dokumentarfilme. Gute Filme funktionieren auch später noch. „Effi Briest“ von Fassbinder, die Art, wie der Film fotografiert ist, ist immer noch faszinierend. „Ben Hur“, einer meiner Lieblingsfilme, könnten wir auch sofort wieder hier aufführen und alle würden sagen: „Dieses Wagenrennen – unfassbar!“

The European: Wie bewerten Sie die Entwicklung der vergangenen Jahre in Hollywood? Da hat sich eine Vorliebe für 3-D-Filme entwickelt.
Kosslick: Film ist ja erst knapp 120 Jahre alt und hatte schon immer eine technische Faszination: Schwarz-Weiß-Film, Farbfilm, Tonfilm, alles zusammen und nun 3-D. Wenn es morgen 4-D gibt, ist 3-D weg, da bin ich sicher. 3-D ist einfach für viele Leute toll anzuschauen. Das ist eine technische Innovation. Und in Hollywood werden die Filme heute auch schon zu fast 100 Prozent digital hergestellt, das bedeutet ungeheure technische Möglichkeiten.

The European: Auch Mehrteiler sind schwer im Kommen.
Kosslick: Das ist eine Riesengeschichte. Einerseits geht es um die Zukunft des Kinos und andererseits um die Frage, was das eigentlich für ein Phänomen ist. Die Zukunft des Kinos lasse ich jetzt einmal weg. Es geht auch immer um Kommerzialität. Die Geschichte wird für alle Medien zerlegt und vielfach vermarktet. Der Markt für Spiele wird immer größer.

Da überlegt sich jemand: Ich nehme eine super Frau im eleganten Space-Future-Outfit mit ein bisschen SM und kombiniere das mit einem emanzipierten Mann, der seine New Yorker Anwaltskanzlei aufgibt, weil er gerne kocht. Das könnte anschließend auch als Kochbuch funktionieren oder als Serie. Am Ende steht dann ein Spiel, in dem sich Menschen selber ihre Welten zusammenbauen. Das bedeutet, dass bereits 20 verschiedene Medien im Kopf eine Rolle spielen, wenn Figuren und Geschichten konzipiert werden.

The European: Werden wir in 100 Jahren auch noch ins Kino gehen?
Kosslick: Ja, wahrscheinlich wird es so sein, dass man dann ins Kino geht wie heute in ein Konzert der Rolling Stones, dass man irgendwo hingeht, um etwas zu erleben, an dem reale Menschen beteiligt sind. Alles andere kann jeder Einzelne für sich selbst zu Hause machen. Der einzige Unterschied ist, dass die Leute weiterhin das Bedürfnis haben, etwas gemeinsam zu erleben. Deswegen wird es Kino geben, wie auch immer es aussieht.

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