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„Ich habe kein Problem mit der Kirche“

Freier Glaube braucht keine Gebote, Verbote, Dogmen – kurz: eine Kirche. Diese Absage an die Religionen ist gleichzeitig für den Namen der Band “Unheilig” verantwortlich. Im Gespräch mit dem Sänger wird klar, welche besondere Bedeutung dieser Glaube für ihn hat.

Das Interview führte Nina Anika Klotz.

The European: Graf, erklären Sie mir doch bitte diese Widersprüchlichkeit: Sie nennen Ihre Band “Unheilig” und singen doch sehr spirituelle Lieder. Da gibt es Textzeilen wie “Du bist die Liebe und der Anfang jedes Seins, hast mich gemacht für eine kurze Ewigkeit”. Ein paar Lieder handeln von Engeln und einem Jenseits, es geht um den Sinn des Lebens und das, was über all dem steht. Wie passt das zusammen?
Unheilig: Ich bin ein extrem gläubiger Mensch. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht für mich selbst mit dem Lieben Gott spreche. Ich glaube an ein Paradies, daran, dass es Engel gibt und dass man sich irgendwann wieder sieht. Im Grunde glaube ich an all das, was in allen Religionen der Welt gepredigt wird. Aber ich kann mich mit keiner bestimmten Religion identifizieren. Ich kann die ganzen Gebote, Verbote und dieses Riesendogma nicht leiden. Deshalb unterscheide ich zwischen Religion und Glauben. Meine Lieder beschäftigen sich mehr mit Glauben als mit Religion. Ich habe meinen eigenen, freien Glauben für mich gefunden. Wenn man so einen freien Glauben wählt, ist man in den Augen aller bekannten Religionen ein Unheiliger.

The European: Sehen Sie sich als Kirchenkritiker?
Unheilig: Nein, ich habe überhaupt kein Problem mit der Kirche. Ich bin römisch-katholisch getauft und erzogen worden. So wie die meisten Menschen im Rheinland. Und ich finde die Institution Kirche gut und wichtig für Leute, die sie als Brücke zum Lieben Gott brauchen. Nur ich habe einen anderen Zugang zu ihm.

“Wir rennen nicht auf Friedhöfen herum”

The European: Und als die katholische Kirche in der jüngsten Vergangenheit ins Zentrum der Kritik geraten ist, was ging da in Ihnen vor?
Unheilig: Diese Vorfälle haben rein gar nichts damit zu tun, ob ich mich in der Religion oder der katholischen Kirche wieder finde oder nicht. Ich fühle mich davon in keiner Weise bestätigt. Außerdem glaube ich, dass man das nicht vorschnell verurteilen darf: Nur weil in einer Herde von Schafen ein schwarzes Schaf dabei ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Und im Grunde habe ich mir gedacht, dass es so etwas bestimmt überall gibt. Solche Verbrechen geschehen auch in anderen Einrichtungen.

The European: Ihre Musik wird in der “Schwarzen Szene” eingeordnet. Steht die im Widerspruch zu Ihren täglichen Gesprächen mit dem Lieben Gott?
Unheilig: Nein, “Schwarze Szene” und “Gothik” beschreibt tatsächlich ja nichts weiter als eine Musikrichtung. Wir rennen nicht auf Friedhöfen herum und halten schwarze Messen ab. Wir geben uns auch nicht irgendwelchen Depressionen hin. Religion und Glaube haben eigentlich gar nichts mit dieser Szene zu tun. Ob er glaubt oder nicht, entscheidet jeder, der sich in dieser Szene zuhause fühlt, ganz persönlich für sich selbst.

The European: Eine Grundtendenz, die die Gothik-Szene eint, ist eine große Sehnsucht nach Romantik, oder nicht?
Unheilig: Ja, definitiv. Eine Art Dunkelromantik ist das. Wir sind alle etwas nachtverliebter. Man setzt sich sehr stark mit den Texten auseinander, die von großen Gefühlen erzählen wie Hoffnung und Angst. Das hat man in anderen Bereichen moderner Musik nicht so. Da wird doch oft ziemlich oberflächlich mit Musik, mit Liedern und ihren Texten umgegangen.

