Die Bezeichnung des Bürgertums (frz. bourgeoisie) und des Bürgers wurzelt etymologisch in der althochdeutschen Bezeichnung burga (Schutz), ein befestigter Wohnsitz (Burg), in dem sich seit der Antike Kaufleute und Handwerker niederließen.
Die Auslegung des Begriffes variiert jedoch seit jeher: Das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten definierte den Bürgerstand als “alle Einwohner des Staats unter sich, welche, ihrer Geburt nach, weder zum Adel, noch zum Bauernstande gerechnet werden können, und auch nachher keinem dieser Stände einverleibt sind”. Der Begriff wandelte sich im Laufe der Zeit mehr zu einer Bezeichnung für die gesellschaftliche Elite. Die Beschaffenheit dieser änderte sich maßgeblich: im 19. Jh., als – im Rahmen der Industrialisierung und dem Aufstieg der Bildung – Akademiker und Industrielle das kulturelle und politische Leben bestimmten. Marx und Engels definierten die Bourgeoisie im Manifest der kommunistischen Partei schließlich als die “besitzende Klasse”, die dem Proletariat entgegen steht; sie ist der Gegenspieler der unterdrückten Arbeiterklasse.
Dieser Antagonismus wurde von der 68er-Bewegung aufgenommen und bis in das 20. Jahrhundert getragen. In der Moderne verwischen jedoch die Konturen des Bürgertums. Durch die immer weitere Öffnung des Zugang zu Schulbildung, Politik und Kultur führte zu Verbreiterung des ehemals elitären Bürgertums und machten es zu einer beinahen “differenzlose Kategorie” (M. Pohlmann). Auch fehlen die traditionellen Gegenspieler wie der Adel, der in der modernen Gesellschaft kaum noch Bedeutung hat und auch ein Proletariat wie es Engels und Marx zeichneten, existiert in dieser Form nicht mehr.
Das Sinus Institut bezeichnet die “bürgerliche Mitte” heute als den leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, der gesellschaftliche Ordnung bejaht, nach sozialer und beruflicher Etablierung, sowie harmonischen Verhältnissen strebt.
In Zeiten einer vom Soziologen Ulrich Beck festgestellten Risikogesellschaft wurde der Begriff der Bürgerlichkeit in etwas Gutes verkehrt.
Angesichts dieser inzwischen positiven Eigenschaften ist es nicht verwunderlich, dass 80 Prozent der Deutschen sich als “bürgerlich” bezeichnen würden. So gilt das Bürgertum auch heute noch als sozio-ökonomisch privilegierte und einflussreiche Bevölkerungsschicht.
Doch was sehen die Deutschen heute selbst als “bürgerlich” an? Brauchen wir eine Kategorie “Bürger”, wenn wir alle welche sind? Wie kann sich die neue Bürgerlichkeit ohne Gegenpart selbst definieren?