Europa wird an Einfluss verlieren. Wolfgang Ischinger

Hintergrund

Liebe im 21. Jahrhundert

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Alles bleibt anders beim stärksten Gefühl der Welt. Eine Debatte mit Herzblut.

Hintergrund

Einen Text über Liebe ohne Zitat eines Dichters, Romanciers oder Rockstars zu schreiben, mag töricht sein. Da aber die Liebe das törichste aller Gefühle ist, kann es für die Annäherung an das Thema nicht ganz verkehrt sein, darauf zu verzichten. Wen sollte man auch auswählen, bei etwas, das so alt wie neu ist. Bei dem alles erlaubt ist, solange es nur schön gemacht ist. Ein Thema, zu dem jedes Wort schon einmal gesagt wurde, und doch tausend Bücher nicht ausreichen, um es umfassend zu behandeln.

Liebe ist ein Atavismus: Sie ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, als der Mensch noch nicht Herr über seine Vernunft war. Das Bild der Liebe ist schon seit Jahrtausenden gleich: Ob die alten Griechen nun von Eros sprachen oder eine 14-Jährige heute crazy in love ist. Liebe war und bleibt irrational. Und so hat sich auch an den Gefahren der Liebe wenig verändert, den Elektrozaun der Liebe fassen wir auch zum hundertsten Mal an. So unvernünftig das auch sein mag.

An das Herz kam die Wirtschaft nie heran

Dabei wird seit Beginn der Moderne nach und nach alles Irrationale und alles Unverständliche aus der Gesellschaft getilgt. Aberglaube, Mythen und Illusionen haben längst ihren Zauber verloren. Die Wissenschaft ist der Irrationalität schon lange auf den Fersen. Und selbst dem Menschen innewohnende Ängste, ob reale (Tod) oder irreale (Phobien), bekämpfen wir mit Hilfe von Medizin. Nur die stärkste aller Emotionen bleibt unangetastet.

Und das westliche System hat es geschafft, aus fast allem Unvernünftigen Kapital zu schlagen. Mit Hilfe der irrationalen Zahl Pi werden heute Supercomputer getestet. An den Börsen führt irrationales Verhalten zwar zum Entstehen und Platzen von Blasen, aber auch davon profitiert am Ende immer irgendjemand. Nur die Liebe hat der Kapitalismus noch nicht für sich einnehmen können. Natürlich gibt es einen riesigen Markt, der um sie herum gebaut wurde: von eigenen Industriezweigen bis hin zum kommerzialisierten Feiertag. An das Herz hingegen kam die Wirtschaft nie heran. Käufliche Liebe meint vieles, nie jedoch käufliche Liebe.

Über die Jahrhunderte ist eine gegenläufige Bewegung zu beobachten: Umso freier der Mensch dachte, umso freier die Gesellschaft wurde, desto mehr kettete er sich an die Liebe. Ihre immer tiefere Verwurzelung in der Gesellschaft verlief parallel zur Entfaltung der Freiheit. So wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts nicht in untere Schichten geheiratet. Bis in die 1950er-Jahre galten Hochzeiten aus Liebesgründen als schlechte Basis für eine Familie: Soziale, wirtschaftliche und ethnische Linien würden dabei verwischt.

Der Zwang zur Liebe

Diese Entwicklungen waren aber erst der Anfang. Die Emanzipation der Frau, die zunehmende Akzeptanz unterschiedlicher Beziehungsmodelle und das Aufbrechen des klassischen Familienbildes führen zu einem noch größeren Kreis an Menschen, die lieben dürfen. Es ist fast schon absurd: Eine Gesellschaft gilt dann als besonders frei, wenn jeder Erwachsene jeden Erwachsenen lieben darf. Natürlich steigt aber so auch das Risiko, dass der Einzelne im irrationalen Spiel der Liebe seine persönliche Freiheit einbüßt.

Die gravierendste Änderung ist aber eine andere: Durch die Aufgabe der Ehe als Grundlage der Gesellschaft ist der Zwang weggefallen. In unseren Breitengraden werden Ehen tatsächlich immer häufiger freiwillig geschlossen. Verschwunden ist der Zwang aber nicht, er hat sich nur gewandelt. Aus dem Zwang zu lieben ist der Zwang zur Liebe geworden. Früher wurde mit der christlichen Ehe versprochen: sich zu lieben „bis der Tod einen scheide“, selbst wenn die Hochzeit arrangiert war. Heute muss Liebe nicht mehr in der Ehe stattfinden, ein Teil des Lebens bleibt sie trotzdem.

Noch nie wurden absolute Liebesverweigerer mit so viel Argwohn betrachtet wie heute. Auf welches Unverständnis der Minister Peter Altmaier stieß, als er bekundete: „Ich gehe seit 54 Jahren allein durchs Leben!“ Die Aufregung war deswegen so groß, weil der Reflex einsetzte: Das kann doch nicht sein, dahinter muss er doch irgendetwas verstecken. Unabhängig von der Privatsphäre von Peter Altmaier ist es unvorstellbar, dass der Mensch von heute sich der Liebe entsagt. Der passionierte Single hat immer einen „Ersatz für die Liebe“, und klammheimlich warte er ja doch auf eine Liebesbeziehung.

Die neuen Freiheiten bei der Liebeswahl haben die Menschen nicht genutzt, um den Umgang mit der Liebe zu verbessern. Noch immer sind wir unfähig zu steuern, in wen wir uns verlieben. Ein Unglück können wir ebenso wenig verhindern wie ein Glück konservieren. Die Liebe setzt heute voraus, dass wir unser optimiertes und geregeltes Leben der Amour fou opfern.

Neuropsychologie vs. Bauchgefühl

Viele der Mechanismen sind gleich geblieben, selbst wenn sich die Umstände radikal verändert haben. Wer früher zwanzig Mal zur Dorfmitte marschierte, um „rein zufällig“ auf die Angebetete zu treffen, aktualisiert heute alle zwanzig Sekunden Facebook, um zu sehen, ob die letzte Nachricht schon gelesen wurde.

Wenn darüber diskutiert wird, welchen Platz die Liebe heute hat, dann kann das nur innerhalb dieser Widersprüche passieren: Zwischen absoluter Selbstbestimmung und Liebeswahn; zwischen technischen Einflüssen und uralten Trieben; zwischen Neuropsychologie und Bauchgefühl. Spagate, die nicht mal Jean-Claude Van Damme schaffen würde. Um die Liebe zu verstehen, muss man ihre Vergangenheit kennen, ihre Gegenwart begreifen und ihre Zukunft antizipieren. An dieser Stelle wäre dann wohl ein schlaues Zitat angebracht.

von Max Tholl und Thore Barfuss im Namen der Redaktion

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