Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Hintergrund

Verpasst, verdrängt, vergessen

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23 Jahre nach Kriegsende rissen die 68er die Mauer des Schweigens ein. Auch heute, 23 Jahre nach Ende der zweiten deutschen Diktatur, ist vieles ungesagt geblieben. Wo sind die neuen Aufklärer?

Hintergrund

Die Medizin kennt bei der Behandlung von Knochenbrüchen drei Phasen. Zunächst die Reposition, die Knochenteile müssen wieder in die richtige Stellung gebracht werden. Darauf folgt die Retention, es muss verhindert werden, dass sich die Knochen wieder auseinander bewegen. Und als drittes die Rehabilitation, von Anfang an muss an der Wiederherstellung der vollen Beweglichkeit gearbeitet werden. Der kollektive Bruch der geteilten deutschen Gesellschaft wurde 1990 zwar aus der Portokasse gegipst, aber die Schiene zum Fixieren des Bruchs wird nur zweimal jährlich – im Oktober und November – getragen. Und bei der Reha hat sich der Patient Deutschland auch nie blicken lassen.

Wenn heute über Aufarbeitung oder Bewältigung der deutsch-deutschen Vergangenheit gesprochen wird, ist das ein Garant für Desinteresse. Desinteresse bei den Alten, die sich noch immer in Kalter-Krieg-Rhetorik auf die eine oder andere Seite stellen. Desinteresse bei den Mittelalten, die lieber in Ostalgie oder Ignoranz verfallen. Und vor allem – und das ist wohl das schlimmste – Desinteresse bei den Jüngeren und daraus resultierendes Unwissen.

Desinteresse trifft auf Unwissen

Mag auf wirtschaftlicher Ebene, bei Wohlstand und Gehältern, eine langsame Annäherung stattfinden, herrschen überall sonst klammheimliche Nichtangriffspakte. Zu selten kritisiert jemand, wenn mutmaßliche Verbrecher aus der DDR in hohen gesellschaftlichen Positionen sitzen. Zu selten kritisiert jemand die westdeutschen Ausbeuter, die nach Maueröffnung alles an sich rissen, was nicht niet- und nagelfest war. Es sind die üblichen Verdächtigen auf beiden Seiten, die sich seit Jahren die immer gleichen Vorwürfe machen. Der Rest hält sich raus.

Wenn auf intellektueller Ebene aber nicht gestritten, angeklagt und verziehen wird, kann das in der breiten Bevölkerung gar nicht anders sein. Wenig ist klischeebehafteter als das Bild, das die Deutschen in Ost und West voneinander haben. Diese Engstirnigkeit ist den älteren Generationen bei allem, was sie erlebt haben, noch zu verzeihen. Aber so wäre es ja eigentlich an den Jüngeren, die Aufarbeitung voranzutreiben. Und sei es nur durch konsequentes Fragen.

Doch da liegt das größte Problem. Stellen Studien bei Jugendlichen zwar noch ein generelles Interesse an der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fest, herrscht aber gleichzeitig ein phänomenales Nichtwissen über die DDR – vor allem im Westen. Das liegt zum einen am Lehrplan: In den Schulen wird immer noch hauptsächlich über die NS-Zeit gesprochen. Und zum anderen liegt es am Personal: Im Osten arbeiten teilweise immer noch DDR-Lehrer; in Schulen im Westen wird das Thema ignoriert. Eine plumpe Pädagogenschelte ist aber bei solch großen Problemen wenig zielführend. Auf politischer Seite müssen erstmal die Lehrpläne umgestaltet werden, vor allem aber muss auf gesellschaftlicher Seite die Diskussion neu entfacht und anders als bisher geführt werden. Das sind die Grundbedingungen, um Wissen und Interesse für die gemeinsame und geteilte Vergangenheit zu vermitteln.

Wo sind die 2013er?

Nur wenigen wird aufgefallen sein, dass sich unser Land an einem vergleichbaren Zeitpunkt befindet wie 1968: 23 Jahre nach dem Ende einer Diktatur auf deutschem Boden. DDR und Nazi-Regime sind nicht gleichzusetzen, doch zeigen sich klare Parallelen. Es geht um Aufarbeitung der Vergangenheit, es geht um Kollektiv- und Einzelschuld, und es geht um Fehler, die bei der Aufarbeitung schon gemacht wurden.

Doch wo sind die neuen Aufklärer? Nach der 1968er-Generation von heute sucht man vergeblich. Wo damals die Studentenbewegung im Westen und die Protest-Jugend im Osten die Gesellschaft wachrüttelten, ist heute ein Vakuum. Ein Vakuum, das nur Wir füllen können. Wir ist in diesem Fall kein Wort, hinter dem sich ein Einzelner verstecken kann. Wir sind alle Deutschen zusammen und jeder für sich. Die Aufarbeitung ist eine große Aufgabe. Eine, die nur gemeinsam bewältigt werden kann. Unsere Debatte soll dazu einen Anstoß liefern.

Denn wenn Wir nicht mit der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Vergangenheit beginnen, dann droht der kollektive Bruch nie richtig zu verheilen. Nur wenn 2013 alle Schienen angezogen und die täglichen Sportübungen gemacht werden, können Wir irgendwann mal mit Fug und Recht behaupten: Es wuchs zusammen, was zusammengehört.

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