Nieder mit Chomeini ... Mir Hossein Mussawi

Hintergrund

Jugend forsch

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Das ewige Lamento über die Jugend von heute verrät mehr über die Klagenden selbst als über die Beklagten. Eine historische Spurensuche.

Hintergrund

Um den gesamten Globus musste der britische Fotograf James Mollison reisen, um 56 Kinder in ihren Zimmern vor die Linse zu bekommen: Von Dong, der in China ein Poster von Mao Zedong über das Bett gehängt hat. Von Jyoti, die in Nepal auf einer geflochtenen Decke neben der Feuer-stelle der Familie schläft. Von Jivan, dessen Kinderzimmer in New York in jeden Ikea-Katalog passen würde. Familien- und Weltgeschichte spiegeln sich auf wenigen Quadratmetern. Die Fotoserie macht deutlich: Kindheit und Jugend sind keine transzendenten Kategorien, sondern konkrete Erfahrungen.

Die gerne erzählte Geschichte von der menschlichen Natur, die uns jenseits aller Grenzen das Gleiche fühlen und wünschen lässt, funktioniert nur als Abstraktion oder als Trivialisierung. Wir atmen dieselbe Luft – aber jung zu sein bedeutet im Westjordanland eben doch etwas anderes als in Deutschland; und im frühen 21. Jahrhundert etwas anderes als für die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen. Grenzen lassen sich überwinden, aber nicht wegwünschen.

Selbst das moderne Kinderzimmer ist die Ausgeburt einer konkreten historischen Epoche: Mit dem Kampf gegen Kinderarbeit im 19. Jahrhundert wurden Kinder und Jugendliche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von potenziellen Arbeitern zu Heranwachsenden. Die Architektur passte sich an: Das Kinderzimmer bot innerhalb des Haushaltes den für Bildung und Reife notwendigen Rückzugsraum. Jugend ist, was die Gesellschaft daraus macht.

Anarchistisch veranlagt, moralisch verkommen

Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Beharrlichkeit sich ein gegensätzliches Vorurteil auf der ganzen Welt fortpflanzt: Die „Jugend von heute“ sei wild, ohne Manieren, faul und irgendwie symptomatisch für den Verfall allgemeiner Werte. Früher sei das anders gewesen, als die Erziehung noch streng und der Geist der Jugend noch rein waren – was ja durchaus stimmen könnte. Stutzig macht nur, wie lange sich die Warnungen vor der Jugend – unabhängig von Sprach- oder Landesgrenzen – schon durch die Geschichte ziehen.

Stanley Kubricks Kultfilm „Uhrwerk Orange“ treibt die Idee einer anarchistisch veranlagten und moralisch verkommenen Jugendbewegung theatralisch auf die Spitze, doch die Geschichte des Vorurteils reicht deutlich länger zurück. Schon Platon beschrieb im imaginären Dialog zwischen Sokrates und Glaukon die Schattenseiten von Jugend und Demokratie: Beiden gemeinsam sei die Liebe zur exzessiven Freiheit, die ohne klar definierte Grenzen im Chaos enden müsse. Das war vor etwa 2.400 Jahren. Es kann doch nicht immer alles schlecht gewesen sein.

„Die Grenze zwischen Jugend und Erwachsenen ist in jeder Gesellschaft umkämpft“, schrieb der französische Soziologe Pierre Bourdieu und skizzierte damit ein ständiges Ringen um Abgrenzung und soziale Positionen. Die Eltern- und Großelterngenerationen verweisen auf die Makel der Jugend und verteidigen damit die eigene Stellung und die eigenen Werte. Die „Altersweisen“ sind das Pendant zum jugendlichen Chaoten: Beide Begriffe taugen weniger als Realitätsbeschreibungen, sondern als Schwert und Schild im Ringen um gesellschaftliche und familiäre Anerkennung.

Vielleicht erzählt uns die Auflistung jugendlicher Makel also weniger über die Jugend als über die Ängste derjenigen, die sie seit Jahrhunderten immer wieder äußern. Zum einen geht es um die ganz persönliche Angst der älteren Generation, dass der Nachwuchs in den prägenden Jahren der Jugend und Adoleszenz auf eine schiefe Bahn geraten könnte. Die Existenz der Jugend bedeutet, loslassen zu müssen, an Einfluss zu verlieren, die Entscheidungen junger Menschen akzeptieren zu lernen. Das sorgt für graue Haare und Sorgenfalten. Nicht ohne Grund wird Tom Sawyer im gleichnamigen Roman von Mark Twain von seiner Tante dazu verdonnert, am Wochenende den langen Gartenzaum zu streichen: Durch harte Strafen soll der abenteuerlustige Halbwaise in die rechte – das heißt: gesellschaftskonforme – Form gepresst werden.

Zum anderen geht es aber auch um die diffusere Angst vor Veränderung: Ziel ist es, traditionelle Normen über die Zeit zu retten, ungeachtet des zwangsläufigen Wandels. Die Sexualmoral treibt in den 1990er-Jahren andere Blüten als in den 1950er-Jahren. Kommunikationsgewohnheiten verändern sich. Die Gegenwart wird an den Standards der Vergangenheit gemessen und für unzulänglich befunden. Das Klagelied über „die Jugend von heute“ ist so anachronistisch wie manche Regel im Knigge.

So beschreibt der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in seinem Roman „Der Jüngling“ eine ins Chaos abgleitende Welt, welche die Jugend in ihrem Sog mitzieht und die Elterngeneration rat- und sprachlos zurücklässt. Mit der Ordnung des zaristischen Russlands lösen sich auch die alten Normen und Werte. Im Kleinen zeigt sich in der Familie, was die Gesellschaft im Großen bewegt.

Das Lamentieren über die „Jugend von heute“ ist daher vor allem ein gesellschaftliches Hintergrundrauschen, was uns seit über zwei Jahrtausenden in unzähligen Formen begleitet, und in Zeiten der Veränderung ein Stimmungsbarometer für die Angst vor dem, was morgen kommen mag. Und die Jugend? Die pfeift meistens drauf und macht ihr Ding. Auch das hat sich seit über 2.000 Jahren kaum verändert.

von Martin Eiermann im Namen der Redaktion

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