Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Hintergrund

Wankender Riese

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Freie Meinungsäußerung, freie Wahlen, freie Religionsausübung. Europa ist ein großer Freiheitsraum. Doch in der Krise bröckelt die Fassade. Die 27 Mitgliedstaaten müssen sich auf einen Kurs verständigen, um diesen Traum am Leben zu halten.

Hintergrund

Was macht Europa zu dem, was es ist: seine Geschichte, seine Kultur, sein gemeinsamer Wirtschafts- und Währungsraum? Auch. Aber das Wesentliche ist: Die Union der 27 ist ein großer Freiheitsraum. Freie Meinungsäußerung, freie und geheime Wahlen, freie Religionsausübung. Aus der Geschichte haben die Völker Europas gelernt: Diskurs ist besser als Gefecht. Auf absolute Wahrheitsfragen folgen absolute Konflikte.

Der Friede von Münster und Osnabrück steht unter dem Vorzeichen „etsi Deus non daretur“ – als ob es Gott nicht gäbe. Aber es gibt Gott. Der bewaffnete Konflikt aufgrund religiöser Streitigkeiten ist ein großer Teil der Geschichte auf dem Kontinent der Freiheit. So ist auch der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts herleitbar. Umso mehr verpflichten die möglichkeit zum friedlichen Diskurs und zugleich die Freiheit durch Liebe, die Gott gibt, zum vobild im christlichen Sinne.

Die große Stärke Europas ist vo diesem Hintergrund die Fähigkeit zur Diskussion, zum Diskurs, zur Selbstreflexion. Eine selbstbewusste Streitbarkeit, die dem besten Argument verpflichtet ist, ist das Alleinstellungsmerkmal jener westlichen Sphäre, die nur als das christliche Abendland zu dem werden konnte, was sie ist. Und die nur als christliches Abendland die weltsphäre bleiben wird, die sie ist. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Selbstkritik führt zu einem versöhnten Umgang mit der Geschichte. Der gewollte Furor, den die Mohammedkarikaturen in der islamischen Welt ausgelöst haben oder die Verweigerungshaltung, mit der die Türkei die Frage nach dem Völkermord an den Armenier ausspart, belegen, dass diese Fähigkeit in anderen Kulturen nicht automatisch vorhanden ist.

Das kann die Welt von Europa lernen: Verschiedenes unter einem Dach versöhnt nebeneinanderstehen zu lassen. Im Diskurs gewinnt der, der die überzeugendsten Argumente am glaubhaftesten darstellen kann. Auch wenn die Einwohnerzahl Europas in den nächsten Jahrzehnten deutlich schrumpfen wird, steht der christliche Kontinent weiterhin Pate als maßgebliches Beispiel für die Entwicklung anderer kultureller Räume.

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