Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen. Margot Käßmann

Hintergrund

Voll beschäftigt

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Maschinen und Algorithmen ersetzen den Menschen am Arbeitsplatz. Macht aber nichts – denn so haben wir endlich Zeit für die wichtigen Dinge im Leben.

Hintergrund

Wer arbeitet, der darf essen. Dieser Zusammenhang ist für unsere Kultur grundlegend. Das Arbeiten diente in der westlichen Welt bis zum Beginn der industriellen Revolution der Herstellung von Brot, danach dem Erwerb des Brotes. Der Zusammenhang von Arbeit und Essen ist seitdem immer schwächer geworden. Die allerwenigsten Menschen haben heute noch irgendetwas mit Nahrungserzeugung zu tun. Essen ist verfügbar, liegt aus, ist käuflich.

Ist dieser primäre Sinn von Arbeit erfüllt, dann nährt sie einen großen Anspruch: Arbeit soll Sinn stiften. Der tschechische Ökonom und Philosoph Tomáš Sedláek weist in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ darauf hin, dass auch die ersten Menschen im Paradies gearbeitet hätten. Erst mit der Vertreibung aus dem Garten Eden wurde aus der Arbeit eine Mühsal: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“. Die ursprüngliche Bedeutung des Arbeitens lag nach dieser biblischen Lesart darin, dass der Mensch sich seines eigenen schöpferischen Potenzials bewusst wurde. Brotverzehr und Arbeitsleistung hatten nichts miteinander zu tun.

An dieser Stelle sind wir heute wieder. Arbeit, die Mühsal bereitet, wird mehr und mehr von Maschinen geleistet. Diese Beobachtung ist nicht neu. Aber ihre Übersetzung aus der Philosophie oder der Literatur in die Politik hat noch nicht einmal im Ansatz begonnen.

In der Rhetorik derer, die uns regieren, gilt immer noch der Zusammenhang von Arbeit und Essen. Mehr noch: Es gilt die Verschärfung dieses Diktums, die der bisweilen stur auftretende Apostel Paulus uns ins Stammbuch geschrieben hat: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ (2 Thess. 3,10). Daraus leiten sich realpolitische Programmatiken wie die vom „Fördern und Fordern“ der Hartz-IV-Epoche ebenso ab wie die immer noch kursierende Behauptung einer möglichen Vollbeschäftigung. Beides fußt auf einer falschen Grundannahme: Dass genug Arbeit für alle da wäre. Genauer gesagt: Genug Erwerbsarbeit.

Jeder kann essen, ohne dafür arbeiten zu müssen

Wir müssen unsere westlichen Gesellschaften umbauen. Und zwar so, dass wir von der in ihnen so tief verankerten Vorstellung einer Erwerbstätigkeit wegkommen, die unabdingbar ist, damit der Einzelne seinen Wert erhält und die Gesellschaft als soziales Ganzes funktionstüchtig ist. Unser Bruttoinlandsprodukt wird gemessen als Leistung, die die Menschen, die in Deutschland leben, durch ihre Arbeit erwirtschaften. Das liefert kein vollständiges Bild: Denn das meiste unserer Wirtschaftsleistung wird von Maschinen erwirtschaftet. Deshalb hat Frank Rieger vom Chaos Computer Club eine „Automatisierungsdividende“ gefordert und diesen Begriff geprägt. Dividende meint eine Ausschüttung, die an alle Bewohner einer Bruttoinlandsprodukt-Gemeinschaft ausgezahlt wird. Denn diese Maschinen erwirtschaften den Wohlstand eines Gemeinwesens mit. Sie werden von einigen wenigen entwickelt und künftig von noch wenigeren bedient werden. Die nüchterne Folge ist, dass es nicht mehr genügend Erwerbstätigkeit geben wird.

Das zu erfindende und politisch durchzusetzende Grundeinkommen muss dem Zusammenhang von Erwerb und Tätigkeit den Garaus machen. Und sollte gerade deshalb in Form von freien Nahrungsmitteln für alle ausgezahlt werden! Mit keiner anderer Maßnahme macht man deutlicher, dass das paulinische Diktum obsolet geworden ist. Jeder kann essen, ohne dafür arbeiten zu müssen.

Damit stellen wir keineswegs wieder den paradiesischen Zustand her. Denn die Sinndimension von Arbeit ist nicht irrelevant geworden – sie wird doppelt so wichtig, weil sie die einzige Bedeutung von Arbeit bleibt. Mit welcher Form der Beschäftigung wir den Tag herumbringen werden, wenn wir für unsere Nahrung nicht mehr arbeiten müssen, ist offen: Werden wir alle Dichter, Philosophen, Sportler, Müßiggänger?

Klar ist: Auch künftig werden die verschiedenen Talente deutlich hervortreten und ebenso die charakterliche Disposition ihrer Träger, aus diesen Talenten etwas zu machen, oder doch lieber den ganzen Tag im Park spazieren zu gehen. Wehe dem, der dieser Entwicklung mit einer politischen Ideologie der Gleichmacherei begegnen will!

Vollbeschäftigung ist passé

Es wird also auch in der neuen Gesellschaftsform ein Ungleichgewicht geben zwischen denen, die etwas aus ihren Talenten zu machen vermögen, und den anderen. Daneben steht eine Ungleichheit mit den Menschen, die in anderen Regionen der Erde leben, in denen noch gearbeitet werden muss, um zu essen. Das gilt, zur Erinnerung, nach wie vor für den überwältigenden Großteil der Erdbevölkerung.

Der englische Schriftsteller Charles Percy Snow bemerkte dazu schon 1959 in seiner berühmt gewordenen Rede „The Two Cultures“, dass die Automatisierung der Wirtschaft nicht ein exklusiv auf den Okzident beschränktes Phänomen bleiben werde. Länder wie Indien und China würden ganz gewiss daran anschließen. Snow sollte Recht behalten, wie wir heute wissen.
Wir sehen: Vollbeschäftigung ist passé, Vollernährung lautet das unserer Entwicklung angemessene Ziel. Snow sagte, dass für ein Ziel wie dieses etliche zehntausende Menschen nötig wären, um unsere Erkenntnisse mit den Menschen anderer Zonen und Kulturen teilen zu können. Er träumte von einer globalen Kultur der Zusammenarbeit. Das klingt nach jeder Menge Jobs mit einem tieferen Sinn.

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