Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht. Ursula von der Leyen

Hintergrund

Grande Nation ganz klein

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Friede, Freude, Crêpes war gestern: Deutschland wächst über sich hinaus, und auf einmal sind die Franzosen nur noch Juniorpartner. 50 Jahre nach Unterzeichnung des Élysée-Vertrags gibt Berlin die Richtung für Europas wichtigstes Tandem vor.

Hintergrund

Die deutsch-französische Freundschaft lebt in vielen Bildern: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die sich nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags die Hand geben und dann umarmen. Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, tief versunken ins gemeinsame Schachspiel. François Mitterrand und Helmut Kohl, Hand in Hand auf dem Friedhof von Verdun. Jacques Chirac und Gerhard Schröder, biertrinkend in Dresden. Nicolas Sarkozy, der von Angela Merkel einen Steiff-Bären für seine neugeborene Tochter bekommt.

Was diese Bilder harmonischer Gesten nicht sagen: Die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen ist vor allem eine Geschichte von Macht. Macht im Vergleich zum Nachbarland; gemeinsame Macht im Gefüge der Europäischen Union. Letztere steckt in einer tiefen Krise. Machtparameter haben sich dadurch verschoben, Die Verteilung der Macht muss neu ausgehandelt werden. Das gilt insbesondere für Frankreich und Deutschland, die als Motor die europäische Integration in vielen Bereichen vorangebracht haben.

50 Jahre nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags am 22. Januar 1963 hat sich das Machtverhältnis zwischen den beiden Ländern verschoben – eine langsame, aber stetige Entwicklung, die mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands begann: Die Bundesrepublik erlangte mit einem Schlag ihre volle Souveränität zurück, und auf einmal war das Verhältnis der beiden Länder zueinander nicht länger asymmetrisch.

Frankreich wehr sich gegen seine Degradierung

Die Eurokrise fungiert nun als Katalysator dieser Entwicklung. Anfangs eher zögerlich, seit 2011 sehr bestimmt, hat Deutschland die Führungsposition akzeptiert, die ihm unter anderem von den USA angetragen wurde. Frankreich? Ist nach wie vor der präferierte Partner. Unter Führung Angela Merkels gibt aber das krisenresistente Deutschland als größte europäische Wirtschaftsmacht die Marschrichtung vor. Frankreich ist international immer weniger wettbewerbsfähig: Es leidet unter einer enormen Staatsverschuldung, seine Kreditwürdigkeit wurde von Standard & Poor’s herabgestuft und 23 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Resultat? Die ehemalige Welt- und Kolonialmacht findet sich nun in der Rolle als Juniorpartner Deutschlands wieder.

Das muss die Grande Nation irritieren, waren die Vorzeichen 1963 doch ganz andere: Mit Deutschland wollte Charles de Gaulle im Élysée-Vertrag die Art zwischenstaatlicher Zusammenarbeit umsetzen, für die sich unter den anderen europäischen Partnern keine Mehrheit fand. Die Bundesrepublik war auf einen starken Partner angewiesen – nach dem Krieg hatte das Land seine Souveränität schließlich noch nicht vollständig zurückerlangt. Frankreich auf der anderen Seite forcierte zwar die Einbindung Deutschlands, wollte dabei aber die Regeln bestimmen. Damit ist Schluss. Die jetzige Krise stellt die EU als Gesamtprojekt infrage – und davon kann auch das Tandem Paris-Berlin nicht unberührt bleiben. Die Machtfrage wird neu gestellt. Dabei leidet Frankreich momentan mehr als Deutschland an einem grundsätzlichen Problem: Beide Länder sind sehr stark sowohl voneinander als auch von der EU abhängig.

Während Deutschland seine neue Stärke immer öfter nutzt, um Europa seinen Stempel aufzudrücken, wehrt sich Frankreich gegen seine Degradierung, sucht sich neue europäische Verbündete. Bis zum Ausbruch der Krise konnten sich die anderen EU-Mitgliedstaaten auf die deutsch-französische Kompromissmaschinerie verlassen: Interessenkonflikte zwischen Deutschland
und Frankreich repräsentieren oft einen generellen Konflikt auf europäischer Ebene. Schafften die zwei Länder es, aufeinander zuzugehen, profitierte davon die gesamte EU.

Adieu, Schicksalsgemeinschaft

Doch diese Maschinerie versagt, wenn Grundfragen des EU-Systems im Mittelpunkt stehen. Frankreich geht auf Konfrontationskurs: Unversöhnlich steht sein Werben für Wachstum und Solidarität der deutschen Austeritätspolitik gegenüber. Die Grande Nation schlägt sich somit auf die Seite der hoch verschuldeten südeuropäischen Länder – ein starkes Signal an den harte Sparmaßnahmen predigenden Norden und insbesondere an dessen Vorreiter Deutschland. Der unfreiwillige Juniorpartner emanzipiert sich und versucht, das Machtspiel wieder zu seinen Gunsten zu wenden. In einem sich verändernden Europa, das hat Frankreich begriffen, muss es sich ebenfalls ändern, wenn es aus dem Schatten Deutschlands wieder heraustreten will. Die Achse Paris-Berlin ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine Herzensangelegenheit oder gar „Schicksalsgemeinschaft“ schon gar nicht.

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