Zwei wie Pech und Schwefel

Detlef Pollack14.05.2013Gesellschaft & Kultur

Atheismus und Religion stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Je stärker der eine, desto stärker die andere. Erlösung brauchen wir von keinem der beiden.

Der Atheismus ist auf dem Vormarsch. Die religionskritischen Schriften von Richard Dawkins, der die Schöpfungsvorstellungen der Religionen als unvereinbar mit der Evolutionstheorie ansieht, sind Bestseller. Berufsatheisten wie Michael Schmidt-Salomon bringen im Fernsehen Kardinäle und andere Kirchenvertreter argumentativ in Bedrängnis – der Atheismus als weltanschauliches Bekenntnis ist in die deutsche Öffentlichkeit zurückgekehrt.

Wer gedacht hatte, dass Freigeisterei, Darwinismus und Religionskritik unwiderruflich dem 19. Jahrhundert angehören und heute einer gelasseneren Sicht auf die Dinge gewichen sind, sieht sich getäuscht. Das kämpferische Eintreten für Positionen des Atheismus drängt auf Beachtung.

Die Geschichte lehrt uns allerdings, dass der Atheismus vor allem ein reaktives Phänomen ist. So war es schon im 18. Jahrhundert. Die europäische Geistesgeschichte weist hier die ersten systematisch ausgearbeiteten atheistischen Positionen auf. Sie waren vor allem eine Form des Kampfes gegen die Übermacht der katholischen Kirche und ihre Nähe zur Herrschaft des Königs. La Mettrie, Voltaire, Diderot und d’Holbach wandten sich mit ihrer Religionskritik stets auch gegen den Priesterbetrug im katholischen Ritus und die Machtanmaßung der katholischen Kirche. Voltaire nannte sie „die Verruchte“ und wollte sie zermalmt sehen. Ebenso ist die Religionskritik auch in der nachaufklärerischen Moderne vor allem in jenen Ländern stark, in denen die Kirche eine politisch, rechtlich und finanziell privilegierte Stellung einnahm – nicht nur in Frankreich, sondern auch in Italien und Spanien.

Wenn der Atheismus nunmehr auch in Deutschland an öffentlicher Präsenz gewinnt, dann muss dies zunächst als eine Konsequenz aus der in den Medien viel beschworenen Rückkehr der Religion interpretiert werden. Der Atheismus entfaltet mobilisierende Kraft, organisiert sich vereinsmäßig und drängt in die Öffentlichkeit, weil die Religion eine neue mediale Sichtbarkeit erlangt hat und von vielen wieder als Gegenstand der politischen, sozialen und kulturellen Auseinandersetzung wahrgenommen wird.

Der Atheismus ist nicht in der Gesellschaft verankert

Die Giordano-Bruno-Stiftung, das organisatorische Flaggschiff der Religionskritik in Deutschland, wendet sich entsprechend gegen die Privilegierung der christlichen Kirchen. Sie streitet dem Christentum seinen Anspruch auf eine kulturelle Leitfunktion ab und tritt für die Gleichberechtigung der Konfessionsfreien ein. Insbesondere mit ihrer Kritik am staatlichen Kirchensteuereinzug, aber auch am konfessionell verantworteten schulischen Religionsunterricht und an der Existenz theologischer Fakultäten an den Universitäten trifft die Stiftung auf verbreitete Zustimmung in der Bevölkerung. In dieser wird die vermeintliche Bevorzugung der christlichen Kirchen gern zum Anlass genommen, zur Religion insgesamt auf Distanz zu gehen.

Man sollte die soziale Verankerung des Atheismus in der Bevölkerung allerdings nicht überschätzen. Unter den Westdeutschen sagen gerade einmal etwa zehn Prozent, dass sie weder an Gott noch an eine höhere Macht glauben. Deutlich größer noch ist die Zahl derer, die in dieser Frage unentschieden oder agnostisch sind. Fast 25 Prozent der westdeutschen Bevölkerung erklären, dass sie nicht wissen, ob es einen Gott gibt, oder dass sie unsicher sind. Wenn man danach fragt, wer davon überzeugt ist, dass Gott nicht existiert, schrumpft der Anteil auf unter fünf Prozent. Das verwundert nicht, denn auch die Rückkehr der Religion ist in Wirklichkeit mehr ein Medienereignis als ein in breiten Bevölkerungsschichten verankertes Phänomen.

Sowohl Kirchenmitgliedschaft und Kirchgang als auch der Glaube an Gott und die Selbstdefinition als religiöse Person gehen seit Jahrzehnten zurück. Zwar nicht linear und rapide, doch stetig und auf Umwegen. Und selbst für diejenigen, die dem Glauben und der Kirche verbunden bleiben, ist Religion zumeist nicht sonderlich wichtig. So lau wie der Glaube zumeist in Deutschland gelebt wird, so schwach ist deshalb auch die Unterstützung für den Atheismus. Auch Fundamentalismus, Evangelikalismus und Pfingstlertum, die weltweit beachtliche Wachstumsraten aufweisen, besitzen in Deutschland kaum Ausstrahlungskraft.

In einer Zeit, in der Religionen auf Vorbehalte stoßen, wenn sie intolerant, fanatisch und gewaltbereit auftreten, hat es auch ein kämpferischer Atheismus schwer. Gewiss hat das auch damit zu tun, dass dem bekennenden Atheismus etwas Überholtes, Eiferndes anhaftet und er auf manchen wie eine Reminiszenz an das 19. Jahrhundert wirkt. Intolerante Fanatiker will man in der Religion genauso wenig haben wie unter ihren Gegnern. Die Werte der Toleranz und der Akzeptanz fremder Lebensformen und Glaubensvorstellungen finden immer größere Zustimmung.

Wir brauchen weder eine Erlösung von der Welt noch von der Religion. Politische Religionen wie der Faschismus, der Nationalismus oder der Kommunismus haben im 20. Jahrhundert wüste Zerstörungen angerichtet. Die Zeit der welterlösenden und welterklärenden Heilslehren ist heute endgültig vorbei. Nicht zuletzt auch aufgrund der absolut ernüchternden Erfahrungen, welche die Europäer, allen voran die Deutschen, mit solchen totalitären Ideologien gemacht haben. Ein Atheismus, der Anerkennung erlangen will, müsste zunächst Respekt vor den kulturellen Leistungen der Religionen aufbringen.

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