Denn viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt. Alexander Görlach

Die vergessenen Toten von Juárez

In der Weltmordhauptstadt Juárez in Mexiko ist es für junge Frauen besonders schlimm: Bereits 600 wurden dieses Jahr umgebracht – vergewaltigt, erwürgt, erstochen, erschossen. Die Leichen waren von Bisswunden, abgetrennten Brüsten und Foltermalen verstümmelt. Aufgeklärt werden die Morde fast nie. Denn Fehlermittlungen sind an der Tagesordnung – und Leichenschauhäuser und Friedhöfe überfüllt.

Seit über zwei Jahren hagelt es Kugeln über Mexiko. Kriminelle Banden umkämpfen Grenzübergänge und lukrative Schmuggelkorridore und füllen die Straßen vieler Städte mit Blut. Der Krieg gegen die Drogen hat bereits mehr als 10.000 Opfer gefordert. Darunter, wie in jedem Krieg, Frauen und Kinder. Mexikos Präsident, Felipe Calderón, versprach bereits, so lange weiterzukämpfen, bis die Drogenkartelle zerschlagen sind.

In alledem droht jedoch ein erheblicher Teil der begangenen Verbrechen in Vergessenheit zu geraten, der Feminizid: Mexikos berüchtigte Frauenmorde, die immer dem gleichen brutalen Muster folgen. Das systematische Töten von Mädchen und Frauen begann vor fast 16 Jahren in der Grenzstadt Juárez. Sie ist von der sichersten Stadt der USA, El Paso, nur durch den Rio Grande getrennt und erlangte 2009 zweifelhaften Ruhm als Weltmordhauptstadt.

Zwischen den Jahren 1993 und 2008 verzeichnete Juárez einen Rekord an ermordeten Frauen und Mädchen, deren Fälle sich durch ihre Brutalität von anderen Verbrechen unterschieden. Einige wurden erstochen, erwürgt oder erschossen, oft auch alles zugleich. Eine weitere erschreckende Gemeinsamkeit, fast alle der Mädchen wurden vor ihrem Tod vergewaltigt. Dazu wiesen alle Leichen Verstümmelungen auf. Darunter Bisswunden, abgetrennte Brüste und andere Foltermale.

Anfangs schockierten die brutalen Morde an meist zwischen 13 und 28 Jahren alten Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen noch. Später wurden sie zur traurigen Gewohnheit. Traurig ist auch die Bilanz der mexikanischen Behörden. Sie waren weder in der Lage, die Morde zu stoppen, noch herauszufinden, wer diese begangen hatte und warum.

Leiche wie Abfall behandelt

Im Jahr 1995 wurden neun Leichen in Lote Bravo, einem verlassenen Landstück südlich des internationalen Flughafens gefunden. Ein Jahr später tauchten acht Frauenkörper in einem Wüstenstreifen namens Lomas de Poleo auf. In einem Baumwollfeld inmitten der Stadt fand man weitere acht Leichen gegenüber dem Verband der Maquiladoras. Eine Organisation, die die Interessen der US-mexikanischen Fabriken vertritt. Viele der Opfer waren bei Fabriken großer, transnationaler Unternehmen angestellt, wie sie in Juárez typisch sind.

Eines der Opfer, Lilia Alejandra Garcia Andrade, verschwand 2001 im Alter von 17 Jahren beim Verlassen einer Fabrik. Ihre Leiche lag einige Tage später wie Abfall auf dem Gelände gegenüber der Fabrik. Die Autopsie ergab, dass sie von mindestens zwei Männern missbraucht wurde. Bis heute wurde der Fall nicht gelöst. Bemühungen von Freunden und Familie, die Mörder vor Gericht zu bringen, sind gefährlich und meist aussichtslos. Auch Ivette Gonzalez, 20 Jahre, wurde das letzte Mal in einer der Fabriken gesehen. Sie gehörte zu den acht toten Mädchen im Baumwollfeld.

Hier verwechselten die Behörden drei der Toten und verdächtigten so die falschen Männer. Fehlermittlungen sind in Juárez an der Tagesordnung. Später wurden drei neue Verdächtige verurteilt. Gegen die Meinung des Kriminologen, Oscar Maynez, der glaubt, dass auch diese Männer unschuldig sind. “Es gibt keine Beweise, die diese Männer mit den Baumwollfeld-Morden in Verbindung bringen, genauso wenig wie für die vorherigen Verdächtigten”, behauptet er.

Innerhalb von 15 Jahren wurden in Juárez mehr als 600 Mädchen und Frauen brutal getötet. Manche dieser Toten wurden nie identifiziert, weitere 60 bis 300 Vermisste nie gefunden und die meisten Morde werden nie gelöst werden. Derweil steigt die Zahl der Toten, die mit der derzeitigen Drogengewalt zusammenhängen. Das Leichenschauhaus hat nicht genug Platz, um die Toten entsprechend einzulagern, und auch die Friedhöfe sind völlig überfordert.

Frauenmorde weiten sich auf ganzes Land aus

Wer ist nun verantwortlich für den Tod dieser Frauen? Nach den wenigen glaubwürdigen Indizien der Untersuchungen und nach Meinung des FBI sind verschiedene Verdächtigte am sogenannten Feminizid oder Geschlechtermord beteiligt. Darunter mehrere Serienkiller, die aber nie verhaftet wurden, zwei brutale Banden, die Frauenmord als Mutprobe für neue Mitglieder sehen oder Drogendealer. Auch Trittbrettfahrer stehen im Verdacht. Dass sich die Verbrechen deutlich gegen Frauen wenden, legt eine Art von Machtdemonstration entweder von Individuen oder Gruppen nahe.

Die Polizei verzögert die Suche, bezeichnet die Mädchen als chronische Ausreißer und Prostituierte. Sie stufen sie als Menschen am Rande der Gesellschaft ein, die nur von ihren Familien vermisst werden. Sie gelten als wegwerfbar.

Egal was das Motiv für die Morde ist, fest steht, sie hören nicht auf und verbreiten sich ins ganze Land. Seit Mitte September 2008 wurden 88 Frauenmorde gemeldet, ein neuer Rekord. Auch diese bleiben weitgehend ungeklärt. Die Armee wurde nicht entsandt, um sie zu suchen; für die Untersuchungen wurden keine Gelder bereitgestellt; und Mexikos Präsident Calderón sah sich nicht einmal genötigt, öffentlich Aufklärung zumindest zu versprechen. Trotz stetiger Bemühungen verschiedenster Menschenrechtsorganisationen sowie vonseiten der Familien bleiben die Rufe nach Gerechtigkeit ungehört.

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