The European: Worin gründet denn diese Nachtverliebtheit?
Unheilig: Vielleicht darin, dass es nachts so schön still ist. Wenn diese Stille einen umgibt, kann man endlich zur Ruhe kommen und in sich gehen. Das ist mein Gefühl, deshalb mag ich die Nacht. In meinen Liedern beschreibe ich sehr gern den Moment des Anbruchs der Nacht. Das Mystische, Märchenhafte dieses Augenblicks spielt für mich eine große Rolle. Die Gothik-Szene hat sich gebildet, um Abstand zur Normalität zu finden, Abstand zum Kommerz dieser Welt. Vielleicht kann man es demzufolge auch so beschreiben: Tags tobt das Grelle und Kommerzielle, nachts kehrt dagegen die Ruhe zurück.

The European: Nun muss man ja aber ehrlicherweise sagen, dass das Kommerzielle sie eingeholt hat. Spätestens seit der Hitsingle “Geboren um zu leben” laufen Ihre Lieder im Radio rauf und runter. Bringt sie das in einen inneren Konflikt?
Unheilig: Mitglieder der Gothik-Szene, die mich und meine Musik seit über zehn Jahren kennen und begleiten, haben natürlich ein Problem damit. Das weiß ich auch. Die finden es nicht gut, dass eine Band, die aus der Szene kommt, plötzlich überall großen Anklang findet und sich damit auch den Leuten öffnet, die normalerweise nichts mit dieser Szene und dieser Musik zu tun haben. Ich kann die Zweifel dieser Leute nachvollziehen, aber ich habe immer schon die Einstellung gehabt: Ich mache Musik für alle Menschen. Und mir ist das egal, ob da jetzt einer aus der Schwarzen Szene kommt, der grünen, der roten oder der gelben.

The European: Und wie gehen Sie mit den enttäuschten Fans um?
Unheilig: Deren Angst ist es, dass sich meine Musik durch den kommerziellen Erfolg verändert und dass das, was aus der Schwarzen Szene kommt, verloren geht. Aber das habe ich ja in der Hand. Und ich passe schon auf, dass das nicht passiert.

“Ich will mich nicht länger verstecken”

The European: Sie pflegen einen außerordentlich engen Kontakt zu Ihren Fans.
Unheilig: Ja, das fängt schon damit an, dass wir die Fans mehrfach in wichtige Entscheidungen einbezogen haben. Wir haben Sie zum Beispiel abstimmen lassen, welches Lied die Singleauskopplung werden soll. Und Autogrammstunden dauern bei mir vier bis sechs Stunden. Da können die Leute mir dann auch mal was von sich erzählen und ich kann sie in den Arm nehmen. Das gibt mir eine ganze Menge. Nirgendwo sonst bekomme ich so ein klares und ehrliches Feedback zu dem, was ich mache.

The European: In Ihrem Bühnenoutfit wirken sie eigentlich gar nicht so nahbar, mit dem strengen schwarzen Anzug und den hellblauen Kontaktlinsen…
Unheilig: Die Kontaktlinsen sind raus, die trage ich gar nicht mehr. Als ich vor zwei Jahren einmal sehr schwer erkrankt war und als zwei Wochen lang nicht feststand, ob ich überhaupt je wieder auftreten kann, bekam ich Tausende von Emails mit Genesungswünsche meiner Fans. Das war der absolute Hammer! Bis dahin, muss ich zugeben, habe ich mich hinter diesen Kontaktlinsen immer irgendwie versteckt vor den Leuten. Die Kontaktlinsen waren für mich fast so etwas wie eine Sonnenbrille, ein Schutzschirm. Nachdem ich aber so viel Zuspruch bekommen habe, habe ich mir geschworen: Wenn ich es jemals wieder schaffen sollte, noch einmal aufzutreten, dann will ich die Kontaktlinsen nicht mehr tragen. Denn vor diesen wunderbaren Menschen, die mir so viel Kraft gegeben haben, will ich mich nicht länger verstecken. Der erste Auftritt ohne die Linsen war tatsächlich eine ganz neue Erfahrung. Das war ein richtig tolles Gefühl.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit St. Vincent: „Nur für eine kleine Runde Applaus“

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