Wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie will, dann verwehre ich mich ihr. Irvine Welsh

Hintergrund

Krieg mit Worten

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Nie zuvor in der Geschichte war es für Staaten wichtiger, die als gültig anerkannte Version globaler Ereignisse zu prägen. Der Kampf um die Deutungshoheit ist in vollem Gange.

Hintergrund

Sie kennen Stella Liebeck nicht, aber Sie kennen wahrscheinlich ihre Geschichte. Im Winter 1992 fährt die Rentnerin zu einem Fast-Food-Restaurant und bestellt einen Kaffee. Im Auto sitzend, bugsiert sie das kochend heiße Getränk zwischen ihre Beine und nimmt den Deckel ab. Das Getränk entgleitet, der Kaffee spritzt über ihren Unterkörper und verbrennt 16 Prozent ihrer Haut. Die 79-Jährige kommt mit Verbrennungen dritten Grades auf die Intensivstation. Sie verklagt das Restaurant, bekommt Recht und von der Jury eine Entschädigung zugesprochen.

„Schusselige Frau bekommt Millionen für verschütteten Kaffee“ oder „McDonald’s muss gefährliche Produkte entschärfen“: Zwischen diesen extremen Polen schwankte die folgende Berichterstattung. Der Fall Liebeck ist ein prototypisches Beispiel für ein Ereignis, bei dem mehrere Deutungen wahr sind – die sich zwar auf dieselben Fakten berufen, aber doch unterschiedliche Geschichten erzählen; einen anderen Narrativ haben.

Narrativ ist eine wunderbar vielseitig einsetzbare Vokabel, die in etwa „gestrickte Geschichte“ bedeutet. Nicht verfälschte Geschichte, sondern gestrickt, weil sich Fäden zu unterschiedlichen Mustern verflechten lassen, so wie sich die gleichen Fakten zu unterschiedlichen Geschichten zusammenfügen lassen. Wir wollen debattieren, wer im Jahrhundert der Informationen die Narrative globaler Ereignisse prägt und wie um die Deutungshoheit gerungen wird.

Deutungsmacht ist politische Potenz

„Ideen sind mächtiger als Kanonen“, glaubte schon der sowjetische Diktator Josef Stalin und ließ die Zeugnisse historischer Ereignisse retuschieren. Unliebsame Menschen verschwanden in seinem Reich erst von der Bildfläche und kurz darauf von den Fotografien. Die Kontrolle der Geschichte erweist sich als probates Herrschaftsmittel und so definiert George Orwell in seiner Dystopie „1984“ die Zukunft folgerichtig als Produkt ihrer Vergangenheit: „Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit und wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“

In Demokratien ist der Kampf um die Deutungshoheit hingegen ein Kampf aller gegen alle – gleichwohl mit friedlichen Mitteln. Es gibt Regierung und Opposition und ihre jeweilige Propaganda. Es gibt Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit. Öffentliche und private Medien konkurrieren um Zuschauer. Föderalistischer Meinungspluralismus ersetzt zentralistische Deutungshoheit. Die Stärke der Republik ist ihre Fähigkeit, mehr als nur eine Wahrheit zuzulassen.

Politik ohne Rechtfertigung ist in Demokratien idealerweise unmöglich. Doch wenn Informationen selbst in vermeintlich abgeschottete Länder vordringen, geraten auch Autokraten und Diktatoren unter Zugzwang. Von Berlin bis Teheran und von Pjöngjang bis Khartum: Nur wer den Narrativ prägt, kann seine Handlungen legitimieren. Deutungsmacht ist politische Potenz.

Kampf um die Herzen und Köpfe

Niemand ist im Sinne des Narrativs wirkmächtiger als globale Medienmarken. Ein Markt, der in den letzten Jahrzehnten von den Erzählungen der großen, westlichen Medienhäuser geprägt war – keine Sender erreichten mehr Menschen als CNN International, BBC World und Co. Ihre Quellen, ihr „Story Telling“, die Sozialisierung ihrer Journalisten prägten folglich die globalen Erzählungen. Doch sie haben Konkurrenz bekommen. Al Jazeera English erreichte 2007 nach eigenen Angaben bereits 100 Millionen Haushalte. Das war zwar nur grob die Hälfte von CNN, doch die für US-Interessen kritische MENA-Region von Marokko bis Syrien lauscht zunehmend Katar und nicht Washington. Der chinesische Staatssender CCTV beschäftigt heute so viele Auslandsmitarbeiter wie die BBC. Der russische Sender RT (früher Russia Today) hat mit Hunderten von Millionen Klicks auf seine Videos im Internet Rekorde gebrochen. Der Iran lässt nicht nur nach Afghanistan funken, sondern erobert mit Iran Hispan TV gerade auch Lateinamerika.

Ideologie, so der einflussreiche US-Politologe Joseph Nye, ist Teil der „Soft Power“ eines Landes und in der neuen multipolaren Unübersichtlichkeit avanciert die Kontrolle über den Narrativ zu einer Waffe, vor der sich auch Supermächte fürchten. 2011 warnte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton eindringlich vor einem „Infokrieg“. Einem Krieg, von dem sie glaubte, ihr Land sei dabei, ihn gegen ausländische Kräfte zu verlieren. Und vielleicht verhält es sich mit der Bombardierung des Bagdader Büros von Al Jazeera durch US-Truppen 2004 wie mit der Theorie vom Demokratischen Frieden: Wer kein Mitglied im Club der Guten ist, darf auf Schonung nicht hoffen.

In unserer Debatte fragen wir, wie dieser Kampf um das Bewusstsein, um die Köpfe und Herzen der Menschen geführt wird. Welche Waffen zum Einsatz kommen und welche Strategien Erfolg versprechen. Wer behält die Oberhand?

Stella Liebeck starb 2004 im Alter von 91 Jahren. Sie fühlte sich zeitlebens falsch verstanden. Die Erzählung von der gierigen Frau und den Auswüchsen des amerikanischen Justizwesens war für viele Journalisten zu verlockend und ist heute sowohl fester Bestandteil der Popkultur als auch eine dankbare Pointe auf Stehempfängen. Liebeck starb mit dem Gefühl, dass niemand sie verstehen wollte.

von Florian Guckelsberger im Namen der Redaktion

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