Ideen brauchen keine Waffen, wenn sie die großen Massen überzeugen können. Fidel Castro

Hintergrund

Westwärme

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Der Mythos vom Westen, seiner Einigkeit und Überlegenheit hat Risse bekommen. Ist er immer noch Sehnsuchtsort? Drei Kontinente, drei Antworten.

Hintergrund

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Apfel in die Hand gedrückt, mit dem Hinweis, der westliche Teil des Obstes sei der köstlichste. Rund wie er ist, schauen Sie erst den Apfel an – und dann fragend Ihr Gegenüber. Wie bloß findet man den westlichen Teil einer Kugel?

Wenn wir heute von der westlichen Welt, der westlichen Hemisphäre oder schlicht dem Westen sprechen, haben wir eine Karte vor Augen. Im Zentrum liegt Europa, liegt Deutschland. Zur Linken folgt irgendwann Grönland und dann, nach einer blauen Ewigkeit, die beiden Amerikas. Im Norden die USA und Kanada, im Süden Lateinamerika. Rechterhand finden wir Russland, dann Zentral- und schließlich Ostasien. Dahinter eine kleine Inselgruppe – Japan – und Schluss. Der Westen entzieht sich dem unbedarften Betrachter. Denn schließlich ist auch der Erdapfel rund.

Wer gehört denn eigentlich zu uns?

Der Westen ist eine Projektion unseres Selbstverständnisses. Ein politischer „Spin“ und ein schwammiger Begriff, der vielleicht mehr über uns aussagt als über die geografische Realität. Und – vielleicht am wichtigsten – der Westen ist auch ein normatives Konstrukt, meint: eine ideologische Zugehörigkeit. Marktwirtschaft, Liberalismus, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit: Auch wenn es keine ikonografische Darstellung des Westens gibt, verknüpfen wir mit ihm doch gemeinhin ein Set kultureller Errungenschaften. Werte, von denen wir glauben, dass sie in ihrer Überlegenheit auch dem Nicht-Westen – dem Süden und dem Osten – gut zu Gesicht stünden. Doch sieht das der Rest der Welt auch so?

„Der Westen, das sind wir, wenn wir uns von unserer besten Seite zeigen“ definiert der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel den Begriff. Sein Fachkollege Heinrich August Winkler stellt fest, dass es „gravierende Abweichungen zwischen politischer Praxis und normativen Prämissen“ gab und gibt. Die Sklavenhaltung in Europa und Amerika, die Kolonialisierung großer Teile Afrikas, Lateinamerikas und Asiens, der europäische und insbesondere der deutsche Faschismus oder auch der Irak-Krieg und das Gefangenenlager Guanánamo stehen exemplarisch für diesen partiellen Abfall vom moralischen Ideal. Doch wer Vorbild sein will, muss sich messen lassen. Mit erhobenem Zeigefinger lassen sich westliche Vorstellungen in Beijing, Caracas und Addis Abeba kaum durchsetzen.

Nicht besser steht es um den inneren Zusammenhalt. Zunächst: Wer gehört denn eigentlich zu uns? Die Türkei etwa ist zwar Mitglied der NATO, wird aber vor allem von konservativen Westpolitikern als Teil Asiens betrachtet – es fehlten schlicht die christlichen Wurzeln. Japan wiederum ist zwar shintoistisch geprägt, ihm gelang jedoch ein großer Sprung in die Postmoderne, und das Land wird als demokratischer Rechtsstaat gemeinhin zum Westen gezählt. Mit Lateinamerika wiederum teilen wir sprachliche Wurzeln und christliche Prägung, die neue Linke hat dort jedoch unter Beweis gestellt, dass die politische Kultur doch nicht die des Westens ist. Die geografischen Grenzen des Westens zu ziehen, scheint ähnlich erfolgsversprechend wie der Versuch, den sprichwörtlichen Pudding an die Wand zu nageln.

Ein pragmatischer Ansatz stellt daher die transatlantische Verbindung in den Mittelpunkt. Europa und die Vereinigten Staaten sowie Kanada sind gleichsam der Nukleus des Westens. Dessen historische Genese lässt sich wie folgt beschreiben: Aus dem Christentum wurde im Zuge der Aufklärung Europa ,und aus Europa wurde mit der Entdeckung der Neuen Welt die westliche Zivilisation. Aus Griechenland nach Europa und über den Atlantik – von Plato zur NATO. Im Nachklang des Zweiten Weltkriegs wurde auf Basis kultureller, gesellschaftlicher und politischer Gemeinsamkeiten eine vermeintliche Schicksalsgemeinschaft geschmiedet. Doch sind wir wirklich eins?

Der Westen ist kein monolithischer Block

Allianzen halten dann besonders gut, wenn sie sich an einem „Gegenprinzip“ (Osterhammel) reiben können. Das könnte heute der muslimische Gürtel von Marokko bis Indonesien sein – ein Osten, der übrigens in Teilen geografisch westlicher liegt als viele osteuropäische EU-Staaten. Zu früheren Zeiten war das Gegenprinzip Europas das russische Zarenreich und das Gegenprinzip zum Westen die stalinistische Sowjetunion. Unter deren Druck entstand ein für kurze Zeit selten klar umrissener (politischer) Westen. Doch die bipolare Welt ist mit dem Kollaps des Ostblocks Geschichte, und die Grenzen verschwimmen.

Symbolisch mag dafür der grüne Außenminister Joschka Fischer stehen. „I am not convinced“, sagte er im Vorfeld des Irak-Kriegs. Donald Rumsfeld, damals US-Verteidigungsminister, unterschied daraufhin das alte vom neuen Europa. Die Ausrufung des „pazifischen Jahrhunderts“ durch US-Präsident Barack Obama mag als strategischer Schwenk seine Berechtigung haben. Doch das nun offenkundige aus- und andauernde Ausspionieren vermeintlich bester Freunde lässt sich nur schwer mit dem Bild ideologischer Unität überein bringen. Der Westen ist kein monolithischer Block, diese Erzählung scheint nicht mehr zu tragen.

Westliche Philosophen haben das Nachdenken über die Welt geprägt, westliche Wissenschaftler haben mit ihren Erfindungen die Welt selbst verändert, und westliche Politiker haben der Welt ihren Stempel aufgedrückt. Doch wenn wir vom Westen sprechen, reden wir von einem Konzept, dessen Glaubwürdigkeit und Konsistenz zumindest fraglich ist. Nicht zuletzt die wirtschaftliche und dann politische Krise der letzten fünf Jahre bringt uns an einen Punkt, an dem wir unsere mentale Karte vom Westen vielleicht neu zeichnen, mindestens aber anpassen müssen. Immerhin: Nicht nur Äpfel ähneln einer Kugel, auch „der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“ (Francis Picabia).

Wir haben deshalb drei Autoren aus drei nicht-westlichen Teilen der Erde gefragt, was sie vom „Projekt Westen“ heute halten und ob der Westen immer noch ein Sehnsuchtsort ist.

von Florian Guckelsberger im Namen der Redaktion

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