Feigheit vor dem Feind zählt nicht. Peter Tauber

Hintergrund

Teil haben

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Nachhaltig, urban, modern: Das Teilen schickt sich an, den Besitz abzulösen. Doch der Hype um die Sharing Economy stößt an natürliche Grenzen.

Hintergrund

Seit einiger Zeit geht im Internet ein Video um, das für radikales Umdenken wirbt. Der seriös gemachte Clip weist zunächst auf ein Grundproblem hin: In Großstädten ist es schwierig, saubere öffentliche Toiletten zu finden. Ein vorgestelltes Produkt namens „Cloo“ soll Abhilfe schaffen: Es basiert auf einer Gemeinschaft registrierter Nutzer, welche ihre WCs für andere Nutzer zur Verfügung stellen. Drückt beim Gang durch die Stadt die Blase, so kann per Smartphone-App ein freies WC lokalisiert werden. „Wir sind alle Freunde von Freunden“, verkündet das Video, „also ist die Toilette eines Fremden in Wirklichkeit die Toilette des Freundes eines Freundes.“

Der Gedanke erscheint Ihnen absurd? Kein Wunder, denn bei dem Video handelt es sich um einen gut gemachten Scherz. Gut gemacht, weil man ihn gerade noch so glauben kann. Teilen ist angesagt. Es gilt als „sauber, entschieden, urban und postmodern“, berichtet die „New York Times“. Etwas einfach nur zu besitzen dagegen wirkt „öde, selbstverliebt, schüchtern und rückwärtsgewandt“. Solch einen Enthusiasmus kennt man von der eigentlich zurückhaltenden Zeitung kaum.

Teilen ist aber nicht nur ein Hype, sondern eine Idee mit Potenzial. Immer mehr raffinierte Geschäftsmodelle basieren auf der simplen Idee, Güter nicht länger für sich allein zu vereinnahmen. Kunden müssen lediglich ein kleines bisschen umdenken.

Der Siegeszug des Teilens

Der erste Schritt ist ganz leicht: In Großstädten sind die Autos diverser Carsharing-Dienste mittlerweile allgegenwärtig. Ein Auto nur bei Bedarf zu „besitzen“, das leuchtet immer mehr Menschen ein. Geteilt wird aber noch viel mehr: Auf Foodsharing kann man überschüssige Lebensmittel an andere Menschen abgeben. Nachbarn teilen sich eine Internetverbindung oder ihr Werkzeug. Andere teilen gar ihre ganze Wohnung – der populäre Onlinedienst Couchsurfing vermittelt Gratisunterkünfte in aller Welt.

Der Siegeszug des Teilens lässt einen neuen Wirtschaftszweig entstehen. Im Englischen hat sich dafür bereits der Begriff „Sharing Economy“ etabliert, also eine Wirtschaft des Teilens. Wir möchten ihr auf den Grund gehen – und debattieren, wie tiefgreifend dieser Trend unsere Welt verändern kann.

Eigentlich ist Teilen nichts Neues. Was die neuen Konzepte aber von der traditionellen Nachbarschaftshilfe unterscheidet, ist die neue Bereitschaft, mit Fremden zu teilen. Einer der Gründe dafür ist das Internet: Spätestens seit Aufkommen Sozialer Medien wie Facebook und Instagram sind viele Menschen dauerhaft auf Sendung. Geteilt werden Erlebnisse und Gedanken, Selbstporträts und Nachrichten. Unser Verständnis von Öffentlichkeit hat sich dieser neuen Realität längst angepasst: Fremde sind zu „Freunden“ geworden, viele Menschen lassen andere wie selbstverständlich an ihrem Leben teilhaben. Man kann das oberflächlich finden, aber letztlich rücken die Menschen dank Internet ein bisschen enger zusammen. Da ist es eigentlich nur logisch, dass immer mehr von ihnen auch zum Teilen bereit sind.

Statussymbolen von einst entsagen

Das Motiv muss aber nicht notwendigerweise besonders edel sein. Mit Teilen lässt sich Geld verdienen. Denken Sie einmal darüber nach: Im Laufe ihres Lebens wird eine durchschnittliche Bohrmaschine lediglich 13 Minuten genutzt. Das Gerät eignet sich also hervorragend zur Vermietung gegen Geld. Kein Wunder, dass nahezu jedem idealistischen Weltverbesserer mittlerweile ein Konzern gegenübersteht, der am Teilen verdient. War Couchsurfing noch der Ausdruck von Gastfreundschaft, teilen Privateigentümer ihre Wohnungen zunehmend beim amerikanischen Dienst AirBnB – gegen Miete, versteht sich. Auch die großen Automobilkonzerne haben den Trend nicht verpasst: Hinter den Namen populärer Carsharing-Dienste verbergen sich die bekannten Hersteller.

