Königshäuser sind Vorreiter der Emanzipation. Julia Melchior

Hintergrund

Und das tut auch gut so!

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Freier, kreativer, reicher: Homosexualität tut jeder Gesellschaft gut. Deshalb: Mehr davon!

Hintergrund

Stellen Sie sich eine Unterhaltung vor, der Sie nur flüchtig folgen. Gibt es ein Wort, das Sie ganz hellhörig werden lässt? Vermutlich Sex. Menschen, Körper, Emotionen – Sex regt die Fantasie an und es geht ums Ganze: Sex schuf uns, Sex ­bestimmt uns.

Allein deshalb wird der Homosexualität so viel Aufmerksamkeit zuteil und genau deshalb löst sie auch Widerstand aus. Denn schwuler oder lesbischer Sex ist anders, er erschafft nichts, sondern bleibt funktionslose Lust. Damit ist er wider die Natur und ihren Schöpfer. So lautet das Muster, mit dem Homosexuelle diskreditiert werden, mit dem man sie verbietet, unterdrückt und Scheußlicheres tut.

Oberflächlich mag diese Argumentation logisch erscheinen, doch schnell kommen Zweifel. Zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell, überall. Waren es und werden es sein. Viele auch bi. Zwar gibt es wohl kein „homosexuelles Gen“, die Vererbung ist komplizierter, aber das Homo ist dem Mensch offenbar in seine DNA geschrieben.

Überleben ist mehr als die Summe befruchteter Eizellen

Warum sollte Homosexualität also ein Fehler sein? Womöglich erschafft sie eben doch etwas, weil das Überleben einer sozialen Spezies mehr ist als die Summe ihrer befruchteten Eizellen. Dann gäbe es gute Gründe zu glauben, dass es einer Gesellschaft gut tut, ein wenig schwul, lesbisch, trans- oder bisexuell zu sein. Womöglich braucht es dann sogar mehr davon.

Der Blick auf die Landkarte zeigt jedenfalls, dass in jenen rund achtzig Ländern, die Homosexualität heute noch unter Strafe stellen, mitnichten paradiesische Landschaften blühen. Die Tatsache, dass es zum Beispiel im Iran offiziell keine Homosexuellen gibt, weil man sie dort seit 1979 tapfer aufknüpft, lässt Gott nicht fröhlich vom Himmel steigen. Genauso wenig wurde diese schwulenfeindliche Nation wirtschaftlich, wissenschaftlich oder kulturell an die Weltspitze katapultiert.

In Deutschland veröffentlicht Rosa von Praunheim 1971 den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Das Werk gilt hierzulande als Initialzündung der Schwulenbewegung und wird nur möglich, weil zwei Jahre zuvor der Strafparagraf 175 gelockert wurde. Vor 1969 war Homosexualität strafbar und führte Tausende Menschen in den Knast.
Praunheims Film wird deshalb zum Aufschrei in einer Zeit, in der selbst viele Homosexuelle noch glauben, dass es richtig sei, nur im Verborgenen zu leben; auf Parkplätzen, in Toilettenhäuschen und Hinterzimmern. Doch dann gründen sich Aktivistengruppen, 1972 demonstrieren in Münster Schwule erstmals öffentlich, 1987 zeigt die „Lindenstraße“ den ersten schwulen Kuss im deutschen TV.

Edel sei der Mensch, hilfreich und schwul

Deutschland ist seither ein reicheres, freieres, kurz: besseres Land geworden. Doch hat das auch mit der fortschreitenden Akzeptanz Homosexueller zu tun? Generell gilt: Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, machen andere biografische Erfahrungen, als solche, die so „normal“ wie die Mehrheit sind. Lesbische Frauen und schwule Männer entwickeln bestimmte Kompetenzen, ­alleine weil sie anders durchs Leben gehen. Wer sein inneres „Coming out“ hat, sich also ­bewusst wird, schwul oder lesbisch zu sein, braucht viel Selbstreflexion. Wer damit an die Öffentlichkeit geht, viel Selbstbewusstsein. Und so fort. Eigenschaften werden entwickelt und der Charakter wird gestärkt. Ohne lesbische Frauen ausschließen zu wollen, könnte man frei nach Goethe sagen: Edel sei der Mensch, hilfreich und schwul.

Geht es bei alldem also nur um Wohl oder Weh einer Minderheit? Nein. Gleiche Rechte für Homosexuelle sind zunächst ein reiner Zugewinn, durch den niemand verliert. Wenn Homosexuelle sich offen ­lieben dürfen, muss sich kein Hetero verstecken. Wenn Homosexuelle heiraten dürfen, ist die heterosexuelle Ehe nicht weniger wert. Wenn Homosexuellen die Adoption erlaubt ist, können heterosexuelle Paare das weiterhin ebenso tun. Alle gewinnen.

Eine Gesellschaft, die Homosexuelle nicht anstandslos akzeptiert, verzichtet deshalb auf viel nützlichen Beitrag. Sie erleidet eine Art brain drain, weil sie so viele Menschen an ihrer freien Entfaltung hindert und sich durch Unterdrückung so viel Energie beraubt. „Russland will seine Schwulen nicht? Sollen sie zu uns kommen!“ – Eine solche Maxime scheint nur die logische Konsequenz. Und es gibt eine rechtliche Basis dafür, spätestens seit der Europäische Gerichtshof im November entschied, dass verfolgte Homosexuelle ein Recht auf Asyl in der EU haben.

Trotzdem wäre es falsch, die Bedenken vieler­ Menschen einfach zu ignorieren. Vermutlich hat Kanzlerin Angela Merkel das gemeint, als sie kürzlich von ihrem „Bauchgefühl“ sprach. Dass man völlige Gleichstellung zwar wollen und ­fordern darf, dabei aber nicht zu sehr aufs Tempo drücken sollte und die überfahren, die sich noch „schwertun“.

Sicher ist: Das hehre Anliegen, einer Minderheit zu gleichen Rechten zu verhelfen, darf nicht selbst in Diskriminierung enden. Auch die Kritiker müssen gehört werden, ohne dass man sie verteufelt.

Deshalb stellen wir diese Forderung zur ­offenen Diskussion: Mehr davon.

von Sebastian Pfeffer im Namen der Redaktion

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