Man sollte jungen Mädchen alle Optionen zeigen – auch halbnackt auf einer Abrissbirne zu schwingen. Amanda Palmer

Hintergrund

Wer sie hat, wer sie will

Big_1892108274

Die Macht des Nationalstaats schwindet. An seine Stelle treten andere. Wer sind die neuen Spieler?

Hintergrund

Wang Weilin stoppt einen Panzer. Mehr sogar. Eine ganze Kolonne dieser Ungetüme – jedes 37 verstörende Tonnen schwer – verharrt, weil er es so will.

Es ist der 5. Juni 1989. Peking, China. Das Volk begehrt auf, erhebt sich gegen seine Autokraten. „Tank Man“, so wird Weilin später genannt werden, ist Teil des Gemenges und stellt sich unweit vom Platz des Himmlischen Friedens den Type-59-Panzern der chinesischen Regierung in den Weg. Sie stoppen, er widersteht, das Bild geht um die Welt.

Weilins Geschichte ist nur ein Teil vom epischen im Puzzle der Macht. Wenn sie wirkt, stoppen Panzer, werden Vorgesetzte vor- und Beamte nachsichtig, dann drücken Richter beide Augen zu. Wenn Macht wirkt, wird Absicht verwirklicht.

„Der Tod als Drohung ist die Münze der Macht“, schreibt Literaturnobelpreisträger Elias Canetti und meint die Gewalt des Befehls – eine Ausprägung der Macht, die in seiner weniger drastischen Form Alltag der allermeisten Menschen ist. Einer spricht, die anderen hören zu. Der Chef will, Sie tun. Der Ehepartner wünscht, Sie erfüllen. Die Kinder sollen, Sie befehlen. Hierarchien – unsichtbar und sichtbar – sind die Bedingung des Befehls. Sich beugen, ist oft nur vordergründige Freiwilligkeit.

Aus Schwertern wurden Zugangscodes

Das Sinnen über die Natur der Macht brachte Grübler stets um den Schlaf. Kaum etwas, das sich nicht in ihr begründet. Macht als Bedingung staatlicher Ordnung? Das glaubt Thomas Hobbes, der aus dem Tötungsgleichgewicht der Menschen im Naturzustand die Notwendigkeit absoluter Autorität schlussfolgert. Macht als Begründung der Zivilisation? Das denkt Canetti, der im biblischen Imperativ „Mehret euch“ den logischen Schluss aus dem Kampf gegen wilde Tiere zieht, denen der Mensch nur in der Gruppe überlegen ist. Macht als Begründung der Demokratie? Das behauptet Hannah Arendt, die nichts Gewalttätiges in ihr findet, sondern vielmehr die Herrschaft Gleicher über Gleiche.

Schon in diesem kurzen Überblick wird deutlich, dass Macht neutral verstanden werden muss. Sie entstammt etymologisch dem Können – und was wir machen können, kann gut oder schlecht sein. Die richtende Macht des Schwertes steht der gönnenden oder verzeihenden Macht der Gnade gegenüber – Grundlage dieser Macht ist dann nicht zwingend körperliche Überlegenheit („Geld oder Leben!“), sondern vielmehr eine ­moralische („Ich verzeihe dir“) oder wirtschaftliche ­(„Betrachte deine Schulden als beglichen“).

Ähnlich vielfältig wie die Macht selbst sind die Symbole, mit der wir sie zum Ausdruck bringen. Das Zepter des Königs, der Reichsapfel des ­Kaisers und der Siegelring des Papstes sind traditionelle Bildnisse ein und derselben Aufforderung: Gehorche. Aus Kronen wurden Dienstausweise, aus Schwertern Zugangscodes und aus Pferdekutschen Dienstwagen. Die Chiffre wird aber zu allen Zeiten gleich verstanden. Und sie fasziniert.

Der Staat hat Konkurrenz bekommen

Es ist kein Zufall, dass die beiden größten popkulturellen Erzählungen des 20. Jahrhunderts um die Natur der Macht kreisen: Tolkiens „Herr der Ringe“ und George Lucas’ „Star Wars“. Ersterer wurde nicht nur mehr als 150 Millionen Mal verkauft, sondern diente gleichzeitig auch als Grundlage für eine der erfolgreichsten Romanverfilmungen aller Zeiten. Die Sternkrieger schließlich bevölkern seit mehr als vier Jahrzehnten die Kinderzimmer der Welt und füllen mit ungebrochenem Erfolg die Kassen der Kinobetreiber. Beide Werke – „Herr der Ringe“ und „Star Wars“ – verbindet ihr quasi anatomischer Blick auf den Menschen im Moment der Versuchung der Macht. Frodo Beutlin giert nach dem Ring wie Luke Skywalker der Dunklen Seite die Stärke neidet. Beide straucheln und – so will es Hollywood – entscheiden sich fürs Gute. Auch das ist Macht.

