Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Hintergrund

Kids statt Kartoffeln

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In die Landwirtschaft investiert die EU viel Geld – in ihre Jugend nicht. Schluss damit!

Hintergrund

Im November 2013 erschien diese Meldung: „EU will Plastiktüten in Supermärkten durch arbeitslose Jugendliche ersetzen.“ Im Text hieß es: „Mit einem revolutionären neuen Konzept will die Europäische Union gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Schon ab kommendem Jahr sollen umweltschädliche Plastiktüten in Supermärkten verboten und durch an der Kasse bereitstehende arbeitslose Jugendliche ersetzt werden. Für ein Entgelt zwischen 10 und 50 Cent müssen diese dann zahlenden Kunden Waren und Lebensmittel nach Hause tragen.“

Ernst gemeint war das Ganze natürlich nicht, dahinter steckte die Satire-Seite „Der Postillon“. Satire hat es an sich, dass sie beißend-spöttisch gesellschaftliche Zustände thematisiert – vor allem Missstände. Weil Humor bekanntlich ist, wenn man trotzdem lacht, würden Millionen arbeitsloser Jugendliche in Europa über den „Postillon“-Vorschlag zumindest schmunzeln. Oder sich fragen, ob sie bereit wären, so einen Job zu machen, um überhaupt wieder irgendetwas zu tun. Angesichts mangelnder Perspektiven erscheint eine Karriere als menschliche Plastiktüte vielleicht gar nicht so abwegig.

Die verlorene Generation

Lösungen für das Problem Jugendarbeitslosigkeit werden dringend gesucht. Wie wäre es mit dieser: Die Milliarden Euro, die wir jährlich in die europäische Landwirtschaft pumpen, investieren wir stattdessen in Europas Jugend. Handlungsbedarf gibt es in diesem Bereich nämlich genug.

In der EU sind rund 7,5 Millionen Europäer unter 25 Jahren arbeitslos. Die Arbeitslosenquote ist aber europaweit sehr unterschiedlich: Der EU-Schnitt beträgt 23,5 Prozent – während Deutschland den Wert mit 7,7 Prozent locker unterbietet, liegt Frankreich mit 25 Prozent darüber. In Griechenland und Spanien würde man sich solche Zahlen wünschen: Dort ist über die Hälfte der Jugend ohne Arbeit. Schon ist von einer „verlorenen Generation“ die Rede – die aber mit der „Lost Generation“ amerikanischer Schriftsteller, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Europa kamen, mit einem Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald oder einer Gertrude Stein nichts zu tun hat.

Für die „Lost Generation“ wurde keine große Konferenz europäischer Staats- und Regierungschefs plus Arbeits- und Sozialminister einberufen – für die „verlorene Generation“ schon. Gefreut haben dürfte letztere sich darüber jedoch kaum. Neben markigen Worten wie „Auf dem Spiel steht die Zukunft einer ganzen Generation“ (François Hollande) oder „Es geht um das Schicksal Europas“ (Angela Merkel) gab es zwar das Versprechen auf 45 Milliarden Euro in den nächsten drei Jahren, die die EU in ihre Jugendlichen investieren will. Aber: Angesichts dessen, was die EU sonst so ausgibt, sind das Peanuts.

In die Bankenrettung flossen 3,2 Billionen Euro. Und rund 40 Prozent des 130 Milliarden Euro umfassenden EU-Haushalts gingen 2013 an die Landwirtschaft: der bei weitem größte Posten im Budget. Milliarden Euro, die dafür aufgewendet werden, vor allem große Agrarbetriebe und -konzerne zu unterstützen. Oder die britische Königsfamilie, die für ihre weitläufigen Güter gerne Geld aus Brüssel nimmt. Die EU hält schützend die Hand über ihre Bauern und schert sich nicht darum, dass zu viel produziert wird: Subventionierte Waren werden einfach mit zusätzlichen finanziellen Hilfen in alle Welt exportiert. So verschließt sich die EU hartnäckig der Tatsache, dass der Agrarsektor an Bedeutung verliert und andere Bereiche Subventionen viel nötiger haben.

Das Goldene Kalb der EU

Es lohnt sich deshalb, über eine Umverteilung nachzudenken. Denn die Investition in junge Europäer ist auch im Sinne der EU. Wie man gerade in Frankreich beobachten kann, wenden sich von ihrer Regierung und der EU enttäuschte Jugendliche in Scharen dem rechtspopulistischen Front National unter Führung Marine Le Pens zu: Die Partei verspricht einfache Lösungen sowie ein offenes Ohr für die Belange junger Staatsbürger – im Gegensatz zur in den Augen der meisten Jugendlichen tatenlosen französischen Regierung. Immerhin, so glauben sie, packt Le Pen Probleme an. Sie punktet mit Sprüchen wie: „Im Süden vor den Toren des Landes: zweihundert Millionen Muslime; dann die Sozialkassen, geplündert durch illegale Einwanderer.“ Frankreich den Franzosen. Bei den anstehenden Wahlen des Europäischen Parlaments hat die rechtspopulistische Allianz von Le Pen, dem Niederländer Geert Wilders und anderen gute Chancen, ein politisches Erdbeben in Brüssel auszulösen.

Geld für Europas Jugend statt für Europas Felder – klingt simpel. Das Problem: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ist das Goldene Kalb der EU. Um sie tobten schon immer die heftigsten Kämpfe. Als in den 1960er-Jahren die Mitgliedsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stärker an der Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben (darunter die GAP) beteiligt werden sollten, passte das Frankreich gar nicht. Subventionen einsacken – ja gerne! Mehr in den Gemeinschaftstopf einzahlen – nein danke! Hinzu kam dann noch die bevorstehende Einführung der qualifizierten Mehrheit im Ministerrat, was Frankreichs Präsident Charles de Gaulle mit der „Politik des leeren Stuhls“ beantwortete: Von Juli 1965 bis Januar 1966 boykottierte die französische Regierung die Sitzungen des Ministerrats. Erst der Luxemburger Kompromiss setzte dem Ganzen ein Ende. Seit damals hat jeder Mitgliedsstaat ein Vetorecht.

Für immer bei Mutti?

Im November 2013 hat das Europäische Parlament eine Reform der GAP verabschiedet – und dabei interessanterweise vorgesehen, dass junge Leute stärker ermutigt werden sollen, in die Landwirtschaft einzusteigen. Immerhin um 25 Prozent sollen die Mittel für diesen Bereich von 2014 bis 2018 erhöht werden. Aber ob das die Millionen arbeitsloser Jugendlicher europaweit in Freudengeheul ausbrechen lassen wird? Junge Menschen, die verzweifelt nach einem Job oder einer Ausbildung suchen, wieder zu Hause eingezogen sind? Und ohne Zukunftsperspektive?

Geld allein ist keine Lösung, aber ein Anfang. Es wird Zeit, das Goldene Kalb zu schlachten.

Am Ende des „Postillon“-Textes heißt es übrigens: „Doch auch wenn sie biologisch weitgehend abbaubar sind, rät die EU-Kommission dazu, arbeitslose Jugendliche nach einmaliger Benutzung nicht einfach gedankenlos wegzuwerfen, sondern sie für künftige Einkäufe zu Hause aufzubewahren. Immerhin wurde viel Geld und Energie in ihre Aufzucht und Bildung investiert.“ Das mag stimmen – wenn es um langfristige Jobperspektiven geht, kann die EU aber ruhig noch was drauflegen.

von Julia Korbik im Namen der Redaktion

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