Es ist gar nicht wahr, dass die Jugend vor allem an Konsum und an Genuss denkt. Joseph Ratzinger

Hintergrund

Ode an die Freunde

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Alle Menschen brauchen Freunde. Doch bei bei Freundschaften in der Politik keimt schnell der Verdacht: Seilschaften, Vetternwirtschaft und so fort. Warum eigentlich? Wir haben Berufspolitiker gefragt, wie sie es mit der Freundschaft so halten.

Hintergrund

Freundschaft zwischen Politikern finden viele Wähler suspekt: Sind solche Kumpeleien nicht das Einfallstor für Mauschelei und Nepotismus? Dabei gilt die Freundschaft seit Generationen als hohes Gut. Wer mag schon ohne Freund durch das Leben gehen? Es gibt Lieder, die die Freundschaft feiern, Filme und Gedichte. Viele Magazine beschreiben den Freundeskreis sogar schon als die neue Familie.

Warum sollen ausgerechnet Politikerinnen und Politiker nicht ganz gewöhnlich das pflegen können oder gar dürfen, was für alle anderen Menschen unabhängig ihres Berufsstands außer Frage steht? Freunde kann man sich aussuchen – anders als die Familie, in die man hineingeboren wird. Dabei steht man vor der Wahl: Sind die Freunde Wiedergänger von einem selbst, oder lebt die Freundschaft gerade aus der Spannung, die entsteht, wenn man unterschiedliche Biographien, Überzeugungen und Vorstellungen hat?

Gleichen Freunde einander wie Spiegelbilder, sind sie immer Konkurrenten. Sind sie der totale Gegenentwurf, sind sie lebenslange Herausforderungen. Beide Formen der Freundschaft gibt es nicht gratis, sondern sind das Ergebnis geliehenen und geschenkten Vertrauens, von Nachsicht und von viel harter Arbeit.

Angst um den Markenkern

Fallen die freundschaftlichen Beziehungen von Politikern in eine andere als eine der beiden genannten Kategorien, oder bilden sie eine eigene Kategorie, was ja anzunehmen wäre, nimmt man den Argwohn des Wahlvolkes gegenüber dieser Sorte Freundschaft ernst?

Der Freund in der Politik kann einer aus der eigenen Partei oder ein Angehöriger einer anderen Partei sein. Ein Spiegelbild jedoch kann es eigentlich nur in den eigenen Reihen geben – da herrscht Konkurrenz um die Positionen, die man im öffentlichen Raum vertritt. Beide streiten dann um Aufmerksamkeit innerhalb ihrer Gruppe und bei den Wählern. Ein Gegenentwurf ist sowohl in der eigenen als auch in den konkurrierenden Parteien denkbar. Die Unterschiede zwischen einem linken und einem konservativen Sozialdemokraten könnten bisweilen kaum größer sein. Letzterer hätte wohl eher Überschneidung mit einem moderaten CDUler als mit seinen Genossen.

Politische Spiegelbilder findet man in einer anderen Partei nicht. Dafür kann man in einem Meer voller Herausforderungen baden: Unterschiedliche Grundausrichtung oder Auseinandersetzungen in Parlamentsdebatten und den Ausschüssen des Bundestages. Ist Freundschaft da überhaupt möglich?

Peter Struck (SPD) und Volker Kauder (CDU) waren ein Beispiel für eine solche Freundschaft. Sie wurden Freunde in einer Zeit, in der eine neue und schwierige Konstellation ihre beiden Parteien in einem Regierungsbündnis aufeinander verpflichtete. Das Vertrauensverhältnis, das die beiden bis zum Tod von Peter Struck verband, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Große Koalition vier volle Jahre gehalten hat. Die Stammwähler beider Volksparteien haben das nicht unisono goutiert. Der eigene Markenkern könnte zerbröseln, so die Befürchtung, wenn man mit einem politischen Konkurrenten auch noch befreundet ist.

Ein weiteres Beispiel: Claudia Roth (Grüne) und Günther Beckstein (CSU) sind eines der bekannten exotischen Freundespaare in der deutschen Politik. Die Claudia mag am Günther, dass er zuhören und auf Menschen mit anderen Überzeugungen zugehen kann. Der Günther mag an der Claudia, dass sie zu ihren Überzeugungen steht und sie bestimmt vertritt. Eine weiß-blau-grüne Koalition haben die beiden im südlichsten Freistaat (noch) nicht angezettelt. Verwunderung haben sie aber gestiftet – bei den Anhängern ihrer Parteien und in ihren Parteien selber.

Politiker haben ein Recht auf Freunde

Es gibt auch Politiker, denen selbst die Freundschaft an ihrem Arbeitsplatz suspekt ist. Diese Zurückhaltung speist sich zum einen aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Souverän, zum anderen schwingt hier auch die Erinnerung an die Verletzungen mit, die sich Menschen in der Politik im Laufe ihrer Karriere zufügen. Franz Müntefering sagte beispielsweise, er sei „nicht so der Kumpeltyp“, und angebliche Freunde aus anderen Parteien würde er eher als „angenehme Bekanntschaften“ bezeichnen.

Freundschaft kommt am Arbeitsplatz Politik sicher genauso häufig vor wie an anderen Arbeitsplätzen. Nicht mit jedem Kollegen möchte man am Tresen sitzen oder sich ein Fußballspiel anschauen. Läuft aber die Arbeit nicht mit jenen Menschen, mit denen man befreundet ist, denen man Vertrauen schenkt, besser? Politik ist ein Geschäft, das auf verlässlichen Absprachen beruht. Innerhalb einer Parlamentsfraktion, innerhalb einer Regierung und bisweilen auch zwischen den Regierungs- und Oppositionsfraktionen im Parlament. Das Vertrauensverhältnis zwischen befreundeten Politikern ist das Fluidum, das politische Prozesse beschleunigen kann, wie die Beiträge in der folgenden Debatte zeigen. Wir sollten umdenken: Die von uns gewählten ParlamentarierInnen haben ein Recht auf Freunde in der Politik.

von Alexander Görlach im Namen der Redaktion

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