Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist. Rudi Völler

Hintergrund

Oben ohne

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Atheismus hat sich verändert. Zum ersten Mal in seiner langen Geschichte kann er zum echten Ersatz für die Weltreligionen werden.

Hintergrund

Der Atheismus ist zu einer politischen Bewegung geworden. In den USA entstehen atheistische Landesverbände, die den Einfluss der Religion auf die Politik beenden wollen. In Deutschland bildet sich in der SPD ein Arbeitskreis von Atheisten, der laut über ein Ende der privilegierten Rolle der Kirche in Deutschland nachdenkt. Das sind nur zwei Beispiele.

Denn der Atheismus ist nicht mehr nur eine geistige Spielart, eine Form der Überlegung über Ursprung und Sinn der Welt. Er ist nicht mehr nur – wie häufig in Frankreich oder Italien – ein anderer Name für Anti-Klerikalismus. Und er ist auch kein Synonym mehr für Institutionen-Kritik. Der Atheismus ist zur Grundlage eines neuen Lebensentwurfes geworden.

Diese Bewegung ist faszinierend, denn bislang kam der Atheismus – sofern er den ­öffentlichen Raum betrat – meist in Begleitung menschenverachtender Ideologien daher. Religionsbefürworter und -gegner hielten sich in den entsprechenden Debatten die Leichenberge vor, die die jeweiligen Weltanschauungen im Lauf der Geschichte produziert haben.

Die Form des Atheismus, wie sie heute in deutschen Großstädten kultiviert wird, ist eine andere. Er ist nüchtern und schlicht. Seine Anhänger gehen positiv damit um, dass es auf die Frage nach dem Warum der Welt keine definitive Antwort gibt. Deswegen müssen die Kirchen diesen Atheismus auch so sehr fürchten. Denn das war ihre Bastion: die Suche nach Antworten auf das Warum lebendig zu halten.

Der neue Atheismus spricht in aller Gelassenheit davon, dass es Gott wohl nicht gibt. In einer Gelassenheit, die keineswegs mit Aporie und Sinnlosigkeit einhergeht. „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Kein Grund zur Sorge – genieß’ das Leben.“: Dieser Slogan – vor einigen Jahren auf Bussen in ganz Europa plakatiert – verdichtet die Botschaft des neuen Atheismus: „Wir sind keine Lehre, wir sind ein Lifestyle.“

Das neue Lebensgefühl braucht keinen Himmel

Durch die Absage an das göttliche Prinzip entsteht für die Macher der Buskampagne eine neue Form von Gemeinschaft und Lebensordnung. Die Frage nach Gut und Böse bekommt dann einen anderen Kontext, genau wie die Frage nach Schuld oder die nach Rechtfertigung. Fragen, aus denen konkrete Lebensentwürfe erwuchsen und die über Jahrhunderte von der christlichen Religion beantwortet wurden.

Das neue Lebensgefühl braucht keinen Himmel, um die Erde zu verstehen. Die menschliche Gemeinschaft ist besser dran, wenn sie sich auf sich konzentriert und nicht auf der Interpretation alter Schriften aufbaut. Die Stärke des Christentums war bislang eine kulturelle – die Sakralbauten, die Musik, die Kunst, die geistige Durchdringung der Phänomene des Menschlichen. Und zuletzt die großartige Erzählung von Schöpfung, Sündenfall und Erlösung: nicht umsonst in allen Formen der modernen Künste durchdekliniert, bis in die aktuelle Gegenwart. Viele der neuen Atheisten erkennen dieses Erbe der Religion an, auch darin unterscheiden sie sich von den gottlosen Bilderzerstörern vergangener Epochen. Religion – das war einmal. Sie ist keinen Kulturkampf mehr wert.

Die Riten des Christentums durchdringen auch heute noch weite Teile der durchsäkularisierten Gesellschaft: Vom Christbaum über das Osterei, alles christlich interpretierte Symbole. Diese sind aber mehr und mehr entkoppelt von ihrer ursprünglichen Bedeutung und existieren weiter – auch in Haushalten von Atheisten.

Der Atheismus wird also die ritenhafte Integration übernehmen müssen, wenn das Christentum in der Zukunft seine Prägekraft verliert. Er wird so zum neuen Lebensstil, zum „Neuen Weg“, wie das Christentum in der Antike genannt wurde.

Nur Glaube oder Nicht-Glaube sind die Optionen

Auch außerhalb des europäischen Christentums bieten die Religionen dem Menschen Möglichkeiten, mit den Herausforderungen des Lebens klar zu kommen: In allen religiösen Traditionen kommen Übergangsriten am Beginn des Lebens, der Adoleszenz, der Eheschließung und des Sterbens vor.

Die gemeinschaftlich vollzogenen Riten geben dem Menschen in seiner sozialen Umgebung seinen festen Stand. Sie sind der Kitt in unseren westlichen Gesellschaften, die immer pluraler werden. Das gemeinsam gefeierte Weihnachtsfest, der Gang zum Friedhof an Allerheiligen, der Osterspaziergang. Über Jahrhunderte hat es gereicht, „die Botschaft zu hören“, um sich der Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, selbst wenn „der Glaube fehlte“. Dieser christlich konnotierte Agnostizismus ist nicht mehr plausibel. Glaube oder Nicht-Glaube sind die neuen Optionen.
Der Atheismus formiert sich als politische Bewegung: Das bedeutet aber nicht, dass seine Aktivitäten nur auf den parlamentarischen Raum beschränkt sind. Politisch sind im ureigensten Wortsinn alle öffentlichen Belange. Zum ersten Mal in der abendländischen Geschichte ist es attraktiv für eine große Zahl von Menschen, den öffentlichen Raum als gestaltbar wahrzunehmen, ohne dabei auf Gott oder ein anderes höchstes Wesen zurückgreifen zu müssen.

Viele Fragen, die dieser neue Atheismus aufwirft, sind noch unbeantwortet, zum Beispiel die nach den neuen Riten oder nach festen atheistischen Strukturen. Einen kleinen Anfang kann aber jeder für sich selbst machen. Nicht nur zum Osterfest können Sie sich fragen: „Wie halte ich es mit der Religion?“

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