Jenseits der Bücherregale und Kinoleinwände begreifen wir Macht im Allgemeinen heute als die Chance, Regeln zu setzen. Mächtig ist der, der die Richtung bestimmt. Der sagt, wie es zu machen und was zu lassen ist. In der Demokratie also das Volk und – von dessen Macht abgeleitet – der Staat. Doch der Nationalstaat ist schon lange nicht mehr allein auf der Bühne. Er hat Konkurrenz bekommen.

Stellen wir uns Macht, also die Chance zur ­Regelsetzung, als das Meer vor. Ein Gedankenspiel, in dem der Kampf um Macht als Nullsummenspiel verstanden wird. Die Menge an Wasser in diesem Meer bleibt also stets dieselbe. Die Wassermassen­ sind in Bewegung, sie schwappen und schaukeln. Sie branden an Küsten und brechen in Wellen.­ Ihr Aggregatzustand ist nicht immer flüssig: Wasser verdunstet, wird zu Wolken, kondensiert, vernebelt und regnet an anderer Stellen wieder herab. Der Punkt ist folgender: Wer heute Macht ­besitzt, kann morgen kontrolliert werden. Wer heute ­Regeln setzt, muss morgen womöglich anderen folgen.

Das Internet hat einfache Menschen an allen Orten der Welt in die Lage versetzt, ihre Wünsche zu äußern, Publikum zu finden, erhört zu werden.­ Soziale Netzwerke wie Facebook kanalisieren diese Wünsche. Hat der einfache Bürger Macht? ­Welchen Einfluss hat die Crowd? Dank der Frauenbewegung wurde die weibliche Emanzipation auf die Agenda gesetzt und die Frauen ­machen Männern Konkurrenz. Wie wirkt weibliche Macht? Internationale Organisationen koordinieren die Geschicke der Staaten, sind selbst aber nur selten demokratisch legitimiert. Dürfen Weltbank und IWF mehr Macht als einzelne Länder haben? Die Finanzindustrie ist weitverzweigt, undurchsichtig und vorgeblich systemrelevant. Hat Goldman Sachs mehr Macht als Washington D.C.?

Wir fragen in unserer Debatte, wer im angehenden 21. Jahrhundert Macht besitzt. Wir wollen von unseren Autoren wissen, worauf sich diese Macht gründet, welcher Logik sie folgt und was sich ­daraus ergibt. Diese Fragen sind so aktuell wie brisant, denn so gut wie alle Antworten, die wir ­bekommen haben, ­belegen, dass die Macht des klassischen Nationalstaats erodiert.

Umbrüche etablierter Hierarchien gehen nie ohne Schockwellen vonstatten. Die Belagerung der Wall Street durch Globalisierungskritiker. Die Blockadehaltung einer fast schon lächerlichen Minderheit im US-amerikanischen Haushaltsstreit. Die „Too-Big-Too-Fail“-Logik der Rettungs­pakete. Der Aufstieg systemfeindlicher Populisten in der Europäischen Union. Alles Ausdruck ein und desselben Phänomens: Die Macht verändert sich, schwappt an einen anderen Ort. Die Panzer rollen weiter. Wer stellt sich ihnen in den Weg?

von Florian Guckelsberger im Namen der ­Redaktion

zurück

Frauen und Macht

Medium_ddb1ce3369

Vorwärts

Frauen sind prädestiniert für Verantwortung und damit für Macht.

Die Macht der Finanzindustrie

Medium_372b956d9c

Zahlenteufel

Die Finanzindustrie hat es geschafft, der Welt ihre Logik aufzuzwingen. Ihre Macht spiegelt sich nicht in einzelnen Banken, sondern im gesamten System.

Macht und globaler Aktivismus

Medium_016f09831d

Alle Mann an Deck

Von New York bis Mosambik: Eine neue Macht entsteht, die die katastrophalen Folgen der Globalisierung eindämmen kann. Sie muss alle ins rettende Boot holen. Schon aus Selbstinteresse.

Macht im digitalen Zeitalter

Medium_863f54761e

Twitter trifft Grundgesetz

Schumpeter hat uns die Innovation erklärt, Clausewitz den Krieg. Macht erlangt auch im digitalen Zeitalter nur, wer beides ins Feld führt.

Energie ist Macht

Medium_93e601b6db

Völlig übermächtigt

Energie ist Macht – und wir entziehen unserer Umwelt davon mehr als je zuvor. Versiegt die Energie, brechen Imperien zusammen.

Medium_90c111baa5

Historiker

Ian Morris
07.01.2014

Machtverhältnisse wie im Mittelalter

Medium_385a8bca03

Die Rückkehr der Fugger

Die Frage nach der Macht ist uninteressant. Denn wir befinden uns in einem neuen Mittelalter, in dem Einfluss die wichtigste Größe ist.

 
meistgelesen / meistkommentiert