Wir können Besteuerung niemals populär machen, aber wir können sie fair machen. Richard Nixon

Hintergrund

Selbst ist die Stadt

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Selbst ist die Stadt Deutschlands Wirtschaftspolitik fehlt der Mut zum Risiko. Ein Problem, das sich lösen lässt: mit einer Modellstadt zum innovativen Experimentieren.

Hintergrund

Konrad Adenauer war nicht nur der erste Kanzler Deutschlands, sondern auch der erfolgreichste. Sagenhafte 50,2 Prozent der Wählerstimmen holte „der Alte“ im Jahr 1957 für seine Partei. Das Erfolgsrezept? „Keine Experimente.“

Dieser berühmte Wahlspruch war nicht nur ­Garant für Zuspruch aus dem Volk. Nach den ­turbulenten Kriegsjahren sehnten sich die Bundesbürger nach Verlässlichkeit und Sicherheit. „Keine Experimente“ war Geisteshaltung. Deutsche ­Tu­genden wie Fleiß und Zuverlässigkeit wurden so hoch angesehen, weil sie dem Leben das ­Risiko nahmen. Und der Kanzler verkörperte Werte, die sich die Republik nach dem Schrecken der Nazizeit gerne selbst zuschrieb: bodenständig, vertrauenswürdig, auf das Bewährte setzend.

Adenauers Schatten ist lang. Noch heute scheut Deutschland das Risiko. Es fehlt Mut für neue Ideen, Mut zum Bruch mit dem Bestehenden. Und vor allem: Mut für Experimente. Der Nährboden für ­Innovationen ist in diesem Land ausgetrocknet, ­versengt von zu viel selbstkreierter Sicherheit.
Deutschland mag viel ersinnen, aber es riskiert wenig. Deutsche Universitäten bringen seit Jahrzehnten talentierte Ingenieure und Techniker ­hervor, aber große Entwicklungen werden verschlafen, Ideen selten zu Ende gedacht. Der Hybridmotor und MP3 wurden zwar in Deutschland erfunden, doch sie brummten zunächst in ­japanischen Autos und verhalfen amerikanischen Abspielgeräten­ zum Kultstatus.

Raum zum Austoben

Diese Angst vor dem Risiko zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. In der Politik ging es um den kleinsten gemeinsamen Nenner. In der Wirtschaft um Tradition. Es ist symptomatisch, dass sich selbst die deutsche Start-up-Branche als zweites Silicon Valley feiert, anstatt ­Etabliertes hinter sich zu lassen. Verlässlichkeit scheut nun einmal Risiko.

Wollen wir aber vorne mitspielen, gehört das Prinzip „Keine Experimente“ folgerichtig in die Mottenkiste. Der Wirtschaftsstandort Deutschland muss raus aus seiner Wohlfühllethargie und rein in eine Renaissance des Risikos.

Paul Romer hätte dafür einige Vorschläge. Seit Jahren führt der US-Ökonom einen Feldzug gegen Althergebrachtes: Regeln und Traditionen, so Romer, begünstigen wirtschaftliche Trägheit und stehen Wachstum vielerorts im Weg. Sein Mittel­ dagegen? Er möchte neue Städte gründen und auf der grünen Wiese Zukunftslabore schaffen.

Romer hat dafür den wohlklingenden Begriff­ „Charter Cities“ ersonnen, gewissermaßen Pachtstädte, in denen andere Regeln für die Wirtschaft gelten. Romer hat für seine Vorschläge eine Menge Kritik einstecken müssen: Weil er ausländischen Firmen in Entwicklungsländern freie Hand ­gewähren wollte, warf man ihm Neokolonialismus vor. Seine Charter Cities wuchsen nie über das Reißbrett hinaus.

Digitales Lernsystem

Übertragen auf Deutschland ist die Idee trotzdem reizvoll. Romer hat richtig erkannt, dass existierende Wirtschaftszentren nicht der ideale Ort für neue Ideen sind: Genau wie eine Fußgängerzone nicht für Chemielabore geeignet ist, erlauben unsere organisch gewachsenen Ballungszentren keine wirklich radikalen Experimente. Eine neue Stadt hat dagegen das Potenzial, Zukunftslabor­ mit Raum zum Austoben zu sein – ohne dass am offenen Herzen der Gesellschaft operiert wird.

Die Sozialwissenschaften sprechen von Pfad­abhängigkeiten, wenn ein Prozess entlang eines eingeschlagenen Weges abläuft. In anderen Wor­ten:­ wenn eine Entwicklung vorhersehbar ist, da ein radikaler Bruch mit dem Bestehenden zu kostspielig ist. „Keine Experimente“ ist unseren Städten ins Fundament gegossen. Um beispielsweise im Nahverkehr – einer Branche mit langer Tradition – Neues auszuprobieren, müssten ganze Straßenzüge aufgerissen werden. Weil das in einer geschäftigen Großstadt undenkbar ist, finden ­Verbesserungen bestenfalls inkrementell statt.

Anders in einer neuen Stadt. Alle Paradigmen der Stadtentwicklung kommen wieder auf den Prüfstand: Straßennetze und Wege könnten ­derart gebaut werden, dass Verkehr effizienter fließt – und beispielsweise Arbeitswege oder Lieferzeiten kürzer werden. Wird eine Stadt neu errichtet, kann völlig neue Infrastruktur verbaut werden: Wie wäre es mit Sensoren, die sich wie ein digitales Nervensystem durch die Stadt ziehen? Wenn Parkplätze dynamisch vergeben werden und Krankenwagen immer die schnellsten Routen fahren, wenn Wohnblöcke gemeinschaftlich beheizt oder gekühlt werden, dann ist der nächste Exportschlager­ nicht mehr weit.

Auch sozial und wirtschaftlich kann eine neue Stadt Akzente setzen: Der umstrittene Mindestlohn oder ein Bürgerhaushalt ließe sich im ­begrenzten Rahmen ausprobieren. Wirtschaftliche Förderprogramme und Pilotprojekte könnten auf kleinem Raum ihre Wirksamkeit beweisen – oder abgeschafft werden, bevor sie auch im Rest der ­Republik scheitern.

Die oft beschworene Nachhaltigkeit würde in der neuen Stadt mit Leben gefüllt werden: Denken wir beispielsweise an die Energiewende, die zwar öffentlich ausgerufen wurde, bislang allerdings mehr frommer Wunsch als Realität ist. Wie eine städtische Stromversorgung in Zukunft aussehen könnte, auf welchen Energiemix sie setzt, all das ließe sich in dieser neuen Stadt erproben.

Damit wäre die Wirtschaftszone attraktiv für Verwaltung und Unternehmen. Was spräche dann dagegen, dass Staat und Dax-Unternehmen jeweils ein Prozent ihres Etats gemeinsam in eine solche Sonderzone stecken? Die so zusammenkommenden Milliarden von Euro würden das Gelände auf Jahre finanzieren – und gemeinsam ein Testgebiet schaffen, wo Risiko in bester deutscher Manier auf verschiedene Schultern verteilt wird. Und für derartige Sicherheitsgemeinschaften war bekanntlich sogar Adenauer zu haben.

von Lars Mensel im Namen der Redaktion

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