Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Hintergrund

Die 99 Prozent

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Reformer haben dem Islamischen Staat und Boko Haram den Kampf angesagt. Die bislang schweigende Mehrheit der Muslime kämpft bereits für eine Erneuerung ihrer Religion.

Hintergrund

Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Ihre Religion, so wurde mehrfach von höchster politischer Stelle bekannt, ist mittlerweile Teil des Landes. Viele von ihnen sind seit Jahren hier, die meisten Staatsbürger und manche bereits in dritter Generation. Sie sind Arbeitskollegen, Nachbarn und Schulfreunde. Doch dieser Teil Deutschlands steht unter Generalverdacht.

Kopftuch und Moschee sind zu Symbolen eines diffusen Bedrohungsgefühls geworden. Überall in Europa grassiert die Angst vor dem, was uns seit Jahren und Monaten in den Nachrichten verfolgt. Syrien, Irak, Nigeria, Frankreich – die Einschläge scheinen näher zu kommen. Islamophoben Zündlern gelingt es, Zehntausende auf die Straßen ostdeutscher Städte zu bringen, in denen kaum Migranten leben.

Wenn der Islamische Staat seine Feinde köpft, Boko Haram Dörfer dem Erdboden gleichmacht und al-Qaida in Pakistan Hunderte Schüler lyncht, dann übersehen wir mit unseren vor Angst geweiteten Augen allzu oft, dass die Opfer dieser Fanatiker vor allem und zuerst Glaubensbrüder sind. Wie auch das Christentum, kennt der Islam viele Spielarten, und während den meisten Deutschen schon der Unterschied zwischen einem Araber und einem Perser verschlossen bleibt, entscheiden in den blutigen Konflikten von Libyen bis Afghanistan kleinste konfessionelle Details über Leben und Tod.

Der radikale Islam ist also in erster Linie eine Bedrohung für Muslime – sie stehen damit in der Pflicht, sich gegen die Vereinnahmung ihrer Religion und die Bedrohung ihrer Lebensentwürfe zu wehren. Sie sind die 99 Prozent. Die 1,6 Milliarden Muslime zwischen Afrika und Südostasien, die nie ein Schwert oder ein Gewehr zur Hand genommen haben. Die 1,6 Milliarden Muslime, die mit ihren christlichen, buddhistischen, hinduistischen und atheistischen Nachbarn in Frieden leben.

Die Theologen und Ältesten unter ihnen sind es, die die religiös verbrämte Rhetorik der Schlachter enttarnen müssen. Rechtsgutachten, quasi Anleitungen zur korrekten Interpretation des Korans, können dabei eine wichtige Rolle spielen. So haben islamische Autoritäten, vom ägyptischen Mufti über den nigerianischen Sultan bis hin zum amerikanischen Scheich, in einem offenen Brief gegen den IS-Führer al-Baghdadi Stellung bezogen und auch in Deutschland haben die muslimischen Gemeinden sich immer und immer wieder von den Gräueln distanziert. Jedoch: Geholfen hat es bislang nichts, das Morden geht weiter.

Wir debattieren deshalb: Was kann die islamische Gemeinschaft der Gläubigen den Radikalen unter ihnen entgegnen?

Wie der Gewalt gegen Muslime und andere die theologische Grundlage entziehen? Würde dabei ein Konzil helfen, wie es die katholische Kirche zur Klärung grundlegender Fragen einberuft? Braucht der Islam eine Art Martin Luther, der den Glauben neu denkt? Einen Aufklärer? Muss der Koran historisch-kritisch neu gelesen werden? Oder ist das Mittel der Wahl eines, das keine Entsprechung in der westlichen Geschichte hat?

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