Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

Hintergrund

Nun doch kurz die Welt retten

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Energiewende und Klimaschutz brauchen nicht noch mehr Pragmatismus. Im Gegenteil.

Hintergrund

Irgendwann einmal ging es um die Rettung der Welt: Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt, nach den Wäldern stirbt der Mensch. This is the end. Das war: Gestorben ist seither nur die Ideologie.

Die Rettung der Welt ist in der Wirklichkeit angekommen und aus der Utopie ist Realpolitik geworden. Es geht nicht länger darum, die drohende Apokalypse durch Klimawandel, Waldsterben, Ozonloch oder GAU abzuwenden. Nicht mehr darum, eine grüne, saubere und gesunde Zukunft zu schaffen. Es geht um Preise, Umlagen und Trassenbau. Um Geld, Interessen und Macht.

Die Energiewende ist der Kern der Weltrettung und mit ihr hat die Revolution ihren Esprit verloren. Sie klingt schon nach wenigen Jahren wie eine Drohung und nicht nach Verheißung eines besseren Übermorgens. Technokraten haben die Langhaarigen verdrängt und Flipcharts die Sonnenblumen ersetzt. Die Energiewende ist jetzt grau und komplex.

Grün ist eine politische Kraft geworden

Rückblende: Am 11. März 2011 bebt die Erde in Fukushima, drei Tage später sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel „innehalten“ und jenen Satz, der die deutsche Atomenergie beerdigt: „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Es wird gerade Frühling in Deutschland und nun keimt neben den Pflanzen auch Hoffnung auf die Erfüllung eines lange gehegten Traumes auf.

Denn Grün ist schon früher eine politische Kraft geworden, eine mächtige Idee, in Deutschland viel eher als anderswo. Der „ökologische Urknall“ von 1970 hat schnell alle Bereiche des Lebens erfasst. Doch der Blitzstart täuscht, der Wandel ist nur am Anfang so günstig, denn ironisch aber wahr: Nur weil völlig auf Ökologie gepfiffen wird, bietet die Umkehr kaum Hindernisse. Ein bisschen weniger Dünger hier, ein bisschen mehr Papiertüte da, dort öfter Stoßlüften, auch mal das Fahrrad nehmen – die Argumente für Grün liegen auf der Hand und die Kosten bleiben gering.

Eine größere Sinnkrise erlebt die Bewegung erst, als das politische Grün die Macht erlangt. Denn so wenig die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder die Kohlesubventionen streicht oder Atomkraftwerke abschaltet, so scheitert das Dosenpfand des grünen Umweltministers Jürgen Trittin. Was ökologisches Vorzeigeprojekt sein sollte, produziert mehr Schmutz als zuvor, weil die Menschen es wirtschaftlich interpretieren und auch so handeln – nicht ökologisch.

Schon damals gibt es auf politischer Ebene Krach mit der Wirtschaft. Bosse-Genosse Gerhard Schröder und Minister Wolfgang Clement stehen bei Ökosteuer und erneuerbaren Energien gegen Trittin. So unmittelbar in der Politik angekommen, hat die Utopie plötzlich einen Preis, der ganz real zu beziffern ist. Und er ist hoch.

Flipcharts auf den Kompost

Nachdem der erste Post-Ausstiegsminister Norbert Röttgen an der Energiewende scheitert, verliert sich sein Nachfolger Peter Altmaier im Moderieren. Es geht jetzt nur noch schleppend voran, die Solarindustrie steckt seit 2012 tief in der Krise, die Strompreise steigen, Medien und Öffentlichkeit sind zusehends genervt. Und dann kommt die Wahl.

Der danach ausgehandelte Koalitionsvertrag beschert der grünen Idee ihr zweites Desaster. In der Großen Koalition lagern die Christdemokraten die Energiewende an die Sozialdemokraten aus. Die berufen eine Umweltministerin aus NRW, dem Mutterland der Kohle, die fortan Umwelt und Klima schützen soll. Das Wirtschaftsministerium verleibt sich das Energieressort ein.

Die SPD hat die Energiewende damit zur Chefsache gemacht, aber anders, als es der grünen Idee guttun würde. Gefragt, ob Sigmar Gabriel der neue Genosse der Bosse sei, antwortete ein Mitglied des SPD-Parteivorstandes einmal lapidar, es sei der Job des Wirtschaftsministers, sich um die Wirtschaft zu kümmern.

Obendrein streiten sich die Länder um die richtige Umsetzung, wobei richtig sich meist danach richtet, welche Interessen die Landesregierungen haben. Mal ganz grob: Im Norden weht öfter der Wind, im Süden scheint öfter die Sonne, in der Mitte werden häufiger Trassen gebaut. Die verschiedenen Ansprüche, die daraus entstehen, werden mit Kompromissen zusammengebracht, die im Zweifel der Logik folgen: Wenn jeder mehr bekommt, ist jeder zufrieden.

So also sieht heute die Realität aus: Es wird viel gerechnet und verhandelt und nebenbei verbrennt Deutschland mehr Kohle als jemals zuvor. Es wird sein Ziel, die CO2-Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren, nicht erreichen. Die Kosten der Energiewende tragen mehrheitlich die Verbraucher, der Ausbau dringend notwendiger Infrastrukturen kommt kaum voran.

Doch so ein Riesenprojekt ist auch eine Stimmungssache und die Stimmung ist schlecht. Nur mit mehr Überzeugung und Wille wird das was. Beides aber kann die Realpolitik nicht erzeugen, dafür braucht es Ideologie und den Glauben an die Utopie. Wenn der Wandel gelingen soll, muss er zu seinen Anfängen zurückkehren.

Lasst die Haare wachsen und werft die Flipcharts auf den Kompost!

von Sebastian Pfeffer im Namen der Redaktion

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