In der Spieltheorie gibt es das „Nullsummenspiel“: Die Summe der Gewinne und Verluste aller Spieler ist zusammengenommen gleich null. Man könnte auch sagen, der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen. Aus realpolitischer Sicht bedeutet das: Wenn der eine politische Macht gewinnt, muss der andere zwangsweise Macht abgeben.
So gesehen war 2012 ein erfolgreiches Jahr für Deutschland, insbesondere für die deutsche Kanzlerin. Deutschlands wichtigster europäischer Partner Frankreich kommt mit seinen Wirtschafts- und Sozialreformen nicht so recht voran, Griechenland braucht weitere Milliardenhilfen, auch die Sorgenkinder Spanien und Zypern schaffen es nicht alleine.
Wirtschaftliche Stärke verleiht Selbstbewusstsein
Das vergangene hektische Jahr – in dem ein Krisengipfel auf den nächsten folgte – hat Deutschlands Position gestärkt. Weil die anderen schwächeln, geht ohne die Bundesrepublik in Europa nichts mehr. Die deutsch-französische Partnerschaft ist der beste Beweis dafür. Über kaum etwas herrschte 2012 Einigkeit zwischen Paris und Berlin: Braucht die EU Eurobonds? Ist Wachstum der Weg aus der Krise oder müssen die Euro-Länder mehr sparen? Um Kompromisse, wie bei der Bankenunion, wurde hart gerungen – am Schluss setzte sich meist Deutschland mit seinen Forderungen durch oder schaffte es zumindest, die Deutungshoheit über die Ergebnisse zu behalten.
Aber bedeutet dies tatsächlich, dass Deutschland das Machtspiel für sich entschieden hat? Im Gegensatz zur französischen Wirtschaft zeigt sich die deutsche bisher krisenresistent, mangelndes Wachstum ist kein Thema, das Land besitzt weiterhin die Top-Bonität. Die harten Strukturmaßnahmen, die schon vor Jahren mit Gerhard Schröders Agenda 2010 umgesetzt wurden, zeigen Wirkung und gelten mittlerweile auch anderen europäischen Regierungen als nachahmenswert. Die wirtschaftliche Stärke verleiht Deutschland Selbstbewusstsein – auch und gerade im politischen Bereich.
Auf dem Mountain-Bike durch die Krise
Frankreich hingegen verweigert sich hartnäckig dringend benötigten innenpolitischen Reformen. Seit 1980 kann das Land keinen ausgeglichenen Haushalt vorweisen, seine Wettbewerbsfähigkeit nimmt stetig ab. Fast immer wird heute politische Macht mit wirtschaftlicher Macht gleichgesetzt – geht es danach, radelt Deutschland nun alleine auf seinem Mountain-Bike durch die Krise, das deutsch-französische Tandem steht mit einem Platten im Schuppen.
Doch so einfach ist es nicht. Denn Macht, ob politische oder wirtschaftliche, ist nur eine Seite der Medaille. So wie die deutsche Einheit und die europäische Einigung vor dem Mauerfall für Helmut Kohl zwei Seiten ein und derselben Medaille waren, so ist auch heute die deutsche Macht nur die andere Medaillenseite der europäischen Integration. Mit simplen Machtkalkulationen kommt man nicht weit, das Nullsummenspiel funktioniert nicht. Das zeigt – ausgerechnet – die Spieltheorie. Dort gibt es nämlich auch die Jagdpartie, die auf Jean-Jacques Rousseau zurückgeht: Wer in diesem Spiel alleine jagt, erlegt nur einen Hasen. Zu zweit hingegen einen Hirsch.