Unsere Aufgabe ist nicht leicht, aber dieses Gericht wird die Welt verändern. Luis Moreno Ocampo

Hintergrund

Morgenmensch

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Übernatürliche Leistung, strahlende Schönheit, ewige Jugend: Wissenschaftler arbeiten daran, den Einzelnen zu optimieren. Doch mit jeder Grenze, die wir verschieben, setzen wir auch die Grundlage unseres Zusammenlebens aufs Spiel.

Hintergrund

Rekorde existieren, um gebrochen zu werden. Der Drang des Menschen, seine natürlichen Grenzen zu überwinden, begleitet ihn seit Anbeginn. Südamerikanische Völker verdrängten schon vor Jahrhunderten Hunger, Müdigkeit und Kälte, indem sie Coca-Blätter kauten. Aber all das wirkt primitiv – im Vergleich zu den Möglichkeiten, die die Wissenschaft uns heute bietet.

Bereits in der Frühzeit benutzte der Mensch einfache Hilfsmittel und Werkzeuge. Felle schützten gegen die Kälte, Landwirtschaft stillte den Hunger. Wir gewöhnten uns an diese Verbesserungen. Wir lernten, uns mit Fahrzeugen schneller zu bewegen, glichen Sehschwächen mit Brillen aus, besiegten Krankheiten mit Impfungen.

Unsere Geschichte ist eine Aneinanderreihung von gebrochenen Rekorden, in der natürliche Einschränkungen eine immer kleinere Rolle spielen. Wir werden älter, bleiben gesünder – und haben so Zeit für weitere Verbesserungen. Das menschliche Genom ist entschlüsselt. Die Stammzellenforschung vermag es, künstliche Organe zu erzeugen. Und dank fortschrittlicher Nanotechnologie steht gar das Zeitalter des Babelfisches – jeder versteht jede Sprache – vor der Tür.

Das Versprechen dieser Errungenschaften ist klar: Wir sind auf dem Weg zum optimierten Menschen und können unsere Evolution selbst in die Hand nehmen.

Verbesserung beginnt schon im Kindergarten

Das klingt träumerisch? Denken wir abermals an Olympia 2012: Ein südafrikanischer Läufer mit Beinprothesen nimmt am regulären Wettkampf teil. Oscar Pistorius wurden im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel amputiert, trotzdem rennt er gegen die Besten. Karbon-Prothesen machen es möglich. Seine Geschichte – unabhängig von den jüngsten Entwicklungen in seinem Privatleben – symbolisiert das enorme Potenzial von Innovationen und das moralische Dilemma, welches sie aufwerfen.

Je ausgereifter die Hilfsmittel werden, umso mehr Neider rufen sie auf den Plan. Niemand beschwert sich, wenn ein Kollege dank Koffein im Meeting länger durchhält. Pistorius hingegen musste bis vor das höchste Sportgericht ziehen, um die Zulassung für den Lauf zu erhalten. Konkurrenten hatten ihm vorgeworfen, mit seinen federnden Prothesen einen unfairen Vorteil zu haben.

Was wie Science-Fiction klingen mag, findet tatsächlich Tag für Tag in Laboren und Kliniken statt – und sogar in Kindergärten, wo der Nachwuchs bereits im frühen Alter spielend die erste Fremdsprache lernt. Ganz so, wie Neurowissenschaftler empfehlen. Die Forschung spricht bereits von einer Konvergenz der Technologien: Die Erkenntnisse der Bio-, Nano- Informations- und Neurowissenschaften tragen gemeinsam neue Früchte. Dabei wird auch zunehmend die menschliche Natur außer Kraft gesetzt. In Zukunft wird auf der mikroskopischen Ebene optimiert und eingegriffen. Den Nobelpreis für Medizin teilten sich 2012 ein Brite und ein Japaner: Sie verwandeln gealterte Körperzellen zurück in Stammzellen. Altern könnte also bald der Vergangenheit angehören.

Wie aber schon der Fall Pistorius zeigt, werfen diese Eingriffe zwangsläufig ethische Fragen auf. Besteht Chancengleichheit, wenn ein Mensch mit künstlichen Beinen schneller laufen kann als 99 Prozent der Weltbevölkerung? Doch dürften wir jemanden zwingen, Krankheiten oder das Altern länger hinzunehmen, wenn Zellmanipulation sie zu verhindern vermag? Wo verlaufen die ethischen Grenzlinien?

Zuletzt zeigt sich dieses Dilemma in der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei künstlicher Befruchtung erlaubt diese die Voruntersuchung von Embryonen auf eventuelle Erbkrankheiten – und damit auch die Selektion. Gegner der PID argumentieren, dass Imperfektion zum Mensch gehöre. Sie haben dabei die Philosophie auf ihrer Seite.

Fehler unterscheiden uns Menschen

Nietzsche beschreibt den Menschen als „nicht festgestelltes Tier“. Ähnlich denkt der Anthropologe Arnold Gehlen, der im Menschen ein schwaches und gebrechliches Mängelwesen sieht. Nur gegenseitiger Zusammenhalt und die gemeinsame Kultur bewahrten uns davor, an diesen Mängeln zugrunde zu gehen. Gehlen war trotz allem Optimist.

Und tatsächlich: Fehler unterscheiden uns Menschen, letztlich garantieren gerade die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Chancengleichheit. Das ständige Streben nach Verbesserung könnte diese erodieren, wie der Film „Gattaca“ (1997) in einer dystopischen Vision zeigt: Durch Selektion und Optimierung spaltet sich die Menschheit in Verbesserte und Benachteiligte, deren Defizite nicht durch technische Errungenschaften ausgeglichen wurden. Gehlens Optimismus ob der gemeinsamen Kultur gerät in dieser Welt schnell ins Wanken. Wenn wir zur Kompensation unserer Schwächen von anderen keine Hilfe mehr erhalten, erschüttert das die Grundfesten unseres Zusammenlebens.

In unserer Debatte treffen Befürworter und Kritiker der neuen technischen Möglichkeiten aufeinander. Die Fragen, die sie aufwerfen und beantworten, müssen wir uns alle stellen. Denn sie betreffen jeden einzelnen Menschen.

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