Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu schlagen. Barack Obama

Hintergrund

Mehr Schatten!

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Die Balance zwischen Privatsphäre und Transparenz geht verloren. Das betrifft uns alle, denn ohne Geheimnisse funktionieren weder Politik noch Gesellschaft.

Hintergrund

Als 1844 in Großbritannien darüber gestritten wurde, ob die Regierung das Recht habe, die Briefe der Bürger und Politiker zu durchforsten, gab sich der spätere Premier Benjamin Disraeli gelassen. Das Innenministerium dürfe gerne seine Briefe lesen. Dann sollten sie diese aber bitte auch direkt beantworten.

Heute gehen wir mit der Geheimhaltung nicht mehr pragmatisch, sondern ambivalent um. Während wir uns einerseits gegen staatliche Schnüffelei wehren, stellen wir gleichzeitig unser gesamtes Leben im Internet zur Schau: Ob Fotos vom feuchtfröhlichen Freitagabend, der persönliche Freundeskreis oder der aktuelle Beziehungsstatus. Nur um anschließend in Schwerstarbeit möglichst viele Spuren wieder zu verwischen. Auch den zunehmenden Datenhandel großer Unternehmen nehmen wir oft genug achselzuckend in Kauf.

Wir beugen uns dem Diktat der Transparenz und verlieren dabei etwas, das die Gesellschaft lange zusammengehalten hat: das Geheimnis. Eine gefährliche Entwicklung, der wir Einhalt gebieten müssen.

Unter Nudisten ist jeder nackt

Aber wieso also unterlassen wir diese Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken nicht einfach von vornherein? Weil: Wer sich heute nicht auf Facebook profiliert oder die Offenlegung aller staatlichen Geheimnisse fordert, schnell als Sozialspießer oder Naivling gilt. Die Logik dahinter: Wer nichts zu verstecken hat, kann alles zeigen. Unter Nudisten ist schließlich jeder nackt. Entblößung verliert ihren Schrecken und wird zur sozialen Norm.

Nirgends ist die Gefahr absoluter Transparenz so offensichtlich wie in der Politik, der unter den wachsamen Blicken der Bevölkerung zusehends die Rückzugsorte abhanden kommen. Die gläserne Reichstagskuppel dient nicht nur dem Einblick, sondern verbildlicht auch den öffentlichen Zugang zu den hier getroffenen Entscheidungen. Transparenz soll das verlorene Vertrauen der Bürger in die Politik ersetzen. Denn: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Doch je durchsichtiger die Politik wird, umso deutlicher werden ihre Mängel. Hier beginnt ein Teufelskreis aus schwindendem Vertrauen und der Forderung nach noch mehr Transparenz.

Eine weitere Gefahr droht: Als der ehemalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker sagte, Politiker müssten im Ernstfall lügen oder schweigen, um nicht zum Brandbeschleuniger zu werden, wurde er scharf kritisiert. Doch er hat Recht – auch wenn es eine unbequeme Wahrheit ist. Wenn jedes Wort, jede Betonung, jede Nuance entscheidend ist, kann im Dickicht der Politik schnell ein Flächenbrand entstehen. „Die Spareinlagen sind sicher“, haben Merkel und Steinbrück 2008 behauptet. Ob wahr oder nicht: Die Worte wirkten wie ein Feuerlöscher.

Das demonstriert: Nicht alle Geheimnisse sind schädlich. So ist nicht das politische Geheimnis problematisch, sondern nur dessen Missbrauch. Es kommt auf Rechtfertigung und Nutzen der Geheimhaltung an – das unterscheidet Demokratien von Diktaturen. Macht braucht Geheimnisse, und Politik ohne Macht gibt es nicht.

Was für die Politik gilt, gilt auch für den Einzelnen und die Gesellschaft. „Das Geheimnis ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit“, so das Urteil des Soziologen Georg Simmel. Tatsächlich, wie könnten wir ohne Geheimnisse funktionieren? Sie dienen uns doch als Rückzugsort, Schutzmechanismus und Machtinstrument. Das Geheimnis ist der Zement, der uns als Gesellschaft zusammenhält. Denn so sehr das Verschleierte Misstrauen schürt, kann es auch die Basis für Vertrauen sein. Geheimnisse zu teilen, bekräftigt emotionale Nähe zwischen Menschen. Das Geheimnis wird so zur Währung der Intimität. Wer jedoch alles über sich preisgibt, verliert seine Anziehung. Denn es ist gerade das Geheimnisvolle, das uns fasziniert und fesselt: Der Zauber des Sich-Verliebens, des Sich-Kennenlernens lebt geradezu vom Geheimnis, und damit der Individualität und Einzigartigkeit eines Jeden.

Das Geheimnis hat einen schlechten Ruf

Der Politologe Herfried Münkler schreibt: „Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse würde sich an sich selbst zu Tode langweilen.“ Sie wäre bestenfalls so spannend wie eine Tatortfolge, bei der Zuschauer von Beginn an wissen, wer was wann wieso getan hat. Spannung entsteht erst, wenn das Sichtbare konturlos wird, wenn wir uns unserer Wahrnehmung nicht mehr sicher sind. Da Vincis Mona Lisa wurde nicht nur wegen der Ästhetik des Bildes zur Ikone, sondern auch wegen ihres rätselhaften Lächelns.

„Der Zauber weicht der Zahl“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han über diesen Drang, alles Geheimnisvolle ins Flutlicht zu zerren. Er meint: Kein Geheimnis bleibt geheim, keine Frage unbeantwortet. Der gläserne Staat und der gläserne Bürger sind dann zwar transparent, aber dadurch auch zerbrechlich. Wir befinden uns bereits auf halber Strecke zur durchsichtigen Gesellschaft und sollten deshalb darüber debattieren, ob wir am Ende nicht mehr verlieren als gewinnen.

Das Geheimnis hat einen schlechten Ruf. Wer heute ein Geheimnis hat, dem wird erstmal böse Absicht unterstellt. Gute Absichten muss man schließlich nicht geheim halten. Dabei geht es bei der Geheimnistuerei nicht zwingend um Intrigen oder Lügen, sondern um bloßes Verschweigen. Geheimhaltung an sich ist neutral. Früher war Schweigen Gold, heute macht es verdächtig. Höchste Zeit, das Geheimnis zu rehabilitieren und es wieder zu dem zu machen, was es einst war: ein Schmiermittel, ohne das weder Politik, Gesellschaft noch der Einzelne so richtig funktionieren.

von Max Tholl im Namen der Redaktion

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