Europa ist keine USA mit Krankenversicherung und Louvre, sondern ein Riesenmarkt unter deutscher Hegemonie. Stefan Gärtner

Hintergrund

Den Spieß umdrehen

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Über Immigranten meckert es sich leicht. Doch wie würden sich Deutsche integrieren? Ein Gedankenexperiment.

Hintergrund

Integration geht durch den Magen. Im Gegensatz zu seinem türkischen Pendant enthält der deutsche Döner daher Salat und Kohl, manchmal auch die guten, alten Fritten. So gesehen müsste die Speise eigentlich als Galionsfigur der kulturellen Verständigung gelten. Man nehme Bewährtes, ergänze es durch eine Prise westlicher Kultur und ernte Akzeptanz. Leider ist es nicht so einfach.

Drei Millionen Deutsche in der Türkei

Fernab des gefüllten Fladenbrotes ist Integration einer dieser hitzig debattierten Kampfbegriffe, ein Lieblingsthema des gesamten politischen Spektrums. Das war nicht immer so: Als die Bundes-republik ab den 1960er-Jahren Gastarbeiter anwarb, sorgte der Begriff Integration allenfalls für Achselzucken. Der Autor Max Frisch brachte das Dilemma auf den Punkt: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“

2013 kamen mehr Einwanderer nach Deutschland als in den 20 Jahren zuvor. Die stärksten Zuwächse kamen aus Südeuropa. Und doch sind türkischstämmige Deutsche das Gesicht des Einwanderungslandes Deutschland. Heute leben hier circa drei Millionen Menschen türkischer Herkunft, ungefähr so viele, wie Schleswig-Holstein Einwohner hat. Etwa die Hälfte von ihnen hat einen deutschen Pass.

Sie sind Prüfstein für Integration und Projektionsfläche für allerlei Wünsche und Ängste. Die Gastarbeiter von einst werfen einen langen Schatten, fünfzig Jahre nach den Anwerbeabkommen ist uns ihre Kultur zwar bekannt, aber immer noch fremd.

Während türkische Bäckereien, Supermärkte und Dönerbuden vielerorts zum Stadtbild gehören, fremdeln Deutsche und Türken. Als Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2010 betonte, der Islam gehöre zu Deutschland, rumorte es in den Medien. Das Essen nehmen wir – die Religion lieber nicht. Wulffs Nachfolger Joachim Gauck relativierte dessen Einschätzung inzwischen. Stichworte wie Integration, Einbürgerung und Multikulti verursachen 2014 nicht mehr Achselzucken, sondern Kopfschmerzen.

Gründe dafür gibt es genug. So weltoffen sich Deutschland auch gerne gibt, so sehr verehrt das Land den Westen, und so skeptisch blickt es gen Osten. Oft trübt diese Skepsis den Blick auf die Realität, oft hat sie hässliche Folgen: Die Debatte um Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien ist geprägt von Angstmacherei und hysterischer Berichterstattung. Zuwanderer werden über einen Kamm geschoren und allgemein als Bedrohung betrachtet. „Sozialtourismus“, das Unwort des Jahres 2013, unterstreicht eindrucksvoll, wie tief die Angst vor dem Fremden in deutschen Köpfen verankert ist.

Die türkische Wirtschaft mag wachsen und das Land sich zur Regionalmacht mausern: In Deutschland gibt man sich seiner Hybris hin. Dabei sind Deutsche beim Thema Integration selbst alles andere als glänzende Vorbilder – man denke nur an deutsche Arztpraxen in Antalya oder die Mallorca-Ausgabe der „Bild“-Zeitung.

Wir stellen die Integrationsdebatte in einem Gedankenexperiment auf den Kopf. Wie würden eigentlich drei Millionen Deutsche in der Türkei zurechtkommen? Nicht als Touristen sondern als Bürger dieses ihnen so fremden Landes. Vielleicht können wir so besser nachvollziehen, wie sich Einwanderer in Deutschland fühlen.

Also: Welche urdeutschen Eigenschaften würden das Leben in der Türkei erleichtern? Welche Klischees würde man den Deutschen vorhalten? Würden sich die Brötchen durchsetzen? Und wie würde Fußballdeutschland den Kuss eines Türkendeutschen auf den Halbmond seines Trikots im Spiel kommentieren?

von Lars Mensel im Namen der Redaktion

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