Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Liebe hat keine Funktion

Menschliche Gefühle lassen sich nicht in Formeln pressen. Diese simple Wahrheit haben Ökonomen bis heute nicht verstanden.

Wenn wir uns die Lage der Wirtschaftswissenschaften ansehen, dann sind wir – so scheint es – alle Anhänger eines Mannes: Paul Samuelson, seines Zeichens der erste amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger. Im Zentrum seiner Theorie steht die Annahme, dass jede Form menschlichen Verhaltens sich als „Maximierung des Nutzens“ beschreiben lässt: Je mehr wir von etwas besitzen, desto glücklicher sind wir.

Es gibt auf der Samuelson’schen Bühne also nur einen Protagonisten, nennen wir ihn Max. Der behandelt jeden seiner Mitmenschen als Verkaufsautomaten. Sein Ziel ist, durch minimalen Einsatz den maximalen Nutzen aus dem Automaten herauszuholen.

Sogar schwer messbare Dinge wie die Liebe lassen sich so scheinbar auf ihren Nutzwert reduzieren: Max – der in den Theorien wie selbstverständlich immer als Mann auftaucht – braucht neben Nahrungsmitteln, einer Wohnung und Nippes aus dem Duty-free-Laden eben auch eine tägliche Portion Liebe zum Glück. C.S. Lewis hat diese Sichtweise auf die Welt in seinem Buch „The Screwtape Letters“ treffend beschrieben. Der Dämon Screwtape verleugnet die Existenz der romantischen ­Liebe und argumentiert stattdessen, dass es sich lediglich um eine besondere Form des Eigennutzes handelt. Die „Liebe“ Gottes für den Menschen sei „natürlich eine Unmöglichkeit. Dieses ganze Gerede von der Liebe muss dann eine Tarnung für etwas anderes sein.“

Die Dividende mütterlicher Investitionen

Ein Samuelson’scher Denker sagt dazu: „Genug. Es ist nicht schwer, Wirtschaft und Liebe zusammenzubringen. Man muss einfach die Nutzenfunktion anpassen. Fertig. Und wenn wir schon dabei sind: Soziale Gerechtigkeit ließe sich ebenfalls mathematisch beschreiben. Die Gerechtigkeit ist eben eine weitere Komponente in den Formeln, mit denen Max seinen möglichen Nutzen berechnet.

Es gibt scheinbar nichts, das sich nicht quantifizieren lässt. Der englische Philosoph Thomas Hobbes, der nicht gerade als großer Romantiker bekannt ist, schrieb dazu schon im Jahr 1651: „Verlangen wir nach etwas, so lieben wir es auch; was wir hingegen fliehen, das hassen wir. Folglich ist Verlangen und Lieben ein und dasselbe. ,Gut‘ nennt der Mensch jedweden Gegenstand seiner Neigung.“ Oder „Güter“, in der Sprache der modernen Wirtschaftswissenschaft.

Aber kann Max seine Geliebte wirklich auf ihren Nutzen reduzieren, romantische Gefühle entstehen zu lassen? Lässt sich die Liebe in Formeln verpacken? Der Wirtschaftswissenschaftler sagt dazu: Sie werden von der eigenen Mutter unter anderem deshalb geliebt, weil sie sich an Ihnen erfreut und einen Nutzen aus Ihnen zieht. Als Sie Ihr Abitur bestanden haben, konnte sie sich ebenfalls im Licht der Aufmerksamkeit sonnen: als Mutter eines brillanten Kindes oder als brillante Mutter. Und selbst wenn Sie vor allem aus Eigeninteresse für die Prüfungen gelernt haben, wird Ihre Mutter trotzdem davon ausgegangen sein, dass Sie ihr zuliebe gute Noten geschrieben haben.

Wie andere Menschen Vielfliegerpunkte sammeln, konnte Ihre Mutter also Freudepunkte auf ihrem Nutzenkonto verbuchen. Wenn Sie erfolgreich sind, dann geschieht das also nicht nur um Ihrer selbst willen. Sogar wenn sonst niemand von Ihrem Erfolg und von dem Nutzen wüsste, wäre Ihre Mutter glücklich. Ihr eigener Nutzen geht im Nutzen Ihrer Mutter auf. Wenn Sie glücklich sind, ist Ihre Mutter es ebenfalls.

Das Glück einer Mutter lässt sich also teilweise aus dem Glück des Kindes ableiten und wird von Wirtschaftswissenschaftlern als Dividende mütterlicher Investitionen beschrieben. Es geht immer noch um den Nutzwert und das Sammeln weiterer Punkte. Es geht um Mittel, nicht um den Zweck.

Bedingungslose Liebe ist allgegenwärtig

Man kann an diesem Punkt aufhören und konstatieren, die Liebe sei damit ausreichend beschrieben. Der Wirtschaftswissenschaftler sollte seiner Mutter dann konsequenterweise zum nächsten Muttertag eine Karte schicken, auf der zu lesen steht: „Mutter, ich maximiere deinen Nutzen.“

Gary Becker von der University of Chicago ist so jemand. Er beschreibt Liebe (normalerweise mit etwas peinlichen Anführungszeichen) als ­etwas, das über die bloße Sorge um einen Mitmenschen hinausgeht: „Wenn M sich um F sorgt, dann wird Ms Nutzen nicht lediglich von seinem eigenen Güterkonsum bestimmt, sondern auch vom Konsum von F.“

Wir müssen lediglich bis zu Immanuel Kant schauen, um zu erkennen, warum uns diese Sichtweise Sorgen machen sollte: Wenn wir unsere Mitmenschen nur als Komponenten einer Formel zur Nutzenmaximierung wahrnehmen, dann sehen wir sie als Mittel zum Selbstzweck. Doch unsere Mutter, so schrieb Kant, liebt uns bedingungslos, um unser selbst willen. Es ist für ihre Liebe unbedeutend, ob das Kind keine Manieren hat, den Schulabschluss nicht geschafft hat oder als Massenmörder in der Todeszelle sitzt. „Nichts als Sorgen“ hat die Mutter mit diesem Kind. Trotzdem liebt sie und steht zum Zeitpunkt der Urteilsvollstreckung weinend vor dem Tor des Gefängnisses.

Die Wissenschaft muss endlich verstehen, was der Rest der Menschheit intuitiv schon lange weiß (und was selbst die Wirtschaftswissenschaftler wussten, bevor sie sich in die Promotion geflüchtet haben): Bedingungslose Liebe ist allgegenwärtig. Sie ist sichtbar in der Leidenschaft des Arztes, Menschen zu heilen. In der Begeisterung des Ingenieurs für Gebäude. In der Liebe des Soldaten für das eigene Vaterland. In der Leidenschaft des Wirtschaftswissenschaftlers für Fortschritt in der Forschung.

Diese Formen der Liebe, diese inhärenten Güter, räumen auf mit der Vorstellung, dass alles Gute in der Welt sich als nutzbringend beschreiben lässt. Nutzen lässt sich quantifizieren und besonnen betrachten. Nutzen beschreibt Mittel zum Zweck. Doch wenn wir etwas oder jemanden wirklich lieben, dann geht das weit über den Nutzen hinaus. Max kann seinen Nutzwert berechnen. Doch vom Sinn des Lebens hat er keine Ahnung.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Schmidt, Thomas Vasek, Barry Schwartz.

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