Niemandem soll verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben. Ansgar Heveling

Hintergrund

Von 95 Thesen zu 140 Zeichen

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Soziale Medien gibt es schon seit Hunderten von Jahren. Martin Luther hat sie ebenso genutzt wie heute Miley Cyrus.

Hintergrund

Das Datum: Oktober 1517. Mit mehreren Hammerschlägen nageln der Priester Martin Luther und seine Mitstreiter Pamphlete mit 95 lateinischen Proklamationen gegen den Ablasshandel und den Machtmissbrauch in der katholischen Kirche an die Türen der Wittenberger Schlosskirche. Sie wollen die Diskussion mit den städtischen Theologen erzwingen – und werden überrascht vom Echo, das ihr Pamphlet hervorruft.

Bereits einen Monat später machen die Thesen als Handzettel in der Region die Runde. Im Dezember erscheinen gedruckte Reproduktionen in Nürnberg, Leipzig und sogar in Basel. Für das weniger gebildete Volk werden deutsche Übersetzungen angefertigt, die sich rasend schnell nach Norden und Westen verbreiten. „Die Verbreitung übersteigt jede meiner Erwartungen“, schreibt Luther im März 1518 an einen befreundeten Druckereibesitzer – und macht sich sogleich daran, weitere Predigten und Pamphlete in deutscher Sprache zu verlegen.

Von Witten- bis Zuckerberg

Das Datum: Januar 2004. Auf dem Campus der Harvard University in Cambridge: Mark Zuckerberg beginnt, seine Webseite „The Facebook“ zu programmieren. Zehn Jahre später hat das soziale Netzwerk den bestimmten Artikel verloren, über eine Milliarde Nutzer gewonnen, einen Marktwert von mehr als 72 Milliarden Euro und den Ruf, zwischen Kairo und Katzenbildern für so ziemlich jede Revolution und jeden Trend mitverantwortlich zu sein. Knapp 500 Jahre nach Luthers Wittenberger Thesen sind Soziale Medien überall – seit 2013 sogar im Duden. Doch wer glaubt, dass sie ein Phänomen der Neuzeit sind, irrt.

Der Begriff „Social Media“ wurde in den 1990er-Jahren von den Strategen des Onlineportals AOL zum ersten Mal verwendet. Doch schon immer haben sich Menschen die Technologien ihrer Zeit zunutze gemacht, um Nachrichten abseits der klassischen Einwegkommunikation über Freunde und Bekannte zu verbreiten. Jahrhundertelang waren sogar fast alle Medien „sozial“: Wichtige Nachrichten wurden entlang großer Handelsstraßen, von den Kanzeln der Kirchen und durch Lieder, Predigten oder Erzählungen verbreitet. Albrecht Dürer erlangte 1498 europaweite Bekanntheit, weil seine Holzschnitte zur Apokalypse sich günstig kopieren und profitabel verkaufen ließen. Die gedruckte Kunde vom drohenden Weltenbrand fand unter gläubigen Christen einen reißenden Absatz.

Selbst in der Mitte des 18. Jahrhunderts hatten gedruckte Zeitungen kein Informationsmonopol: Als in den britischen Kolonien Nordamerikas der Widerstand gegen den König wuchs, unterdrückten die Briten antimonarchistische Berichte. Unter Decknamen veröffentlichte der bis dahin unbekannte Aktivist Thomas Paine daher am 10. Januar 1776 sein Pamphlet „Common Sense“. Es lieferte die argumentative Blaupause für die Unabhängigkeitsbewegung. Innerhalb weniger Monate wurden mehrere hunderttausend Exemplare verkauft, für Analphabeten werden in den Tavernen öffentliche Vorlesungen abgehalten.

Aus der Perspektive des beginnenden 21. Jahrhunderts ist es verführerisch, Soziale Medien als ein Produkt des Internets zu begreifen, als Zeichen einer digitalisierten und vernetzten Gesellschaft und als Beginn eines zivilisatorischen Umbruchs. Im besten Fall signalisieren sie die Demokratisierung von Wissen und gesellschaftlicher Teilhabe, im schlimmsten Fall unterminieren sie unsere Privatsphäre und kreieren eine von der Jagd nach Klicks dominierte Aufmerksamkeitsökonomie und Informationskakophonie. In der Zuspitzung sind beide Perspektiven falsch – vor allem, weil sich die Grundprinzipien Sozialer Medien nicht auf die Technologie der 2000er-Jahre reduzieren lassen.

Soziale Medien leben vom kollaborativen und partizipativen Austausch von Informationen. Ihr Grundgerüst sind soziale Zirkel und Netzwerke, die nicht nur dem Informationsaustausch dienen, sondern die gesellschaftliche Existenz eines Menschen umschreiben. Wenn Freunde und Bekannte miteinander reden, lassen sich Informationsgewinnung und Beziehungspflege selten sauber trennen. Soziale Medien sind diskursiv, skalierbar und dezentral: Meinungen unterscheiden sich, Netzwerke überschneiden sich, Freundschaften entstehen und zerbrechen. Das galt im Wittenberg des 16. Jahrhunderts genauso wie im Cambridge des 21. Jahrhunderts.

Die eigentliche Anomalie ist weniger die heutige Allgegenwärtigkeit Sozialer Medien im öffentlichen Diskurs, sondern der verengte Medienbegriff der letzten Jahrzehnte. Die Vorstellung, dass Informationen von professionellen Berichterstattern an passive Leser, Zuhörer und Zuschauer kommuniziert werden – zehn Minuten Zeitung am Morgen, zwanzig Minuten Abendnachrichten –, trifft für den Großteil der Zivilisationsgeschichte nicht zu.

Von Teenagern zu Vierzigjährigen

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Dürers Holzschnitten und dem Twitter-Stream von Miley Cyrus. Nur liegt das nicht daran, dass eine Form der Kommunikation „sozialer“ ist als die andere, sondern daran, dass beide aus konkreten historischen Realitäten heraus entstanden sind und die Zeichen ihrer jeweiligen Zeit in sich tragen. Neu ist nicht die Tatsache, dass wir sozial kommunizieren – sondern die Menge an Informationen, die tagtäglich entlang unserer Netzwerke in die Welt hinausgetragen werden oder auf uns einprasseln, und die gesellschaftlichen Normen, die durch solche Kommunikationsformen bedient und verstärkt werden: die Allgegenwärtigkeit von Nachrichten, der Druck der ständigen Erreichbarkeit, die Neudefinition des Freundschaftsbegriffs, der Kollaps von sozialer Nähe und Distanz.

Und auch Soziale Medien verändern sich ständig: Die höchsten Zuwachsraten erzielt Facebook inzwischen bei Über-Vierzigjährigen. Die jüngere Generation findet sich heute auf Instagram, Snapchat – und morgen wahrscheinlich schon wieder woanders. Die Plattformen der Zukunft werden sich so deutlich vom heute Gewohnten unterscheiden wie Facebook und Co. von Luthers Handzetteln – und doch werden sie Teil der gleichen Erzählung sein. Soziale Medien bedienen ein Grundbedürfnis des sozialen Tieres Mensch – heute genauso wie gestern und morgen.

In unserer Debatte tauchen wir dreimal in die Geschichte ein und zeigen, wie alt Soziale Medien wirklich sind.

von Martin Eiermann im Namen der Redaktion

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