Angela Merkels Verhalten zeigt, dass sie in der DDR viel gelernt hat. Thilo Sarrazin

Hintergrund

Kultur des kleinsten Risikos

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Wir Deutschen fürchten uns vor Gentechnik, Atomkraft und Co. – höchste Zeit, unser Verhältnis zu neuer Technologie unter die Lupe zu nehmen.

Hintergrund

Die Täter kamen in der Nacht. Der Zaun war schnell zerschnitten und schon ging es los: Kleine Pflanzen rissen die Unbekannten aus der Erde, größere schnitten sie ab oder zertrampelten sie. Anschließend verschütteten sie mitgebrachtes Heizöl auf dem Acker und machten sich spurlos davon.

Der offizielle Straftatbestand für das Zerstören einer landwirtschaftlicher Fläche lautet, ganz banal: Sachbeschädigung. Aktivisten sprechen dagegen von Feldbefreiung, wenn sie den Anbau von genmanipuliertem Saatgut gewaltsam verhindern – wie in jener Nacht auf einem Forschungsgelände der Universität Gießen.

Bei Tagesanbruch war das Ausmaß der Zerstörung erkennbar: Ein Feld voller genetisch modifizierter Maispflanzen war vernichtet, die Folgen der Heizölattacke ließen nicht einmal die Erhebung vorläufiger Forschungsergebnisse zu.

Angst vor Fortschritt

Der Vorfall zeigt, wie aggressiv die Debatte um genetisch modifizierte Nahrungsmittel in Deutschland geworden ist und wie groß die Angst. Nun greift weiß Gott nicht jeder Deutsche zum Heizöl-Kanister, um seinen Widerstand gegenüber neuen Technologien zu zeigen. Dass es aber eine tief in der Gesellschaft verankerte Skepsis gegenüber Genmanipulation und anderen neueren Technologien gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Angst vor der Gentechnik ist symptomatisch für eine deutsche Grundhaltung: die Angst vor dem technologischen Fortschritt. Doch woher stammt sie?

Der Soziologe Ortwin Renn fand heraus, dass neue Technologien, die man weder sehen, schmecken noch riechen kann, besonders viel Angst hervorrufen. Furcht vor Neuem ist manchmal also nicht irrational, sondern gesunde Vorsicht: Genmais kann im Zweifel nicht von handelsüblichem Mais unterschieden werden. Das macht ihn so abstrakt wie das alljährlich auftretende Grippevirus – und offensichtlich ähnlich furchteinflößend.

2011 führte das Institut Allensbach eine Studie durch, deren Hauptfrage bereits Bände sprach: „Glauben Sie, dass die Technik alles in allem ein Segen oder ein Fluch für die Menschheit ist?“ Weniger als die Hälfte der Befragten votierten für Ersteres.

Nun gibt es gute Gründe, gegen die Gentechnik zu sein: Einhergehend mit der Modifizierung von Pflanzen ist eine Patentierung des Saatgutes möglich, zahlreiche Nutzpflanzen drohen in die Hände weniger Konzerne zu fallen. Auch die Verengung der biologischen Vielfalt ist ein ernst zu nehmendes Problem. Doch ein Gesundheitsrisiko oder gar eine Vergiftungsgefahr wurde dieser Technologie nie nachgewiesen.

Die Grenzen des Nachvollziehbaren

Eigentlich ist Technik im Alltag so allgegenwärtig wie akzeptiert. Wir nutzen den Computer mit so wenig Hintergedanken wie den Geschirrspüler, verwenden Smartphones so selbstverständlich wie Sicherheitsgurte. Deutschland ist ein Standort für Hochtechnologie, exportiert Autos und Waschmaschinen in die ganze Welt. Sobald die Technik aber abstrakt wird, wenn ihre Komplexität unser Verständnis übersteigt und sich unseren Sinnen entzieht, dann verursacht sie Respekt – und manchmal schüchtert sie ein.

Und hier liegt das Problem: Technologie ist enorm komplex geworden. Geräte werden immer kleiner, abstrakter und sind im Alltag kaum mehr wahrnehmbar – und damit immer öfter Quelle eines gewissen Unbehagens. Für den Laien ist es kaum noch möglich, bei Innovationen – wie etwa dem Teilchenbeschleuniger des CERN oder der Präimplantationsdiagnostik – den Überblick zu behalten. Selbst ältere Technologien wie die Atomkraft stoßen heute noch auf breites Unbehagen. Und immer öfter wird die Komplexität der Einfachheit halber mit fehlleitenden Begriffen versehen: Die globale Dateninfrastruktur firmiert unter dem Schlagwort der „Cloud“ – einer kindlichen Metapher, die das tatsächliche Ausmaß der Technik völlig verschleiert.

Weil wir zunehmend an die Grenzen des Nachvollziehbaren stoßen, wird aus Unwissen immer öfter Furcht. Und damit geht ein weitreichender Wandel einher: Heute bewerten wir Technik nicht länger aufgrund ihrer Funktion, sondern anhand ihrer potenziellen Risiken. Unser Fortschrittsenthusiasmus machte Platz für eine Kultur des kleinsten Risikos.

Im Englischen beschreibt der Begriff „Germanangst“ die deutsche Skepsis gegenüber neuen Ideen. Und in der Tat ist Deutschland längst bekannt dafür, Vorbehalte gegenüber neuen Technologien zu hegen. Wir lehnen Gentechnik ab, arbeiten am Atomausstieg und spätestens seit der NSA-Affäre fürchten viele Menschen die Macht der Kommunikationstechnologie.

„Fortschritt“ ist hingegen ein sehr deutsches Wort: Es beschreibt nicht nur Wandel, sondern auch stetiges Voranschreiten. Möglich, dass dieser Prozess einen Punkt erreicht hat, der vielen Unbehagen bereitet. Dieses Unbehagen gilt es ernst zu nehmen und unser Verhältnis zum Fortschritt neu zu debattieren. Also, was ist dran, an der „German angst“ vor der Technik?

von Lars Mensel im Namen der Redaktion

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