Überhaupt sorgt das Teilen erst auf Herstellerseite für einen Umbruch. Wenn junge Generationen den materiellen Statussymbolen von einst entsagen und stattdessen auf Flexibilität setzen, geraten Hersteller in Zugzwang. Aus Produkten werden Dienstleistungen – und aus Produktion wird Nachhaltigkeit.

Sicherlich kennen Sie die populäre Verschwörungstheorie, dass die ewig brennende Glühbirne oder die unzerstörbare Strumpfhose längst erfunden wurden. Angeblich liegen die Pläne dafür in den Tresoren, doch die Großunternehmen haben keinerlei Interesse an der Produktion. Eine solche Glühbirne würde den Hersteller seiner zukünftigen Geschäftsgrundlage berauben.

Doch stellen Sie sich für einen Moment vor, statt einer Glühbirne nur die Dienstleistung Licht einzukaufen. Hersteller wären nicht mehr dazu angehalten, Sie von der Neuanschaffung zu überzeugen, sondern von der Verlängerung Ihres Mietvertrages. Die Strumpfhosen würden Sie nach Gebrauch weitergeben. Ob für die vieldiskutierte „geplante Obsoleszenz“ in einer solchen Wirtschaft noch Platz wäre? Aus Herstellersicht muss ein Produkt heute möglichst günstig sein und möglichst schnell kaputtgehen. In Zukunft könne es andersherum sein. Vielleicht ist das Teilen deswegen sogar unausweichlich.

Denn angesichts der wachsenden Weltbevölkerung wird ressourcenschonendes Wirtschaften zwangsläufig nötig sein. Es ist schlicht unmöglich, jedem Menschen auf dem Planeten den Traum vom eigenen Auto zu erfüllen. Denkbar, dass die Idee des Teilens also gerade noch zur rechten Zeit kommt – und eine Alternative zum Konsum verspricht. Wäre da nicht der Mensch.

Besitzen steckt in unserem Blut

Doch ist das Teilen wirklich mit dem menschlichen Naturell vereinbar? Wir gehen skeptisch in die Debatte und behaupten: Es gibt klare Grenzen des Teilens. Es ist gut möglich, dass Enthusiasten über das Ziel hinausschießen, wenn sie aufgrund des simplen Aktes des Teilens gleich die jahrtausendealte Geschichte des Besitzes hinweggefegt sehen.

Mit seinem Buch „Sex at Dawn“ hat der Autor Christopher Ryan demonstriert, dass das Teilen schon einmal gang und gäbe war: In der Steinzeit wurden selbst Sexualpartner geteilt. Doch mit dem Aufkommen der Landwirtschaft ging das Teilen zugrunde. Der Besitz hielt Einzug in die menschliche Geschichte, und alles, was vorher geteilt wurde, gehörte nun jemandem. Noch heute werden Ackerflächen abgezäunt und die Ehe als „Bund fürs Leben“ betrachtet. Das Besitzen haben wir über die letzten Jahrhunderte verinnerlicht.

Denkbar, dass uns der Enthusiasmus fürs Teilen also blind für die Realität gemacht hat. Die eigene Toilette möchte man – allen guten Absichten zum Trotz – mit niemandem teilen. Bei den meisten Menschen gilt das gleiche für die große Liebe. Die private Untervermietung von Wohnungen über Onlinedienste ist mittlerweile in vielen Metropolen teilweise illegal. Zu viele Menschen nutzten die Teilwirtschaft, um sich an Touristen zu bereichern – und ließen die innerstädtischen Mietpreise ansteigen. Am Ende des Tages blieb vom Idealismus und der Nachhaltigkeit wenig übrig.

Die Beispiele demonstrieren, dass das Teilen für jeden Lebensbereich neu verhandelt werden muss. Und damit ist eine Debatte über das Teilen auch eine Debatte über unsere Definition von Privatbesitz. Zu welchem Maße sind wir bereit, im Auftrag der Nachhaltigkeit Fremde in unser Leben zu lassen?

von Lars Mensel im Namen der Redaktion

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