Es muss uns zu denken geben, wenn Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Wendelin Wiedeking

Hintergrund

Tausendmal gehört

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Verdient es der Schlager, aus der Schmuddelecke geholt zu werden? Eigentlich ist er doch auch nichts anderes als Klassik, Rap, Electro oder Rock.

Hintergrund

Wie ungestüm war der Beifall, der ihm entgegenklatschte! Auch Buketts wurden ihm zu Füßen geworfen! Es war ein erhabener Anblick, wie der Triumphator mit Seelenruhe die Blumensträuße auf sich regnen ließ und endlich, graziös lächelnd, eine rote Kamelia, die er aus einem solchen Bukett hervorzog, an seine Brust steckte. So dachte ich, so erklärte ich mir die Lisztomanie.“

Diese Sätze notierte Heinrich Heine beeindruckt in seinen „Essays“, nachdem er einem Konzert von Franz Liszts Konzerttour 1841/1842 beigewohnt hatte. Der Pianist war der größte Popstar seiner Zeit, mit exzentrischen Auftritte und hysterischen Fans, die sich nichts sehnlicher wünschten als eine seiner Haarlocken.

Seicht, belanglos, peinlich

Heute fällt es schwer, sich diese Lisztomanie vorzustellen, immerhin reden wir von klassischer, sogenannter E-Musik (ernster Musik)! Das ist anspruchsvolle Kunst, ein Hörgenuss! Fan-Manie wie bei Liszt kennen wir nur von der Popmusik, sogenannter U-Musik (unterhaltender Musik), die uns jeden Tag aus dem Radio entgegendudelt. Eingängige Melodien, mal tieftragisch, mal poppig mitreißend – anspruchsvoll ist anders. Als Inbegriff dieser Art von Musik gilt der deutsche Schlager. Seicht, belanglos, peinlich. Da wird vom Abenteuerland gesungen, wo der Eintritt „den Verstand“ kostet. Von „Anita“, die man „irgendwo allein in Mexiko“ trifft. Und von dem Mann, der zu einem gehört „wie mein Name an der Tür“. Kurz: wo sich alles schön reimt und zum Mitklatschen einlädt.

Schlager hat gerade wieder Hochkonjunktur: Beatrice Egli sang sich mit Schlagertiteln zum Sieg bei „Deutschland sucht den Superstar“, was selbst die Jury-Mitglieder Bill und Tom Kaulitz (Tokio Hotel) ziemlich cool fanden. Zu Helene Fischers Auftritten in den großen Stadien der Republik kommen zehntausende Zuschauer. Geboten wird ihnen beste Unterhaltung mit akrobatischen Einlagen und mehrfachem Kleiderwechsel. Und den „Eurovision Song Contest“ guckt man mittlerweile im Rudel auf der Großleinwand: Deutschland, olé. Trotzdem ist Schlager den meisten Leuten peinlich – wenn man ihn hört, dann doch eher „ironisch“.

Dabei verdient der Begriff Schlager es, aus seiner Schmuddelecke geholt zu werden. Denn auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollen: Den Unterschied zwischen E- und U-Musik gibt es nicht mehr. Schon Klassik-Gott Wolfgang Amadeus Mozart betonte, er komponiere „Musick für aller Gattungen leute […] ausgenommen für lange ohren nicht“. Die Musik, die Mozart, Liszt und Co komponierten, war früher Unterhaltungsmusik im besten Sinne.

Für seine Klavierschüler dachte sich Mozart einfache, lebhafte Stücke aus, damit diese was zum Klimpern hatten. Johann Sebastian Bach schrieb seine Kantaten innerhalb weniger Tage, waren sie doch für den wöchentlichen Gottesdienst am Sonntag gedacht, wo das einfache Volk auf den Bänken saß.

Das, was wir uns heute als Meisterstücke der klassischen Kompositionskunst in der Philharmonie anhören, begeisterte im 19. Jahrhundert mitunter so sehr, dass Franz Liszt bei seinen Konzerten auf Bestuhlung verzichtete – sitzen wollte ja sowieso niemand. Was damals ein Event für die Massen war, dient heute als Distinktionsmerkmal, als Zeichen dafür, dass man etwas Besseres ist.

Schlager ist die massentauglichste Form der Populärmusik, er ist so gesehen der neue und einzig wahre Pop. Dabei ist er keineswegs ein Phänomen der Neuzeit: Schon im Mittelalter kursierten Melodien von Kirchenliedern mit lustig-derben Texten, sehr zum Missfallen der Geistlichkeit. Und auch umgekehrt wurden aus Volksliedern Kirchenlieder: Die Melodie „Innsbruck ich muss dich lassen“ fand später Verwendung im Sterbelied „Oh Welt ich muss dich lassen“. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Operette als unterhaltsamere und kurzweiligere Form der Oper beliebt. Einige Operettenstücke entwickelten sich zu richtigen Hits, wurden in Kneipen gesungen und auf dem Grammophon abgespielt.

David Garrett geigt die Unterschiede weg

Über die Jahrzehnte hat der Schlager bewiesen, dass er verschiedenste Einflüsse in sich aufnehmen und daraus etwas machen kann, das den Zeitgeist widerspiegelt und den Massen zugänglich ist. In unserer individualisierten Gesellschaft ist das natürlich nichts, was auf Anklang stößt – wer will schon das gleiche hören wie alle anderen? Mit dem Hören einer Beethoven-Sonate lässt sich mehr Eindruck schinden als mit einem Konzertticket für Andrea Berg. Frei nach Theodor W. Adorno, der behauptete, für Menschen, die Musik nur zur Unterhaltung hören, sei diese „nicht Sinnzusammenhang, sondern Reizquelle“. In seiner „Einleitung in die Musiksoziologie“ schreibt er: „Die Struktur dieser Art des Hörens ähnelt der des Rauchens. Sie wird eher durchʼs Unbehagen beim Abschalten des Radioapparats definiert als durch den sei’s auch noch so bescheidenen Lustgewinn, solange er läuft.“

Dabei ist die Art, wie Musik rezipiert wird, doch immer dieselbe – egal, ob es dabei um Rap, Klassik, Electro oder Pop geht. Musik soll Emotionen auslösen, uns etwas fühlen lassen, uns unterhalten. Wen stört es denn, wenn das eben nicht eine 15-minütige Ouvertüre tut, sondern ein Lied über Herzschmerz und die Suche nach dem Partner für’s Leben? Auch wenn man es sich nicht gerne eingesteht: Die Themen, die im Schlager behandelt werden, sind universell, denn sie sind pure Emotion.

Letztendlich dient die Einteilung in E- und U-Musik nur noch materiellen Interessen: Die GEMA geht von einem höheren Wert der E-Musik aus und schüttet dementsprechend höhere Tantiemensätze für die Nutzung von Werken dieser Gattung aus. Mit dieser Praxis verkennt sie, dass Musik heute alle Grenzen sprengen darf.

David Garrett geigt den angeblichen Unterschied zwischen E- und U-Musik einfach hinweg, der Berliner House-Produzent Felix Rennefeld mixt als Kunstfigur Alexander Marcus elektronische Beats mit Schlagertexten, und einige Texte von Rock-Songs klingen mehr nach Schlager als nach rockiger Attitüde (sind aber meistens auf Englisch und klingen dadurch besser). Schon Kurt Weill hielt von der willkürlichen Einteilungen in E- und U-Musik nichts. Er unterschied lediglich zwischen „guter“ und „schlechter“ Musik. Man könnte auch sagen: Erlaubt ist, was unterhält.

von Julia Korbik im Namen der Redaktion

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