Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Hintergrund

Der Platz an der Sonne

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Eine Energiewende muss man sich auch leisten können. Nicht jedes Land ist so wohlhabend, dass es auf billige Energie verzichten kann. Die Welt schaut deshalb auf Deutschland – mit Neid, Ärger, Wohlwollen und Respekt. Vier Länder, vier Stimmen.

Hintergrund

Das Jahr 2050, mitten in Deutschland. Marie schließt die Haustür, es ist acht Uhr früh, das solaranlagenbedeckte Dach reflektiert Sonnenstrahlen in ihr Gesicht. Marie saugt Luft ein, die wie Wandern in den Alpen schmeckt, steigt ins Elektroauto und summt los, fährt vorbei an Windparks und noch mehr Gebäuden, von denen die Sonne blitzt. Die Ruine von Biblis funkelt am Horizont. Nur die Kühltürme stehen noch, Solarmodule bedecken ihre Flanken.

Dasselbe Jahr, derselbe Ort und doch ist alles anders. Marie lebt längst nicht mehr hier, ihr Haus verfällt. Wie abertausend Andere ist sie evakuiert worden. Absperrbänder flattern schwarz-gelb im Wind. Wo einst Biblis stand, schläft das Land.

Haben die Deutschen richtig entschieden?

Die Atomkraft wird in Deutschland in Extremen gedacht: Entweder oder, Ausstieg oder Gau. Zu selten bewegt sich die Debatte in der Mitte dieses Spektrums. Die Deutschen sind reich, und Energie ist für sie eine Frage des Gewissens. Die Angst stimuliert Gedanken: Kommt es über kurz oder lang irgendwo auf der Welt zu einem neuen Fukushima? Wer weiß. Auch in Deutschland? Könnte doch sein.

Menschen schätzen Risiken nicht rational ein. „Angst ist selektiv“, sagt der Risikoforscher Hans Mathias Kepplinger. Die Leute fürchteten den Tod im Flugzeug mehr als den im Auto. Dabei ist die Gefahr, am Steuer zu sterben, deutlich höher. Kepplinger und andere erklären diese falsche Furcht mit der Funktionslogik menschlicher Wahrnehmung. Ereignisse mit großem Schaden beeindrucken uns. Sie dominieren unsere Vorstellung von der Realität, unabhängig davon, wie oft sie eintreten.

Atom-Katastrophen sind sehr selten. Intuitiv spricht trotzdem nichts dagegen, auch das letzte Restrisiko ausschalten zu wollen. Doch der Glaube an ein Nullrisiko ist naiv. Gefahren zu vermeiden, bedeutet immer, sie gegen andere zu tauschen. Wenn jedes Jahr 50 Handwerker in die Tiefe stürzen, weil sie Solaranlagen und Windräder warten, wenn jedes Jahr 50 bedürftige Menschen erfrieren, weil sie die horrenden Heizkosten nicht bezahlen können, dann fordern erneuerbare Energien in zehn Jahren 1.000 Menschenleben.

Das Beispiel ist viel zu simpel. Doch will eine Gesellschaft die richtigen Entscheidungen treffen, ist das die Art, über Risiken nachzudenken. Angst gibt dabei keinen guten Rat. Haben die Deutschen richtig entschieden?

Kernenergie hat einen großen Vorteil: Sie ist scheinbar endlos verfügbar und billig. Kohle, Öl und Gas sind noch erschwinglich, werden aber auf absehbare Zeit knapper und teurer. Wind-, Wasser- und Sonnenkraft konkurrieren deshalb mit der Kernenergie. Der amerikanische Nobelpreisträger für Physik, Robert Laughlin, urteilt gnadenlos: Alternative Energien sind längst erledigt.

Falsch liegt er damit nicht: Der deutsche Solar- und Windradboom wäre ohne die massive Subvention des Staates nicht denkbar. Auch die Atomkraft wurde in der Vergangenheit staatlich unterstützt, und die Atommüllbeseitigung wird langfristig extrem teuer. Aber das ist gestern und morgen, und Geld fehlt immer heute.

Der Gesetzgeber will jetzt Strom aus erneuerbaren Energien im Netz, und je mehr Strom die Erneuerbaren liefern, desto höher fällt die Rechnung aus. Die Kosten dafür tragen kleine Unternehmen und Privatverbraucher. Große, energieintensive Unternehmen im internationalen Wettbewerb werden weiterhin mit günstigem Strom bedacht. Steigt der Strompreis, ist Ärger programmiert.

Denn ein voller Magen und ein reines Gewissen – das wissen wir seit Brecht – stehen auf der Prioritätsskala nicht nebeneinander. Im deutschen Wohlstand lebend ist es leicht, sich eine noch bessere Welt auszumalen. Eine Welt, in der die Wälder grüner, die Flüsse klarer, die Luft sauberer und die Nahrung gesünder ist. Wer all das in der Zukunft bezahlen wird, ist da schon schwerer zu sagen. Doch ohne Wohlstand ist alles nichts.

Der anti-grüne Grünen-Albtraum

Viele freuen sich heute über die Energiewende und können sich Verhältnisse nicht vorstellen, in denen Energie knapp und teuer ist. Würden die Deutschen aus dem Atomausstieg aussteigen? Kein Verantwortlicher sagt dazu heute „ja“. Doch die Kehrtwende ist, solange die Meiler stehen, eine reale Option. Wir reden über Jahrzehnte: Die Preise steigen, die Stimmung kippt, und die Politik kippt mit. Oder eine neue Pro-Atomkraft-Partei kommt auf. Der anti-grüne Grünen-Albtraum.

Die Politik muss deshalb einen Weg finden, die Verbraucher nicht über Gebühr zu belasten, den Standort nicht zu gefährden und Innovationen in der Branche zu begünstigen. Doch die Jahre der Finanzkrise zeigen, wie wenig es bisweilen bedarf, bis ganze Volkswirtschaften wanken. Ereignisse, die nicht planbar sind, machen mitunter alle Pläne kaputt. Ist ein Ketzer, wer die Energiewende für beerdigt hält, sobald hier spanische Verhältnisse herrschen? Wäre es moralisch vertretbar, unrentable Windräder und Solaranlagen mit Milliarden zu fördern, während jeder zweite Jugendliche ohne Job und Perspektive ist? Deutschland baut sein Generationenprojekt keineswegs auf unerschütterlichem Grund.

Schauen wir Gesellschaften an, die weniger wohlhabend sind. Nimmt Deutschland 2022 sein letztes AKW vom Netz, schaltet Polen ein paar Kilometer entfernt wohl gerade sein erstes an. Polens Wirtschaft wächst und hungert nach billiger Energie. Das Land will nicht geschwächt werden, weil es auf die Atomkraft verzichtet, von der auch Deutschland so lange profitiert hat. So geht es vielen Ländern weltweit, nicht zuletzt jenen, die sich gerade entwickeln.

Deutschland ist schlichtweg privilegiert, einen besonderen Weg gehen zu können. Bei Erfolg zehrt das Land noch lange von der technischen Kompetenz und der Erfahrung, die hier entstehen. Die Deutschen tragen eine große Verantwortung. Sie ändern die Welt nicht von heute auf morgen, aber sie können eine Blaupause zeichnen für andere Länder, die bereit sind, ebendiesen Weg selbst zu gehen.

Wir haben vier Experten aus vier Ländern gefragt, was sie und ihre Landsleute vom deutschen Weg halten.

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