Die Katholiken müssen mit antiquierten Werten aufräumen. Klaus Wowereit

Hintergrund

Kampfzone Körper

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Zu dünn, zu dick, zu groß, zu klein: Wir arbeiten uns permanent am eigenen Fleische ab und werden doch nicht glücklicher.

Hintergrund

Wir selbst sind unsere größten Feinde. Kein Wunder, denn wir sind schwach und willenlos. Klingt dramatisch? Ist aber wahr, zumindest glaubt das eine große Fitnessstudio-Kette. Unter den Hashtags #derwilleindir und #machdichwahr schauen uns von Plakaten durchtrainierte Männer und Frauen an – beziehungsweise auch nicht an, weil sie zu sehr mit ihrem Training beschäftigt sind.

Hanteln stemmen, Kniebeugen, Joggen auf dem Laufband. Dazu Slogans wie „Zwischen dir und deinem Ziel steht nur eine Person: Du“, oder: „Immer, wenn du in die Knie gehst, stehst du stärker wieder auf“. Klar, denn: „Echte Geschichten werden mit Schweiß geschrieben“.

„Was ist deine Entschuldigung?“

Wer will das nicht: Seinen inneren Schweinehund besiegen, Herr (oder Herrin) seines eigenen Willens sein, Bezwinger des schwachen Fleisches? Das Ideal vom gesunden Geist, der in einem gesunden Körper wohnt, ist heute ins Extreme gesteigert worden. Lediglich „gesund“ zu sein, reicht nicht – wir wollen mehr. Dafür nehmen wir den ständigen Kampf in Kauf, wollen die Grenzen unserer sterblichen Hülle überwinden.

Normal, was ist das schon? Und was soll daran erstrebenswert sein? Wer joggen geht, tut das nicht, um ein bisschen fitter zu werden – sondern, um sich für den nächsten Halbmarathon, besser noch Marathon, anzumelden. Wer sich nach der Paleo-Diät (also wie in der Steinzeit) ernährt, tut das nicht, um ein bisschen schlanker zu werden – sondern, um durch absolutes „clean eating“ den Körper zu formen, zu kontrollieren.

Auf Menschen, die diesem Ideal nicht nacheifern, wird herabgeblickt. Sie sind schwach, haben sich nicht im Griff. „Fat shaming“ meint, übergewichtigen Menschen aufgrund ihres Gewichts ein schlechtes Gewissen einzureden. Denn wer keine hohen Ansprüche an sich selbst und seinen Körper stellt, dessen Geist muss darunter zwangsläufig auch leiden – so die Denke. Körperliche und geistige Fitness sind eins. Doch wehe, jemand verinnerlicht dieses Prinzip zu sehr, prahlt zu sehr mit dem, was er oder sie erreicht hat.

Die Kalifornierin Maria Kang ging 2013 in die Geschichte ein, als sie auf ihrer Facebook-Seite ein Foto von sich und ihren drei kleinen Söhnen postete, einer davon erst acht Monate alt. Kang trägt knappe Sportklamotten, die ihren flachen, durchtrainierten Bauch zeigen. Begleitet wird das Ganze von der provokanten Frage „Was ist deine Entschuldigung?“ Das Foto wurde über 12.000 Mal geteilt, über 16.000 Mal kommentiert – der größte Teil der Kommentatoren warf Kang (nun bekannt als „Fit Mom“) vor, übergewichtige Mütter zu demütigen.

Erst Monate später äußerte Kang sich zu der Kontroverse, enthüllte, dass ihre Mutter extrem übergewichtig war und sie selbst unter einer Essstörung litt. Das Wichtigste sei aber: „Egal, wie viele Kinder du hast, besonders, wenn du arbeitest und versuchst, in Form zu bleiben, musst du dich selbst nicht darin verlieren, eine Mutter zu werden.“ Wenn sie das könnte, so Kang, könnten es andere auch.

Der Shitstorm, den Maria Kang erlebte, ist paradox: Jeder und jede will den perfekten Körper haben – wenn aber andere allzu offensichtlich ihre Fitness¬erfolge feiern und das Ergebnis stolz präsentieren, wird das als „zu viel“ empfunden. Was zeigt, dass wir zunehmend nicht nur gegen uns selbst, sondern auch gegen andere kämpfen. Natürlich gibt es auch dafür schon einen passenden Begriff: „fit shaming“, also Kritik an Menschen aufgrund ihres Fitness-Lifestyles. Fitness-Enthusiasten und solche, die den Hype um Körper und Ernährung nicht nachvollziehen können, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Besessen die einen, faul die anderen? Zumindest haben Erstere den Zeitgeist auf ihrer Seite.

Höher, weiter, schneller, besser

Als Nicolas Sarkozy französischer Präsident wurde, ließ er sich beim morgendlichen Joggen ablichten. Barack Obama engagierte Sam Kass als „Assistant White House Chef“ und „Food Initiative Coordinator“ – Kass kocht gesunde Menüs für die Obamas, legte mit Michelle Obama den ersten großen Gemüsegarten am Weißen Haus an und unterstützte sie beim Kampf für gesundes Essen und gegen Übergewicht bei Kindern.

Auch in Deutschland hält auf höchster politischer Ebene ein neues Körperbewusstsein Einzug. So kreischten Zeitungen im Mai 2014: „Die Merkel-Diät mit Möhrenschiffchen statt Mettbrot“, „Merkels geheimes Diätrezept“ oder schlicht „Angela Merkel macht Diät“ – die Bundeskanzlerin hat abgespeckt und ganz Deutschland nimmt daran Anteil. Rund zehn Kilo soll Merkel schon abgenommen haben und der Diätkurs hält offenbar an, wurden doch bei Sitzungen des CDU-Parteipräsidiums die vormals beliebten Mett- und Käsebrötchen durch Möhren, Paprika und Porree ersetzt. Grüne Inspiration fand Merkel wohl bei der Besichtigung von Michelle ¬Obamas Gemüsegarten Anfang Mai.

Oder im Daft-Punk-Song „Stronger“, wo eine Zeile lautet: „Work it harder, make it better, do it faster, makes us stronger“. Höher, weiter, schneller, besser – das sind die Maxime unserer Zeit. Was nicht tötet, härtet ab. Unser Körper ist zur Arbeit geworden, wir investieren viel Zeit und Geld in ihn. Wer das nicht verstanden hat, kann im Leben nichts erreichen. Und für höhere berufliche Positionen empfiehlt er sich schon gar nicht.

Mehr denn je ist unser Körper unser Kapital. Wer sich dem nicht beugt, kann nur verlieren.

von Julia Korbik im Namen der Redaktion

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Autor

Christian Zippel
28.07.2014
 
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